Berlin ab 50…

… und jünger

Eine Schönheit wird wiedererweckt

Die Klosterkirchruine in Mitte

Zu Fuß vom Alexanderplatz kommend, ist die Ruine der Franziskaner- Klosterkirche schwierig zu erreichen. Das gesamte Areal um den Alexanderplatz stammt noch aus der Planung der „autogerechten sozialistischen Stadt“ und lässt den  Flaneur als  Störenfried der Grünen-Welle-Taktung zurück. Die dreischiffige Basilika aus Brandenburger Backsteinen im Klosterformat wurde im 14. Jahrhundert in Erweiterung einer 1250  gebauten Feldsteinkirche der Franziskaner errichtet. Das Kloster lag gleich hinter der hier verlaufenden Stadtmauer der gerade gegründeten Doppelstadt Berlin-Cölln. Das „Grau“ des Klosters bezog sich auf die grauen Kutten der Mönche, die sie als Zeichen ihrer Askese trugen.

Bereits 1539 verließen die frommen  Brüder  das Kloster, die  Reformation hatte Berlin erreicht. 1571 errichtete der aus Basel stammende Gelehrte Leonhardt Thurneysser in den Klosterräumen die erste Berliner Druckerei.  1574 wurde hier das „Gymnasium zum Grauen Kloster“ gegründet, eine in den folgenden Jahrhunderten bedeutende humanistische Bildungseinrichtung des Berliner Bürgertums.  Vom Kurfürsten als  erste Landesschule der Mark Brandenburg gegründet, war das Gymnasium damals die  höchste Berliner Bildungseinrichtung. So waren z.B. Schinkel, Friedrich Ludwig Jahn und Bismarck hier Schüler. Die Ruine der Franziskaner Klosterkirche gehört zu den wichtigsten Baudenkmälern der Stadt, fristet aber bisher ein wenig beachtetes Dasein  als „romantische Ruine“ und  Mahnmal zum Gedenken an die Zerstörung Berlins. In den 1980er-Jahren wurde die Ruine im Rahmen der 750-Jahrfeier Berlins restauriert, nachdem die Reste des im April 1945 zerstörten Klosters und des Schulgebäudes des „Grauen Klosters“ bereits in den 60iger Jahren abgerissen wurden.  Eine erneute Sanierung erfolgte in den Jahren 2002 bis 2004. Nach der Wende wurde die Ruine bis Ende 2016 vom „Förderverein Klosterruine“ kulturell für Lesungen und  Konzerte im Sommer genutzt.

Doch nun erhält die Ruine der Klosterkirche mit dem aktuellen Bebauungsplan  für das Klosterviertel und den Molkenmarkt die ihr zustehende stadträumliche Bedeutung. Ein im Auftrag des Senats 2016 veranstalteter Workshop befasste sich mit Überlegungen zur  zukünftigen Nutzung der Klosterkirchenruine. Die öffentlichen Verkehrsflächen  sowie große Teile der Baugrundstücke im Planungsgebiet Molkenmarkt/Klosterviertel befinden sich im Eigentum des Landes Berlin. Über die unrühmliche Übernahme  der in der Nazizeit durch Arisierungen angeeigneten Immobilien durch den Nachwendemagistrat  wurde bereits  2013 in einer Ausstellung im Ephraim Palais berichtet („Die geraubte Mitte“).

Ein kleines Grundstück an der Littenstraße gegenüber dem mächtigen Amtsgericht wurde allerdings nach 1945 versehentlich  nicht verstaatlicht (in diesem Fall also den Eigentümern nicht entzogen) und konnte so nach  der Wende an Altbesitzer restituiert werden. In der Folge wurde es in den letzten 20 Jahren immer wieder weiter verkauft, Spekulanten eben.  Der heutige Besitzer will bauen, da Baurecht für das neben dem Chor der Klosterkirchenruine gelegene Grundstück besteht. Der geplante Neubau des Architekten  Klaus Theo Brenner soll als freistehendes Haus  zur Klosterkirchenruine sechsstöckig, zur Littenstraße zweistöckig werden und neben Büros auch Wohnungen für Jugendliche beinhalten. Bauherr ist die Gemeinnützige GmbH „EmMi LuebesKind“ (ELK), die vom Hamburger Ehepaar Dr. Susanne Litzel und Prof. Dr. Friedrich Loock gegründet wurde.  Das Paar setzt sich national und international in zahlreichen Arbeits- und Interessensgemeinschaften für die Entwicklungschancen und Rechte von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein, die nicht bei ihren Ursprungsfamilien leben  (http://www.stiftung-emmi-luebeskind.de/elk-haus/).

