Berlin ab 50…

… und jünger

Gratulation – und die Kinder von Tschernobyl

Ich gehöre zu einer Gruppe, der Christen und Nichtchristen, vom Schüler bis zum Rentner, Menschen aus den verschiedensten Berufen angehören, die seit 1990 jedes Jahr Kinder aus der nach dem Supergau von Tschernobyl verstrahlten Region um die weißrussische Stadt Gomel zu einem mehrwöchigen Erholungsaufenthalt nach Deutschland holen. Realisiert und finanziert wird alles über ehrenamtliche Arbeit und Spenden.

Wie in jedem Jahr hatten wir auch in diesem Jahr an einem Samstag Mitte August unsere Spender zu einem „Tag der offenen Tür“ in unser Camp in Hirschluch/Land Brandenburg eingeladen. Die Kinder führten ein in den Tagen vorher einstudiertes Programm auf. Eigentlich sollen es gesunde Kinder aus Familien mit behinderten Kindern sein, die zu uns kommen, damit sich ihr Immunsystem in den wenigen Wochen in unverstrahlter Umgebung bei unverstrahltem Essen erholen und stabilisieren kann. Trotzdem haben auch viele dieser „eigentlich gesunden“ Kinder gesundheitliche Probleme, sind in der Entwicklung zurückgeblieben, spastische Erkrankungen nehmen zu. Und gerade deshalb ist es immer wieder berührend zu sehen, welche Talente in den Kindern schlummern. Sie bekamen tosenden Applaus.

Nach dem Programm hatten wir eine Ärztin zu einem Vortrag über die Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl eingeladen. Frau Dr. Dörte Siedentopf berichtete über die Spätfolgen der verschiedenen freigesetzten Isotope, was Plutonium, Jod, Strontium oder Cäsium auch nach ihren Halbwertzeiten noch bewirken, wie Letzteres in der Placenta der Frauen eingelagert wird und was das für die dann geborenen Kinder bedeutet. Vieles davon können wir an unseren Gastkindern sehen.

Leidenschaftlich berichtet diese Ärztin dann noch über ihr Engagement gegen einen anderen Einsatz von Atom. Sie gehört nicht nur zu einer ähnlichen Gruppe wie die unsere, sie arbeitet auch bei „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW)“ mit. Zum Schluss fragte sie in die Runde:  Wussten Sie es?

Und sie gab die Antwort gleich selbst:  Am 7. Juli haben 122 Staaten einem Vertrag über ein Verbot von Atomwaffen zugestimmt.  Unter der Führung der österreichischen Regierung entstand die diplomatische Initiative „Humanitäre Selbstverpflichtung“ für eine Verbotsinitiative der UNO. Damit akzeptiert die internationale Gemeinschaft nicht länger den Sonderstatus der Atommächte. Das zukünftig völkerrechtlich verbindende Abkommen verbietet neben der Herstellung, dem Einsatz, dem Besitz von Atomwaffen auch die Androhung ihres Einsatzes und die Stationierung in anderen Staaten. Die Niederlande enthielt sich und Singapur stimmte dagegen. Die Atommächte hatten an den Verhandlungen nicht teilgenommen. „Wir haben nicht vor, den Vertrag zu unterschreiben, zu ratifizieren oder Teil davon zu werden“, erklärten die Atommächte Frankreich, Großbritannien und USA.

(c) VB

Wussten Sie es?  
Deutschland hat als NATO-Mitglied in der UN gegen ein Atomwaffenverbot gestimmt und nahm noch nicht einmal an den Verhandlungen teil, da die nukleare Abschreckung zur Strategie des Bündnisses gehört.

Wussten Sie es?
85 % der BundesbürgerInnen sind für den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland, 93 % befürworten ein Verbot.

Wussten Sie es?
1.800 Atomwaffen sind noch immer in Alarmbereitschaft und die Atomwaffen in Deutschland werden aktuell aufgerüstet.

Ich hatte nichts in meiner Tageszeitung gelesen, nichts in anderen Medien gelesen, gesehen oder gehört.
Das ist jetzt anders. Die Organisation, die diese Vertragsbewegung wesentlich initiiert hat – ICAN – hat jetzt den diesjährigen Friedensnobelpreis bekommen. ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) ist ein Bündnis aus etwa 450 Organisationen und Friedensgruppen. Dr. Ron McCoy, ein malaysischer Arzt und Vorsitzender des IPPNW, zu der auch unsere Referentin gehört, hatte zuerst die Idee für eine internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen.

Wenn auch Sie und viele andere, wie auch ich, bisher nichts von dieser UN-Initiative wussten, dann dürfte das jetzt anders sein. Außer ICAN für den Erhalt des Friedensnobelpreises muss man auch dem Nobelpreiskomitee für diese Wahl gratulieren.
Mit diesem Preis wächst der Druck auf die bisherigen Vertragsverweigerer und damit auch auf die zukünftige neue Bundesregierung.

Zurück zu unserem „Tag der offenen Tür: Unsere Kinder spielen an diesem Tag ihr Spiel zu Ende, tanzen und singen mit Hingabe. Zum Schluss schallt uns ihr lautes Спасибо (Danke) entgegen.

„Zuerst fühlen die Menschen das Notwendige, dann achten sie auf das Nützliche, darauf bemerken sie das Bequeme, weiterhin erfreuen sie sich an dem Gefälligen, später verdirbt sie der Luxus, schließlich werden sie toll und zerstören die Erde.“

– sagte 1725 Giambattista Vico (gefunden in: Roger Willemsen, Wer wir waren, Fischer Verlag Frankfurt/Main, 2016).

Liebe Leser, weitere Informationen finden Sie unter www.ippnw.de  und www.aktionskreis-kinder-von-tschernobyl.de.

Informieren Sie sich –  wünscht sich VB

Fotos (c) Aktionskreis „Kinder von Tschernobyl“

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