Berlin ab 50…

… und jünger

Eine Postkarte erzählt

Durch Zufall fiel mir diese Postkarte  aus der Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts  in die Hände und ein älterer  Herr und Zeitzeuge machte mich auf die Dinge aufmerksam, die man nur sieht, wenn man sie weiß. Ich war beeindruckt  und erzähle es Ihnen gern weiter:

Die Postkarte zeigt den Blick vom Mehringdamm in die Yorckstraße  in Kreuzberg 1955. Seit 1864 gab es hier die Belle-Alliance-Straße (Schlacht bei Waterloo 1815, Belle Alliance war der Name eines Gasthofs und das Hauptquartier der Preußen und wurde synonym für Waterloo benutzt), die 1946 zum Mehringdamm (nach dem Schriftsteller und SPD-, später KPD- Mitglied Franz Mehring) umbenannt wurde. Kreuzberg lag im  amerikanischen Sektor. Das Rathaus rechts in der Yorckstraße ist einer der ersten Neubauten West-Berlins. Das zehngeschossige Gebäude aus den Jahren 1950/1951 von Willy Kreuer ist ein typischer Nachkriegsbau mit schlichter Fassadengestaltung. Die 2017 leider geschlossene Kantine im 10.Stock war legendär. Kreuer war ein Architekt der Nachkriegsmoderne, dem Berlin außerdem die Amerika-Gedenkbibliothek (gemeinsam mit Fritz Bornemann), die Bibliothek im Hauptgebäude der TU  und das ADAC –Haus in der Bundesallee verdankt.

Der Bus Nr. 19 im Vordergrund stammt aus der ersten Doppelstockserie nach dem Krieg mit „Unterflurmotor“ statt Motorhaube und ist von  Büssing (Braunschweig), Modell D2U.  Leider konnte ich seine Route nicht recherchieren, vielleicht fuhr er wie der heutigen M19? Das Modell D2U wurde  ein  regelrechtes »Markenzeichen« der Inselstadt West-Berlin und ist auf vielen Postkarten aus dieser Zeit zu sehen. Er hatte drei Türen sowie einen Schaffnerplatz im Heck. In Ost-Berlin  fuhren damals  die Do 56 Doppeldeckerbusse mit „Schnauze“ aus dem sächsischen Werdau.

Das Taxi ist  ein Mercedes Typ 170 V mit Dieselantrieb, der 1937 auf dem Markt kam und auch nach dem 2. Weltkrieg bis  1953 unverändert   weitergebaut wurde. Erst 1953  wurde dieses Modell durch den völlig neu konstruierten W 120 abgelöst.

Links vorn steht  ein Tempo 400 (Vidal & Co. Harburg, Zweizylinder-Zweitakt mit 400 Kubikzentimeter und  12 PS; kostete damals 3300 DM)  und dahinter ein Goliath G750, 13 – 14 PS von Borgward Bremen mit Hinterachs-Kardan. Beide waren die gängigsten, weil billigsten Fuhrwerke für den Kleingewerbetreibenden und fielen in der Rechtskurve gern um. Vor dem 2. Weltkrieg durften Kraftfahrzeuge mit weniger als vier Rädern und einem Hubraum von unter als 200 Kubikzentimetern ohne Führerschein gefahren werden und waren steuerfrei. Sie waren daher sehr beliebt. Hier ist der Hubraum höher, ob auch zu dieser Zeit ohne Führerschein gefahren werden durfte, war meinem Zeitzeugen nicht bekannt. Beide Firmen gibt es seit den 60iger Jahren nicht mehr.

Im Vordergrund der Wegweiser mit Orten, die zum Teil nicht mehr im Nachkriegsdeutschland lagen.  Ein weiterer (für Reichsstraße 1) mit Kilometerangaben nach Königsberg und Danzig ist nicht zu sehen, weil er in Fahrtrichtung dahinter steht. Er war für die „Machthaber in Pankow“ in der „SBZ“ stets Beweis für den westdeutschen Revanchismus in Westberlin. Heute steht  er der Revanchismus? im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Alle Herren- und es sind nur Herren zu sehen- tragen einen Hut. Im Vordergrund die Herren in klassischer Ausstattung mit Popeline-Regenmantel und flacher Aktentasche (für Stullen und Zeitung), die auf dem Weg ins Büro sind. Oder warten sie auf die Straßenbahn Nr. 3., die,  die von der Osloer Straße über die Yorckstraße Richtung Neukölln/ Hermannplatz  fuhr?

