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… und jünger

Eine feste Burg ist unser Gott….

Luther auf der Wartburg – ein Ausstellungsbericht

Wenn Sie sich zu einem „Nationaldenkmal“ und zu einem „Nationalheiligen“ aufmachen wollen, dann besuchen Sie die Wartburg.  Die Sonderausstellung  „Luther und die Deutschen“ können Sie noch bis 5. November 2017 besuchen.

Er steht da oben, fast riesengroß, schwarz, den Hammer drohend schwingend gegen die Burg. Vorher schon, mit dem angeblichen Thesenanschlag in Wittenberg, seiner Standhaftigkeit in Worms, begann sein Mythos, hier aber auf der Wartburg und in Verbindung mit dieser Burg wuchs er zeitweise ins Unermessliche, mythisch verklärt oder aufgeblasen zum Popanz. Auch wenn es den Thesenanschlag wohl so nicht gegeben hat, auf gedruckten Flugblättern verbreiteten sich seine Thesen mit rasanter Geschwindigkeit im Reich.

Anfang August besuche ich die Wartburg, eigentlich die Ausstellung „Luther und die Deutschen“, die noch bis zum 5. November hier gezeigt wird. Ich gehöre zu den ersten Besuchern an diesem Tag. Ab 8:30 Uhr öffnet die Burg ihre Pforten. Eine junge Burgführerin leitet in die Ausstellung ein. Die Ausstellung selbst ist gespickt mit großartigen Zeugnissen der Zeit und des Lutherkultes. Die ständige Ausstellung –  mit Sängersaal, der Galerie der heiligen Elisabeth, dem Festsaal im Stile einer germanischen Königshalle, dem Landgrafenzimmer, dazu noch mit der Ritterhalle oder der Elisabeth-Kemenate mit ihrer überreichen historisierenden Gestaltung nach der byzantinischen Mosaikkunst –  ist harmonisch in das Gesamtkonzept einbezogen.

Breiten Raum nimmt in der Sonderausstellung natürlich die Übersetzungsarbeit Luthers ein. Hier auf der Burg schuf er für seine Übersetzung des Neuen Testamentes aus den ober- und niederdeutschen Dialekten unter Verwendung der sächsischen Kanzleisprache, die überall verstanden wurde, die deutsche Schriftsprache, das Lutherdeutsch, und leistete damit einen immensen Beitrag zur späteren Herausbildung eines deutschen Nationalbewusstseins. Ausgestellte Protokolle zeigen die fortgesetzte Er- und Überarbeitung von Luther und Melanchthon und später noch von anderen, bis 1545 „die Ausgabe aus letzter Hand“ gedruckt vorlag, die die Vorlage für alle künftigen Bibelausgaben darstellte. Die Ausstellung benennt auch die Sprach- und Wortschöpfungen, die nachweislich auf Luther zurückgehen: Denkzettel, Lästermaul, Nächstenliebe oder Mit Blindheit geschlagen sein oder Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, um nur einige zu nennen.

Es war der zentrale Anlass Luthers und der Reformatoren für die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, dass nicht nur Kleriker diese lesen können, sondern auch Laien. Dafür mussten vor allem Letztere auch lesen können. Durch die Reformatoren wurde eine wahre Bildungsoffensive gestartet, gültig auch für Frauen. Auch das Familienleben wurde neu geordnet. Die Ehe galt nun auch für die Pfarrer des neuen Glaubens, dass Zölibat wurde abgeschafft, die „mustergültige“ Institution des Pfarrhauses installiert. Die glaubens-, bildungs-, sozialen und gesellschaftlichen Umwälzungen waren gewaltig.

Aber die Ausstellung zeigt auch die andere Seite Luthers mit eindrucksvollen Dokumenten. Er beanspruchte das Deutungsmonopol über die Bibel und erhob dieses damit zu einem neuen Dogma. Nicht zuletzt ist es diese seine unversöhnliche und kompromisslose Haltung gegenüber anderen Auslegungen, anderen Interpretationen, die nicht nur zu den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken, sondern auch zu Mord und Totschlag zwischen den Protestanten führte.

Auch wenn er wohl später differenzierter dachte, ist seine Haltung zu den drangsalierten Bauern während des Bauernkrieges kein Ruhmesblatt für Luthers Wirken.

Vor dem Hintergrund der Invasion der Türken in Europa in dieser Zeit waren diese Agenten des Teufels, die im Bündnis mit dem Papst als Personifizierung des Antichristen die Endzeit heraufbeschworen.

