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… und jünger

Neu gelesen (10): ANIMAL TRISTE von Monika Maron

Dieses Mal stolperte Ferdinand in der Stadtbücherei Westend über eine Bücherkiste mit dem Schild: Zu verschenken und stieß dabei auf den Titel  Animal triste von Monika Maron. Gelesen hatte er das Buch früher noch nicht, doch der Name der Verfasserin war ihm bekannt und machte ihn neugierig.  Schon die ersten Zeilen, gelesen in der S-Bahn, ließen ihn nicht mehr los.

Monika Maron, Jahrgang 1941, wuchs in der DDR auf, arbeitete zeitweilig als Fräserin und studierte später Theaterwissenschaften. Ab 1976 arbeitete sie als Schriftstellerin in Ost-Berlin.

Ihr erstes Buch, Flugasche, in welchem sie die Umweltsünden der DDR anprangerte, durfte nicht erscheinen. Der Titel Animal triste, erschien 1996, also bereits nach der Wiedervereinigung beider Deutscher Staaten und kann als ein Buch der Wendezeit aufgefasst werden, jedenfalls wären die beiden Verliebten, um die es geht, ohne diese Wende nicht zusammen gekommen.

Eine Frau erinnert sich an die große Liebe ihres Lebens. Sie lebt völlig zurückgezogen, und das einzige, worum ihre Gedanken noch kreisen, ist die Erinnerung und Aufarbeitung einer lange zurückliegenden Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann, an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnert oder erinnern will und den sie Franz nennt in dem Wissen, dass er auf keinen Fall so geheißen hat.

Nichts in der Handlung ist eindeutig, weder die Erinnerungen noch die Gefühle der Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren und von der wir nur wissen, dass sie von Beruf Paläontologin ist.

Die Geschichte hat ihren Ursprung im Berliner Naturkundemuseum unter dem größten Saurierskelett der Welt, dem eines 12 Meter hohen Brachiosaurus, wo sich die Erzählerin und der Hautflügelforscher zum ersten Mal begegnen.

Die Handlung springt in verschiedene Zeiten und Episoden; Erinnerungen gingen verloren oder wurden absichtlich ins Vergessen verdrängt, so, wie der Name des Geliebten. Dann jedoch wieder penible Genauigkeit bei der Schilderung einzelner Ereignisse.

Es geht um die Liebe an sich, den damit verbundenen Realitätsverlust, den Schmerz, die Aussichtslosigkeit ihr zu entkommen und den Absturz aus dem Höhenflug von Leidenschaft, Euphorie und Selbstbetrug.

Ein vielschichtiges Buch, nicht einfach zu lesen und dennoch fesselnd wegen seiner klugen Bemerkungen zum Thema Liebe. Und schließlich mit einem überraschenden Ende, das ein ganz anderes Licht auf die Heldin wirft.

Bitte nicht „schummeln“ und den Schluss schon vorher lesen. Ich habe diesen Fehler gemacht und mich damit  um diesen überraschenden Perspektivwechsel gebracht.

Der Klappentext von Marcel Reich-Ranicki, es handele sich um ein ‚hocherotisches Buch‘ führt in die Irre. Es ist ein Buch über die Liebe und das Leben, und wer jemals unsterblich verliebt war, sollte dieses Buch lesen.

***

In Neu gelesen sind bisher erschienen (alle zu erreichen über das Suchfeld):
(1) Gabor von Vaszary: Monpti
(2) Erica Jong: Angst vorm Fliegen
(3) Gerhart Hauptmann: Buch der Leidenschaft
(4) Franz Werfel: Der veruntreute Himmel
(5) Françoise Sagan: Bonjour Tristesse
(6) Vicky Baum: Hotel Shanghai
(7) Hermann Sudermann: Frau Sorge
(8) Eine Auswanderin
(9) Jack London: Martin Eden

***

 

Fotos (c) Ferdinand

3 Kommentare

  1. Paula

    Es ist schade, dass Ferdinand nicht über Marons Buch „Flugasche“ gestolpert ist. Denn dann hätte er ihre wahren Qualitäten als Autorin kennengelernt. Maron ist m.E. nämlich dann nur wirklich gut, wenn sie aus ihrem Milieu heraus schreibt, ihre Erfahrungen ihres Lebens in der DDR verdichtet. „Animal triste“ ist – so finde ich – eher ein misslungener Versuch, der seinen Anspruch nicht erfüllt und verwirrt mit Rückbezug auf die Natur, wobei die Liebe für Maron ein Teil dieser Natur ist, in der sie am Ende des Buches verschwindet (ich empfinde den Schluss auch nicht unbedingt als überraschenden Perspektivwechsel).
    Mein Tipp für Maron: „Flugasche“ und „Stille Zeile 6“.
    Paula

  2. Ferdinand

    Danke, Paula, für den Literaturtipp. „Stille Zeile Sechs“ habe ich gelesen aber nicht als Ergebnis eines Stolperns sondern nach ganz gezielter Auswahl. Übrigens weist der Held der Geschichte, Beerenbaum, interessante Parallelen auf zu Kurt, der Hauptperson im später erschienenen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge.
    Monika Marons „Flugasche“ werde ich mir ganz sicher auch noch vornehmen, jedoch kaum darüber in „Neu gelesen“ berichten, denn das Prinzips des Stolperns, also der zufälligen Auswahl behalte ich bei, es ist kein „Fake“. Die erwähnten Fundorte wie Bücherkisten, Müllcontainer oder verstaubten Regale gibt’s wirklich.
    Bis zum nächsten Neu gelesen grüßt
    Ferdinand

    • Paula

      Das habe ich, lieber Ferdinand, nie bezweifelt, und die Hinweis auf „Flugasche“ war beileibe ebenfalls kein Hinweis, das Buch zu besprechen. Es ging eigentlich darum, zu sagen, dass Marons Qualitäten eher im Journalistischen, in der Schilderung und Deutung des praktischen Erlebens liegen. Meiner Meinung nach!
      Denken Sie, dass Ruge die Figur Kurt im Kopf hatte bei seinem Buch?
      Paula

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