Berlin ab 50…

… und jünger

Das Erbe von El-Andalus

Carl von Diebitsch und die Entdeckung des Erbe von El-Andalus

Dem Lebenswerk des Absolventen der Berliner Bauakademie Carl von Diebitsch (1819-1869) ist eine kleine, aber sehenswerte Ausstellung im Architekturmuseum der TU Berlin im Untergeschoss des Scharoun-Flügels (Flachbau) am Ernst-Reuter-Platz (links an der Straße des 17.Juni) gewidmet. Aus dem Nachlass des Architekten hat sich eine große Zahl Architekturstudien und Bauentwürfe erhalten, die zeigen, wie Diebitsch die maurische Architektur des islamischen Andalusiens als Quelle für einen Revival-Stil im Historizismus entwickelte und so die nasridisch-orientalische Baukunst und ihren reichen ornamentalen Schmucks ins 19. Jahrhundert transformierte. Diese Faszination des Fremden bediente schon Ludwig Persius, der 1841 das Dampfmaschinenhaus für Sanssouci in Form einer Moschee baute.
Die in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich konzipierte Ausstellung A fashionable Style. Carl von Diebitsch und das Maurische Revival  ist noch nächste Woche am Montag und Dienstag von 12-16 Uhr zu besichtigen (bis 10.1.2018).

http://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/index.php?p=644

1841 beendete Diebitsch seine Ausbildung an der berühmten Berliner Bauakademie. 1846 reiste er nach Andalusien und kam mit der maurischen Baukunst in Granada in Berührung. Er entwickelte ein Kopierverfahren für den ornamentalen Schmuck und konnte so seriell Gipsabgüsse herstellen, die er fortan für die Gestaltung seiner neo-maurischen Innenräume benutzte. Die maurische Faszination bestimmte von nun an sein gesamtes architektonisches Schaffen. Den ersten Auftrag erhielt er 1854 für Schloss Albrechtsberg. Er entwarf ein türkisches Bad nach dem Vorbild eines Bades in der Alhambra, das sich bis heute erhalten hat. Das Schloss am rechten Elbufer im Dresdner Stadtteil Loschwitz wurde zwischen 1850 und 54 für Prinz Albrecht von Preußen (1809–1872), den jüngsten Bruder des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gebaut, der wegen einer nicht standesgemäßen Ehefrau am preußischen Hof nicht mehr erwünscht war. Auch im Schloss Schwerin gab es ein türkisches Bad nach Entwürfen Diebitsch‘.

Zeitgleich entwarf er für das unter Friedrich Wilhelm IV. errichtete Belvedere auf dem Pfingstberg in Potsdam ein Maurisches Kabinett mit bunt- glasierten und vergoldeten Fliesen, das ebenfalls erhalten und heute ein beliebter Trauungsort ist.

Tempelgarten (c) mw

1857 baute er ein großes „maurisches“ Mietshaus am Landwehrkanal, das er auch selbst bewohnte. Das Haus wurde im Krieg zerstört. Entwurfsskizzen und Abbildungen – sogar für Möbel und Interieur im maurischen Stil – lassen die Pracht ahnen.

Tempelgarten (c) mw

Einen weiteren Auftrag für ein Gebäude im maurischen Stil vermittelte ihm der Berliner Orient-Maler Wilhelm Gentz (1822 -1890), den er in Grenada kennenlernte. Wilhelm war der älteste Sohn des Neuruppiner Unternehmers Ludwig Alexander Gentz. Dieser hatte Gut Gentzrode bei Neuruppin als landwirtschaftlichen Musterbetrieb gegründet. 1861 wurde hier nach Entwürfen von Carl von Diebitsch der maurische Kornspeicher gebaut. 1853 erwarb die Familie des Unternehmers Gentz das Grundstück des Tempelgartens in der Fontane-Stadt Neuruppin, um einen Ort zum Andenken an den Aufenthalt Friedrichs II. zu schaffen, der hier seit 1732 als Kronprinz und Regimentskommandeur seinen Sitz hatte. Carl von Diebitsch entwarf 1858 Villa und Gärtnerhaus mit stilisierten Minarett, die Eingangstore und Umfassungsmauern samt einer angedeuteten Bastion in orientalisierender Form. Alles ist heute noch erhalten und wunderbar restauriert. Ein Besuch im Sommer lohnt! Leider wird dieses Schmuckstück in der Ausstellung nicht erwähnt, schade.