Und schon geht der Streit mit dem Denkmalschutz los, wie die Berliner Zeitung am 3. November berichtete. Passt der geplante moderne Neubau in das Konzept des Bebauungsplans, wie sind die Sichtachsen  zwischen Amtsgericht, Kirchenruine und den geplanten Bauten für einen Neubau des „Grauen Klosters“ am historischen Ort? Alles ist offen und wir sind auf den Ausgang der Diskussion gespannt.

Laut Bebauungsplan von 2016 ist neben der Ruine ein Schulneubau des „Grauen Klosters“ vorgesehen. Der Förderverein des seit 1954 in Schmargendorf befindlichen „Gymnasiums zum Grauen Kloster“ will auf dem Klosterareal  zwischen der östlich gelegenen Grunerstraße, der Klosterstraße und der nördlichen Littenstraße – und damit neben dem geplanten Haus des Architekten Brenner- ein neues Gymnasium errichten. Große Teile des alten Gymnasiums wurden im Krieg zerstört und mit der Verbreiterung der Grunerstraße abgerissen. Mit dem vorgesehenen Rückbau der überbreiten Grunerstraße würde Bauland hinzukommen. Das mit der Schule zu bebauende Areal an der Grunerstraße umfasst 28 m Tiefe und an der Littenstraße 20 m Tiefe. Der Bauabstand an der Kloster- und an der Littenstraße zum südlichen Teil der Ruine soll  16 m betragen und so die Freistellung des Denkmals sichern. Da das Schul-Grundstück durch den U-Bahn-Tunnel „ Klostertunnel“ – der zwar nicht im laufenden Betrieb genutzt wird – unterfahren wird, ist eine auch Unterbauung nur begrenzt möglich. Also wenig Platz für eine Schule mit allen Funktionalräumen wie Aula und Turnhalle.

Inzwischen hat die Stiftung allerdings selbst Bedenken gegen den Schulstandort und schlägt eine alternative Nutzung als „Anschauungsort Graues Kloster“- quasi als Museum- vor,  das „der Bedeutung des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster für die Entwicklung der Stadt“ gerecht wird. Dazu muss man wissen, dass das Gymnasium über eine sehr wertvolle Sammlung aus seiner Geschichte verfügt, die derzeit nicht gezeigt werden kann.  Im Osten wurde übrigens der Name „Graues Kloster“ durch die SED verboten, das Gymnasium selbst zog aber nach dem Krieg aus dem zerstörten Gebäude 1949 in die Räume des Französischen Gymnasiums in der Niederwallstraße, wo es als „Zweite erweiterte Oberschule“, vulgo Gymnasium, fungierte und in Ostberlin sehr beliebt war.

Derzeit ist die Ruine der Klosterkirche geschlossen. Im April 2018 soll der Bau wieder öffentlich zugänglich sein. Von außen ist derzeit eine moderne Skulptur im Kirchenschiff zu sehen: Eine zehn Meter hohe Skulptur aus Stahlrohren mit dem Namen „ RADIATOR“. Für die Künstler Borgman|Lenk „symbolisiert der raumbildende RADIATOR ein absurdes, funktionsloses Interieur der Kirchenruine, das als technisches Gerät gedankliche Wärme erzeugt, die im konservatorisch erstarrten Baufragment jedoch wirkungslos bleibt“. Also, nichts wie hin an kalten Wintertagen!

Meint mw

 

 

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