Berlin ab 50…

… und jünger

Deutschlands erste berühmte Köchin…

….  und ihr Kochbuch

Am 16.10.2017 war Welternährungstag, der allen Medien Anlass war, an die Verschwendung von Lebensmitteln, an Hunger und Fehlernährung zu  erinnern. Lange schon in Europa und Nordamerika bemerkbar,  grassieren nun auch in  Afrika, Asien oder Südamerika Übergewicht und Fettleibigkeit mit fatalen gesundheitlichen Folgen und das bei dort gleichzeitiger Unterernährung anderer Bevölkerungsgruppen. Knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung sind laut einer aktuellen Studie übergewichtig oder fettleibig und wesentlichen Anteil hat daran die einseitige Ernährung mit fett-, salz- und zuckerreichen Fertigprodukten.

Das Fernsehen hat sich mit unterschiedlichen Fernsehformaten – die sich mit der schmackhaften Zubereitung diverser Speisen auseinandersetzen –  der Problematik aufklärerisch angenommen. 2007 wurde zum einzigen Mal die Kategorie der „besten Kochshow“ mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt. Zur Begründung, diese neue Kategorie einzurichten, gab die Jury an: „Seriös gemachte Lebenshilfe via Fernsehen und Kochen auf allen Kanälen sind die unübersehbaren TV-Trends und Zuschauermagneten im zurückliegenden Fernsehjahr.“ Der bisher einzige Preisträger wurde die Reihe Das perfekte Dinner, nominiert waren damals außerdem Lafer! Lichter! Lecker! und Tim Mälzer. Solche klassischen Kochshows wie  Tim Mälzers „Schmeckt nicht gibt’s nicht“ versuchten durch  ihr unterhaltsames Engagement von 2003 bis 2007 die Zuschauer zum Selberkochen zu bewegen und vermittelten Wissen über Nahrungsmittel, das besonders Jugendlichen heute fehlt. Kochbücher gehören als „Lifestyle-Produkt“ zum wachsenden Ratgeber-Sortiment. Die inzwischen wild wuchernden TV-Kochsendungen haben eine große Nachfrage auch auf dem Buchsektor nach teuren Hochglanzprodukten mit schönen Fotos erzeugt,  die mehr Bilderbuch als Rezeptsammlungen sind und vermutlich so wie früher Goethe und Schiller das Wohnzimmer oder die Küche verschönen. Wie kann es sonst sein, dass bei geschätzten 900.000 aktiven Anhängern des Veganismus (2014) in Deutschland sich das Buch „Vegan for Fit“ von Attila Hildmann über 800.000 Mal verkaufte? Hat jeder Veganer ein eigenes Buch?

Unerreicht bis jetzt sind jedoch die Auflagenstärken einer anderen Kult-Köchin, die allerdings schon 141 Jahre tot ist: Henriette Davidis (1801-1876), Deutschlands erfolgreichste Verfasserin von Kochbüchern. Die Pfarrerstochter aus Wengern an der Ruhr (heute Wetter, zwischen Hagen und Dortmund gelegen) war ab Mitte des 19. Jahrhunderts Deutschlands berühmteste Köchin und Kochbuchautorin. 1845 erschien die erste Auflage ihres „Praktischen Kochbuchs“ mit dem Untertitel “Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche“ im Verlag Velhagen & Klasing, in dem im Jahr ihres Todes 1876 die 21. Auflage erschien. In das Kochbuch fanden gesammelte und erprobte Rezepte, aber auch ihre  Erfahrungen als Hauswirtschaftslehrerin, Erzieherin und Gouvernante Eingang. Waren Kochbücher bis dahin eher dem  Berufsstand des Kochs vorbehalten, änderte sich das im Biedermeier. Mit der bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die patriarchalische Familienstruktur, in deren häuslichen Zentrum die Frau als Mutter und Hausfrau stand, die das Kochbuch als Bildungs-,  Haushalts- und Lehrbuch benutzte.  Die bürgerliche Küche wurde zum Inbegriff der deutschen Kochkultur und das Davidis`sche Kochbuch gehörte über 80 Jahre zu den Standard-Hochzeitsgeschenken in Deutschland.  Klassische bürgerliche Gerichte sind hier beschrieben, kräftige Hausmannskost, aber auch feine  Menüs mit  Suppe, Vorspeise und Dessert finden sich hier. Vielfach überarbeitet, erweitert und immer wieder aufgelegt, fand es deutschlandweit so große Verbreitung,  dass noch heute antiquarisch eine reiche Auswahl der unterschiedlichen Ausgaben im Internet zu finden ist. So wurde das  „Praktische Kochbuch“ 1879 für deutsche Auswanderer in den USA bearbeitet und erschien mit amerikanischen Maßen und den regionalen Verhältnissen angepassten Zutaten in deutscher Sprache. Nach ihrem Tod wurde das Praktische Kochbuch weitergeführt. Ab der 32.Auflage 1892 erschienen nun auch „Krankengerichte“ und es gab – neben der „feinen Küche“  – auch ein Kapitel über die „Kunst des Wirtschaftens“. Noch bis in die 30iger Jahre des 20.Jahrhunderts werden die Bücher verlegt und bereits seit 1906, mit Auslaufen der Rechte,  vielfach auch nachgeahmt. Das Henriette-Davidis-Museum in Wetter  an der Ruhr ist dem Leben und Wirken der Kochbuchautorin gewidmet.

Wenn Sie, lieber Leser nun erwarten, dass von Frau Davidis auch der Spruch “Man nehme – so man hat“ stammt, so ist das ein Irrtum. Das Wortspiel soll  sich auf die Rezepte in den  ersten Backbüchern  von Dr. Oetker beziehen und auf Substitutionsvorschläge verweisen, wenn es damals nicht für die ursprünglichen Zutaten reichte oder die Zutaten nicht verfügbar waren.

Der einer Köchin würdige Grabstein (mit Topf!) findet sich auf dem Ostenfriedhof in Dortmund.

Ehre ihrem Andenken

meint mw

Fotos (c) mw

 

 

 

 

 

 

 

 

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