Trotz Zerstreuung denke ich nur an Dich….

Weihnachten – in  zwei Wochen ist es nun schon wieder soweit und vielleicht brauchen Sie noch ein Geschenk für einen an der Geschichte des 18.Jahrhundert Interessierten. Ich hätte da etwas für Sie: Das Hörbuch  „….solange wir zu zweit sind„.

2003 hörte ich eine Lesung im Rahmen der Potsdamer Schlössernacht im Tempel der Freundschaft, den Friedrich II im Andenken an seine Lieblingsschwester bauen ließ. Diese Open-Air -Veranstaltung  muss mich doch so beeindruckt haben, dass sie mir über all die Jahre im Ohr blieb. Aus diesem Grund  besorgte ich mir  – für eine lange Autoreise nach Bayreuth  – das Hörbuch. Dieses berührende Zeugnis einer tiefen Geschwisterliebe ist eine Zeitreise ins 18.Jahrhundert mit all seinen Konventionen und Kriegen.

„Trotz aller Zerstreuung denke ich nur an Dich…und werde Dich erst mit dem Tode vergessen.“  und   „Ich habe Dich nie so geliebt wie jetzt und nie wünschte ich mehr, dass du es glaubst“  –  dies sind keine Zitate aus Briefen eines verliebtes Paares, sondern aus Briefen Friedrichs II an seine Schwester Wilhelmine, Markgräfin  von Bayreuth.  Die ergreifenden, spannenden und teilweise auch humorvollen Briefe  zwischen den beiden königlichen Geschwistern werden durch die wunderbaren Sprecher zum absoluten Hörgenuss. Durch die erläuternden Zwischentexte werden die Briefe in den historischen Kontext gesetzt und lassen so eine ganze Epoche lebendig werden.*

Bereits in frühester Jugend schreiben die Geschwister sich über 1000 vertrauliche Mitteilungen und Briefe. Sie notieren ihre Sorgen und Gedanken, sie halten sich auf diesem Wege auf dem Laufenden über ihr Befinden, tauschen sich über ihre geheimsten Empfindungen aus und sie versichern sich immer wieder ihrer tiefen Liebe, Verbundenheit und Freundschaft.  1725 – Friedrich war 13, Wilhelmine 16 –  wurden die beiden Geschwister getrennt. Friedrich lebte nun in Potsdam  und Wilhelmine mit ihren anderen jüngeren acht Geschwistern in Berlin. Die Briefe zwischen den beiden ältesten Kindern des strengen Soldatenkönig flogen also über Kuriere hin und her. 1730 wird Friedrich auf Befehl seines Vater verhaftet, Wilhelme verbrannte daraufhin ihre gesamte Korrespondenz  aus der vielleicht berechtigten Sorge, der Vater könnte diese Korrespondenz finden und die jugendlichen Klagen über seinen Jähzorn und seine strenge Erziehungsmethoden lesen.

1731 wird Wilhelmine mit dem Markgrafen von Bayreuth verheiratet. Bis zu ihrem Tod 1758 tauschen sich die beiden Geschwister weiterhin, so oft es geht,  aus über die große Politik, über Siege und Niederlagen, über das Leben am Hofe mit all seinen Intrigen und über notwendige Heiratsstrategien. Aber auch über die kleinen und großen gesundheitlichen Probleme, ihre Sorgen im allgemeinen und alle möglichen Familienangelegenheiten, über philosophische und wissenschaftliche Fragen,  Malerei und Musik.  Zeitweise liest sich ihre Korrespondenz  wie Liebesbriefe zweier Frischverliebter, in diesem Fall also fast inzestuös. Doch muss man sie aus der damaligen Zeit heraus verstehen  – die höfischen Sitten ließen keine Gefühlsbezeugungen zu, auch nicht unter Kindern. Dann ab der zweiten Hälfte des 18. Jhd. beginnt der „Freundschaftskult“ zu blühen,  es ist die Zeit der Empfindsamkeit. Gefühle,   Zärtlichkeiten, Umarmungen,  Küsse und Tränen wurden in Briefen kultiviert – die empfindsamen Briefromane  sind Vorbild.

Interessant ist dieser Briefwechsel unter vielen Aspekten:  Der preußische  Kronprinz und spätere König von Preußen, Friedrich II,  zeigt sich uns quasi privat  und ermöglicht dem Zuhörer einen Blick hinter die Kulissen des Kriegsherrn und Machtmenschen.

Die Briefe beleuchtet seine Haltung zu Gott und zur Welt, zu seinen Kriegshandlungen und zur Macht, aber auch den Umgang mit der Presse, seine Einschätzung der politischen Lage und speziell des  K.u.K.Hofs in Wien und gleichzeitig werden wir Zeuge ihrer Liebe zur Musik, zur Philosophie und zum Theater, die Friedrich und Wilhelmine miteinander teilen.

Es wär als hättest du allen Frohsinn mitgenommen. Ich habe mich nur zufrieden gefühlt solange du da warst …“ schreibt Wilhelmine an ihren verehrten, geliebten Bruder. Für Friedrich war sie nicht nur Schwestern, sondern eine wichtige Beraterin und Partnerin in allen Lebenslagen.  „Lebewohl,  liebe mich wie ich dich liebe (..) ich bin dein Diener. Friedrich der Philosoph“.  Und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie nur so lange seine „Lieblingsschwester“ war, wie sie auch das machte was er wollte. Wenn nicht, schrieb er kühl und distanziert an die „Liebe Frau Schwester“.

Selten kann Geschichte so fesselnd genossen werden.  Es ist ein amüsanter und interessanter Ohrenschmaus, den ich Ihnen nur empfehlen kann – zum Verschenken oder  zum eigenen Hör-Vergnügen.

Bleiben Sie neugierig

go

PS. Noch spannender wird diese geschwisterliche Korrespondenz  übrigens zusammen mit der Lektüre der neuen „Maria Theresia“-Biografie. Denn plötzlich werde ich Zeuge der verschiedensten Beweggründe gegeneinander Krieg zu führen  –  aus beiden kontroversen Perspektiven Preußen und Habsburg. Aber dazu berichte ich später, wenn ich mich durch die 1000 Seiten durchgearbeitet habe.

 

* „….solange wir zu zweit sind.“ Friedrich der Große und Wilhelmine Markgräfin von Bayreuth in Briefen.
Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, Kirsten Heckmann-Janz, Sibylle Kretschmer (Hrsg) Gelesen von Imogen Kogge, Max Volkert Martens und dem 2015 gestorbenen Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen. ein Langen-Müller Audio-Book
Gekürzte Fassung des gleichnamigen Buchs, 2005, Langen Müller München

Leider sind beides, Buch wie CD, nur noch antiquarisch zu finden

5 Gedanken zu “Trotz Zerstreuung denke ich nur an Dich….

  1. Vielleicht gibt es ja von Ihnen, go, oder von der Blogcommunity einen Tipp, wo und wie man in Berlin Antiquariate findet, in denen man Chancen haben könnte, Buch oder DD zu bekommen. Wäre so kurz vor Weihnachten eine Hilfe.
    Moni

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