Berlin ab 50…

… und jünger

Das schlechte Gewissen….

Seit einigen Monaten bin ich nun „im Ruhestand“. Ich war gut vorbereitet, dachte ich. Ich wusste, was ich alles tun will, freute mich sehr auf den neuen Lebensabschnitt. Auf viel Zeit, nur für mich. Schließlich brachte meine freiberufliche Tätigkeit ein  „Immer bereit sein“ mit sich. Diese ununterbrochene Anspannung war natürlich nervenaufreibend, auch wenn mein Beruf mir (meistens)  großer Freude bereitet hat.

Dann war er da, der Rentenbeginn … ungläubig fast feierte ich den „ersten Tag“.

Aller beruflichen Bürden ledig schmiss ich mich also auf neue Aktivitäten. Als erstes habe ich meine Wohnung halbwegs auf den Kopf gestellt – was wohl viele frische Rentner tun, wie ich inzwischen erfahren habe. Meine Tage waren ausfüllt:  Fußboden und Küche neu,  Wohnzimmer gemalert – Gespräche mit Handwerkern. Dann das Arbeitszimmer:  PC überholt, Bücher und Arbeitsmaterial weggeworfen, Umgestaltung überlegt.  Eine kleine Pause. Und da kam es schon um die Ecke, mein schlechtes Gewissen….

Es begann mit dem Wegwerfen der beruflichen Papiere. Zweifel, Fragen, Erinnerungen kamen hoch, nicht immer angenehme. Trotz allem, ich habe wie geplant radikal weggeworfen. Tonnenweise landete Altpapier und alte VHS-Kassetten im Wertstoffhof.  Einigermaßen zufrieden  habe ich mir gesagt, so, nun darfst du aber auch eine Pause einlegen. Nach einer halben Stunde  Zeitunglesen, kam es, mein altes, gut bekanntes schlechtes Gewissen, das mich immer angetrieben hat, etwas zu tun.

Ich musste mir bewusst vorsagen, du darfst ab jetzt, ohne schlechtes  Gewissen.  Aber so einfach lässt sich, wie Sie sicher auch wissen, ein schlechtes Gewissen nicht vertreiben. Es begleitete mich offen und verdeckt, es ist ein zäher Geselle, ihn zu bekämpfen bedeutet Arbeit (Gottseidank, schon wieder „Arbeit“).  Ich empfand es schwierig, nach 45 Arbeitsjahren, die ich immer viel und gerne gearbeitet habe – Abendabitur, Studium plus Arbeit, einen aufreibenden, zeitintensiven Job, Selbständigkeit -,  mich plötzlich „in den Ruhestand“ zu begeben. „Ruhe“ gab’s bis dato ein paar Tage im Jahr, als „wohlverdienten“ Urlaub. Aber nun darf ich „Ruhe“ geben – ohne sie mir „wohlzuverdienen“. Theoretisch einfach, praktisch nicht ganz so.

Und es geht gar nicht darum, die Stunden meines Tages zu füllen.  Es ist nicht das Problem, mit der Zeit etwas anzufangen  – im Gegenteil.  Meine Interessen sind vielfältig und ich habe bereits  viele Pläne gemacht. Nein, es geht um die innere Haltung. Die Überlegungen, eine Aufgabe zu haben, eine Bestätigung zu finden, nicht in eine Schwarzes Loch fallen usw. –  sie alle waren ins Kalkül gezogen. Aber meine „Falle“  war eine ganz andere:

Lesen, Lesen, Lesen – war eines meiner erklärten Ziele.  Es liegen inzwischen Bücher hochgetürmt in meinem Arbeitszimmer und warten aufs Lesen.  ABER, Lesen gehörte für mich bis dato zur „Arbeit“.  Nun habe ich aber diesen Arbeitsabschnitt ad acta gelegt, also ist Lesen nun zum „reinen Vergnügen“ geworden. In meinem bisherigen Leben gab es dies aber bisher selten. Bücher gehörten Zeit meines Lebens zur Arbeit:  Nicht nur in der  Schule und im Studium, sondern auch im Beruf. Und ich zumindest lese ganz anders, wenn ich zielgerichtet lesen muss oder „einfach so“.  Ich brauche also eine neue  Herangehensweise, die trainiert werden muss. Jahrzehntelang war ich auf Arbeit geeicht, tagein tagaus,  tagtäglich –  und kannte das Nichtstun, die Langsamkeit, die Geruhsamkeit kaum, und schon gar nicht mit einem Buch in der Hand.

Auf dies  hat mich aber erst mein schlechtes Gewissen gebracht. Ich muss mich also in einen anderen Modus bringen. Durchbrechen konnte ich dies tatsächlich erst durch eine Reise –  Abstand von zuhause, durch das Gewinnen neuer Eindrücke, durch ausgefüllte Tage mit Wandern, Lesen und Genießen – und dem Lesen von Lion Feuchtwangers Roman „Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch“.  Vor Ort, im Land der Margarete von Tirol (die vermutlich gar nicht so hässlich war) konnte ich lesen – ohne an Arbeit zu denken. Was für ein wunderbares Gefühl! Ich werde versuche, es mir zu bewahren…

Fazit: Auch „Ruhestand“ muss gelernt werden – und ein schlechtes Gewissen hat immer auch sein Gutes.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen oder ganz andere, mich würde es interessieren.

Vor allem aber, bleiben Sie neugierig
go

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