Auf der linken Seite ist vorn in der Häuserzeile ein Stück der  1907 im neugotischen Stil erbauten katholische St. Bonifatius Pfarrkirche (Vorderhausfassade) zu sehen. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört, brannte aber vollständig aus und wurde schon 1946 wieder genutzt. Katholische Kirchen durften in der Kaiserzeit in Berlin nie freistehend gebaut werden, dieses Privileg war der evangelischen Staatskirche vorbehalten. Übrigens eine Folge des „Kulturkampfs“ unter Bismarck.  Dahinter die Türmchen gehören zu einem Wohnhaus neben Riemer´s Hofgarten.

Wie hier aufgezeigt, ist der  Goethe zugeschriebe Satz: „Man sieht nur, was man weiß“, keine leere Floskel. Dinge fallen uns auf, sobald wir Hintergrundwissen darüber haben und es anwenden können.

Das zweite Bild ist der Zustand im Juli 2017. Schauen Sie auch hier genauer  hin.

Meint mw

Fotos (c) mw

4 Kommentare

  1. Diese Straßenkreuzung is fest in meinem Gedächtnis verankert. Meine Erinnerungen gehen zurück zu den vierziger Jahren als ich in der Gneisenaustraße zur Schule ging. Nach dem Krieg dann musste ich zur Schule in der Baruther Straße. In 1942 wurde hier ein Mädchen mit dem ich den gleichen Schulweg hatte von einer Straßenbahn erfaßt. Sie hatte nicht auf mich gewartet wie es abgemacht war.

    Später im April 1945 marschierten hier die Rotarmisten zur Front am Halleschem Tor. Gottfried Benn wohnte in dem Haus mit der Apotheke. An der ander Ecke war ein Büro der KPD zu dem mein Vater eilte als er aus Kriegsgefangenschaft entlassen wurde.

    Der Bus 19, glaube ich, fuhr damals vom Roseneck zum Flughafen Tempelhof.

  2. mw

    Herzlichen Dank für Ihre persönlichen Erinnerungen. Die Zuschrift war mir Anlass, in Ihrem Blog zu stöbern und ich habe mit großem Interesse die Schilderungen aus Ihrer Kindheit und Schulzeit in Kreuzberg verfolgt. Beste Grüße nach Australien! Vielleicht schreiben Sie mal einen Beitrag für Berlin ab 50? Wir würden uns sehr freuen. Viele Grüße mw

  3. PB

    Da wäre vielleicht noch der hemdsärmelige „Texas Willy“ zu erwähnen, der Kreuzberger Bezirksbürgermeister der frühen 1960-er Jahre, bekannt für seine unorthodoxen politischen Ansichten und auch sein Finanzierungsmodell für das abgebildete Rathaus. Willy Kressmann, war in einer seiner vielen Ehen verheiratet mit der Skandalarchitektin und Immobilienspekulantin Sigrid Kressmann-Zschach (Steglitzer Kreisel, Ku’damm Karree).
    Berliner Politikfilz vom Feinsten.

  4. Kressmann war gerade wegen seiner unorthodoxen Iseen bei den Kreuzbergern so beliebt. 1949 führte er den sogannten „Grauen Markt“ ein. Er wollte damit den schwarzen Markt bekämpfen. Vor dem Finanzamt Kreuzberg am Mehringdamm wurden Marktstände aufgestellt von denen Händler Güter zum Verkauf anbieten konnten. Der Rathausbau war eine gute Idee genauso die Schüler des Bezirks aufzurufen an einem Wettbewerb teilzunehmen ein neues Bezirkswappen zu entwerfen. Kressmann war sehr volksnah und besuchte auch ältere Bürger an ijren Geburtstagen. Sicherlich, konventional war er nicht

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