Der nächste Coup Diebitsch´ war dann ein maurischer Kiosk mit goldener Mittelkuppel und kleinem Minarett, den er für die Pariser Weltausstellung 1867 entwarf, und der als offizieller Beitrag Preußens gezeigt wurde. Nach der Weltausstellung kaufte der Berliner „Eisenbahnkönig“ Henry Strousberg den Kiosk. Nach dessen Pleite im Jahr 1875 wurde der Kiosk von König Ludwig II. für die Parkanlagen des Schlosses Linderhof im Ettal erworben. Neue Glasfenster (von Georg Dollmann) ließen das Gesamtkunstwerk im Innern wie Edelstein flimmern. Der Raum wurde um eine Apsis erweitert.

(c) SchlossLinderhof.de

Ein Marmorbrunnen und ein luxuriöser Pfauenthron, der in einer Thronnische aufgestellt wurde, ergänzten seither das Inventar. 1862 wurde Diebitsch vom ägyptischen Vizekönig nach Kairo eingeladen, wo er einige Aufträge für Palastbauten erhielt, von denen Details heute noch erhalten sind.

1869 starb Diebitsch in Kairo. Sein Grab befindet sich dort auf dem englischen Friedhof. Der von ihm maßgeblich beeinflusste maurische Revival Stil des Historizismus findet sich in

(c) SchlossLinderhof.de

Berlin auch am Gebäude der neuen Synagoge, die 1866 geweiht wurde und deren Architekt Eduard Knobloch ist. Doch auch in anderen europäischen Ländern hatte der „maurische Stil“ als Teil des Historismus bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Nachahmer gefunden. Auch darüber berichtet die Ausstellung.

Und neulich ist mir ein Gründerzeit-Wohnhaus Pallasstraße/Ecke Gleditschstraße aufgefallen, dass auch „maurische“ Stilelemente aufweist. Gehen Sie mit offenen Augen durch Berlin, es gibt immer was zu entdecken!

Meint mw

3 Kommentare

  1. Ray

    Ein schöner Hinweis – besonders weil die Ausstellung offenbar im Verborgenen stattgefunden hat. Schade drum, zumal auch die Arbeit des Architekturmuseums der TU Berlin wohl kaum bekannt ist? Eine zusätzliche Information: Am 10.1. findet die Finissage statt mit einem Vortrag um 18.00 Uhr. Das ist aber dann wirklich die letzte Gelegenheit, diese Ausstellung zu sehen.
    Ray
    P.S. Die Bebilderung ist sehr gelungen

    • Ray

      Das Wichtigste habe ich vergessen: Den Titel des Vortrags: Trajektoien maurischer Architektur: vom gefeierten Reivival zum gefährdeten Kulturgut. Vortragende: Francine Giese, Uni Zürich.
      P.S. Was genau „Trajektoien“ in diesem Kontext bedeutet, habe ich nicht herausgefunden. Wer es weiß – es gibt die Kommentarfunktion!
      Ray

  2. I.A.

    Was für ein gewinnbringender Beitrag, ebenso der über die Klosterruine! Und dann, „ob blond, ob braun“ sowie der ‚Wegwerfartikel‘ und die anderen. Danke, hab‘ alle nochmal in Ruhe nachgelesen, denn die Weihnachtszeit ist doch immer wieder so zeitraubend und schnell vergangen!

    I.A.

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