Ob blond, ob braun…

Die letzten Wochen lächelten sie uns wieder an –  Raphaels Engel, die zu Füßen der Sixtinischen Madonna versonnen in die Welt schauen. Sie lächeln von Adventskalender, von Weihnachtstüten und Geschenkpapier, sie lächeln aus Schaufenster, von Litfaßsäulen und von Verkaufsständern. Und  – sie sind nicht blond.

Ich erwähne es deshalb, weil ich neulich mit einem Freund einen interessanten Dialog führte – über Engel. Spontan gefragt waren für ihn Engel selbstverständlich blond gelockt und weiblich.

Nein, sagte ich – natürlich männlich. Es gibt die Erzengel Gabriel, Michael und Raphael. Gabriel überbringt Maria die Nachricht von ihrer bevorstehenden Schwangerschaft…

Ja, aber das Nürnberger Christkind, das den Weihnachtsmarkt eröffnet, ist doch eindeutig blond gelockt und weiblich…

Aber die Putti in barocken Kirchen sind eindeutig männlich, entgegne ich und gleichzeitig kommen mir Bilder von goldgelockten Engelchen in den Sinn.

Die Frage beschäftigt mich:
In der Antike war das dem Gold entsprechende Blond  den Göttern und Herrschern vorbehalten. In der europäischen Malerei steht „blond“ für Unschuld und Sanftmut, auch für Reinheit, Tugendhaftigkeit und Gemütstiefe. In unseren Märchen sind die Prinzessinnen blond. Denken Sie nur an Goldmarie und Pechmarie in „Frau Holle“ oder an „Dornröschen“ oder an die „Die Schöne und das Biest“  – mir fällt nur „Schneewittchen“ als Ausnahme ein.  Im 20. Jahrhundert  gilt dies auch für die Protagonistinnen in Film und Fernsehen –  von Mary Pickford, Marilyn Monroe oder Doris Day bis hin zu Nicole Kidman. Achten Sie mal drauf. Barbie ist auch blond – und eben auch Engel.

Das erklärt ein wenig das „blond“, aber „blonde“ Engel sind ja nicht automatisch weiblich…

Wir kennen den Erzengel Michael, der Adam und Eva den Zutritt ins Paradies verwehrt,  wir kennen den bereits erwähnten Erzengel Gabriel, der Maria über ihre bevorstehende Schwanger-
schaft unterrichtet.  In der künstlerischen Darstellung machte vor allem Gabriel einige Wandlung mit. Während er  im 11. und 12. Jahrhundert ein männliches Aussehen hat, wird er im 13. und 14. Jahrhundert geschlechtsneutral und in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch weiblich dargestellt. Michael dagegen bleibt der (männliche) Bezwinger des Drachens.

Nun werden in der Bibel verschiedene Arten von Engeln erwähnt, es gibt über 300 Textstellen. In der bildlichen und plastischen Darstellung entwickelt sich daher im Laufe der Zeit eine unermessliche Vielfalt an Engelsbildern. Nach der Engellehre des Pseudo-Dionysius Areopagita aus dem frühen 6.Jhdt lassen sich ab dem Mittelalter verschiedene Arten von Engeln unterscheiden, die in insgesamt neun Chöre untergliedert sind und in Dreiergruppen zusammengefasst werden. Damit beginnt es bei der Engeln sehr menschlich zu werden: Es ist der Beginn der Hierarchie.

Cherubine und Seraphine (wie z.B. auch in dem Kirchenlied „Großer Gott , wir loben Dich“ angeführt ) gehören zum Beispiel in die oberste Hierarchiestufe und sind „himmlische Berater“, danach kommen die „himmlischen Verwalter“ und zu unterst die „himmlischen Boten“ – wie eben der Erzengel Gabriel oder ist er doch der „Vorsteher der Cherubim und Seraphim“?

Ich lese, dass durch Wechselwirkung zwischen bildenden Künsten, Volksüberlieferungen und geheimnisvollen Texten verschiedenster Gelehrter  keine einzelne, christliche Engelstradition sich je hat durchsetzen und halten können. Das erklärt vielleicht, warum die geflügelten Boten Gottes als geschlechtslose Wesen auftauchen, in der Gotik dann als junge Männer in langen weißen Gewändern mit Heiligenschein, bevor sie in der Frührenaissance zu lieblichen Mädchen wurden. Im Barock, Rokoko sind die kleinen Putti dann eindeutig wieder männlich  und in der Romantik sind es vor allem nun androgyne Wesen. Die Engel des Christentums blieben also immer in Bewegung. Verwirrende Engelswelt.

Eröffnung Christkindlesmarkt 2011                   Foto: Christine Dierenbach / Ausschnitt

Übrigens reicht bis ins 17.Jahrhundert die Tradition des „Nürnberger Christkindlesmarkt“ zurück, der seit 1948 von einem weiblichen (!) „Christkind“  eröffnet wird. Alle zwei Jahre wird eine junge Frau im Alter zwischen 16 und 19 Jahre für eine zweijährige Amtszeit gewählt und dieser „Weihnachtsengel“ eröffnet nicht nur den Nürnberger Weihnachtsmarkt, sondern auch den Christkindlesmarkt in Chicago.

Ab dem späten Mittelalter wurden die Himmelsboten dann immer mehr zu persönlichen Schutzengeln der Menschen, die ihm in schweren Stunden beistehen und vor Unglück bewahren.   Der Dichter Jean Paul schreibt dann auch „Die Schutzengel unseres Lebens fliegen manchmal so hoch, dass wir sie nicht mehr sehen können, doch sie verlieren uns niemals aus den Augen.“ Eine durchaus tröstliche Vorstellung.

Die Vielfalt von Engelsdarstellungen hat mich mehr verwirrt  als  meine Vorstellung eindeutig untermauert. Ich weiß immer nicht, ob’s nicht auch weibliche Engel in der Himmlischen Hierarchie gibt oder männliche nur einfach gerne auch mal eine zeitlange weibliche Kleidung tragen, ich weiß auch nicht, ob Raphaels Engel männlich oder weiblich sind, denn sie stecken in einer dicken weißen Wolke…. aber vielleicht kommt es ja  unseren gender-gerechten Bestrebungen geradezu  entgegen, dass diese Frage nicht endgültig zu klären ist.

„Wieviele Engel gibt es? Einer, der unser Leben verändert, genügt völlig“ sagt ein Sprichwort.

Ob für Sie Weihnachtsengel blond oder dunkel, männlich oder weiblich sind,  es ist egal. Hauptsache Sie haben fröhliche und harmonische, einfach himmlische Weihnachtstage.

Das wünscht Ihnen

go

Fotos (c) mw/go

 

 

 

 

 

 

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