Unversöhnlich aber wurde sein Hass gegen die Juden. Um 1900 kam es zu einer „Wiederentdeckung“ von Luthers Judenschriften. Was Worte bewirken und anrichten können, zeigt sich dann mit einer schonungslosen Deutlichkeit in den ausgestellten Beispielen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten beriefen sich auf Luther und die Deutschen Christen sahen Luthers Willen von Hitler vollstreckt.

Als ich vor der Bundestagswahl durch Mecklenburg fuhr, sah ich mit Erstaunen, wie die NPD mit Luther Wahlwerbung macht. Luther hat hier etwas gesät, was ihm ewig anhängen wird und das auf fatale Weise nachwirkt. Begrüßenswert ist, dass sich die evangelische Kirche im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum deutlicher als je zuvor von diesem Erbe Luthers distanziert und es aufarbeitet.

Durch die Zeiten wuchs der Mythos Luther. Schon im 16. Jahrhundert wurde der Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg zum realen Ereignis stilisiert und weiter heroisiert. Ideen zur mythischen Überhöhung scheinen unerschöpflich. In der Kapelle im ersten Obergeschoss der Wartburg und von der Kanzel dort hat Luther nie gepredigt. Trotzdem wurden beide nach ihm benannt und auf einem ausgestellten Gemälde predigt er dort im vollen Pfarrersgewand, obwohl er auf der Wartburg wohl durchgängig als Junker Jörg gekleidet war.

Als die deutschen Burschenschaften ihr Wartburgfest begingen, huldigten sie Luther als Freiheitsheld. Dabei propagierte Luther ausschließlich die Glaubensfreiheit, was für seine Zeit schon ungeheuerlich war, ansonsten sollte der Mensch seiner „gottgewollten“ Obrigkeit untertan sein. Das deutsche Kaiserreich feierte ihn dann als Vorkämpfer der Nation und Urbild des Deutschtums. Selbst in der DDR erfuhr Luther zum 500. Geburtstag staatliche Ehre.

Die Ausstellung beschließt ein Blick in die Lutherstube. Im 19. Jahrhundert wurde sie mit Devotionalien angefüllt. Auf den Mythos von Luthers Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel verwies bei meinem Besuch heute ein digitales Lichtspiel als Andeutung dieses Wurfes, welches aufscheint und wieder verlöscht. Ein schönes Bild als Hinweis auf jegliche Mythenbildung.

Nicht gefunden habe ich – oder ich habe ihn übersehen –  den Hinweis auf eine andere Leistung Luthers, mit der er eigentlich der neuen Religion widersprach. Wohl niemand erkannte den Reiter, der sich am 6. März 1522 der Stadt Wittenberg näherte. Schockiert durch die neuen Nachrichten – am 6. Februar war es auch hier zu einem Bildersturm in den Kirchen und Klöstern der Stadt gekommen – hat sich Junker Jörg, um ihn handelt es sich, auf den gefahrvollen Weg von der Wartburg gemacht und schon vom 9. März an hielt er an sechs Tagen je eine Predigt in der Wittenberger Stadtkirche. Darin bezog er Stellung zu den durchgeführten Reformen und wetterte gegen die Entfernung der Bilder. Luther hatte sich schon frühzeitig gegen solche Tendenzen ausgesprochen. Im Gegensatz zu anderen Reformatoren hielt er nicht nur Bibelillustrationen für wichtig, sondern sah in Bildern eine Verkündigungshilfe für die geistliche Botschaft.

Luther leistete Heldenhaftes, aber er taugt nicht zum Helden, er hat von der Liebe, der Gnade und von einer neuen Freiheit gepredigt und all dies verkündigt, aber auch Hass gesät. Er war gnadenlos intolerant.

Gegen Mittag verlasse ich die Ausstellung, die Wartburg hat sich inzwischen gut gefüllt, und mache mich an den Abstieg. Zahlreiche weitere Besucher kommen mir schnaufend den Berg hinauf entgegen. Ich verlaufe mich kurz, finde dann doch meinen Parkplatz und mache mich an dem nahe gelegenen Lutherstammort Möhra vorbei auf den Weg zu meinem Domizil.

Sonst trifft man in diesen Gegenden Thüringens immer wieder auf Goethe. Fast an jedem Ort muss dieser einmal gewesen sein. Jetzt sehe ich, Luther muss auch viel herumgekommen sein. Es ist erstaunlich, wie viel Orte dort mit ihm werben. Nicht nur Goethe auch Luther war schon all hier, der Mythos scheint ungebrochen.

VB

Fotos (c) VB

Ein Kommentar

  1. PB

    Ein schöner, differenzierter Beitrag zu Martin Luther, der ihn nicht nur von seiner positiven Seite zeigt, doch ohne ihn zu beschädigen. Hat mir sehr gefallen.

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