Berlin ab 50…

… und jünger

Bin ich noch attraktiv?

Natürlich stelle ich mir diese Frage nicht mehr, zumindest nicht in dieser konkreten Form.

Und doch ist sie nicht ganz aus meinem Kopf verschwunden: Denn die gesellschaftliche Realität zeigt ziemlich deutlich, dass Jugendlichkeit offenbar einen Wert an sich hat. Und weil das so ist, wird der uralte Traum der ewigen Jugend immer wieder neu geträumt; seine Blüten werden mit den „technischen“ Möglichkeiten  immer bunter.

Dieser Jugendlichkeitswahn – er mag verständlich sein, denn alt werden und sein heißt auch, die Vergänglichkeit zu akzeptieren und die Nähe zum Sterben nicht zu leugnen. Jugend suggeriert Unsterblichkeit. Und wer wünschte sie sich nicht?

Früher, als ich noch ziemlich diesseits der 60 war, habe ich kaum daran gedacht, dass das Leben endlich ist. Und die glatte Haut, das faltenfreie Gesicht, die Beweglichkeit – dass auch das einmal zu Ende gehen würde, der Gedanke ist mir selten gekommen.

Inzwischen aber komme ich gar nicht umhin, zu akzeptieren, dass ich nicht nur an Jahren älter werde, sondern auch mein Körper sich  verändert. Und seitdem ich die 60 deutlich überschritten habe, geschieht das keineswegs “auf unsichtbare Weise“. Ich kann es eigentlich kaum übersehen!

Eigentlich! Denn andererseits „übersehe“ ich es doch, denn  mein Blick in den Spiegel hat sich verändert: Ich schaue „blind“ und vermeide es, allzu genau  hinzusehen, wie das Alter mein Gesicht verändert. Bei alltäglichen Verrichtungen wie Cremen, Kämmen, auch beim Make-up funktioniert das ziemlich gut.

Umso  mehr erschrecke ich, wenn ich mir unvermittelt in einem großen Spiegel begegne. Auf den Rolltreppen in einem Kaufhaus zum Beispiel. Bin das wirklich ich?

 Aber ich sehe auch etwas anderes: Dass es viele  alt gewordene Gesichter gibt, die mir spontan sympathisch sind, die „schön“ sind.  Vielleicht weil das Gesicht  das Leben spiegelt,  die Erfahrung und auch wohl so etwas wie Unabhängigkeit. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?

Mich selbst hingegen sehe ich nur  durch die Brille der anderen und diese Brille kann – so empfinde ich es –nur kühl feststellt: Sie wird alt!

Und ebenso unbarmherzig sehe ich das Altern meines Körpers: Mit dem ich früher durchwegs zufrieden war, ich mochte ihn und ich fühlte mich wohl in ihm.

Das ist vorbei.

Ich vermeide es, mir meinen Verfall allzu genau anzuschauen. Der Hintern schlägt Falten, die Taille verschwimmt, die Haut bekommt Runzeln und Dellen, der Hals ist schon längst kein Schwanenhals mehr und das Dekolleté  keine Verführung. Denken Sie, das klingt zu hart? Ich glaube, dass es eine ziemlich ehrliche Bestandsaufnahme ist.

Deshalb irritiert es mich, dass seit geraumer Zeit suggeriert wird, dass auch ein alter Körper „schön“ sein kann. Er hat, so heißt es, eine besondere Art der Schönheit. Fotoausstellungen land auf, land ab sollen davon zeugen. Und es gibt in der Art und Weise, den Körper des alten Menschen darzustellen, kaum noch Tabus.

Mich schreckt das ab; ich halte es  für eine Verletzung der Intimsphäre der alten Menschen oder genauer: Ich halte es für eine Zumutung. So wie ich meinen alten Körper auch als Zumutung empfinde.

Ich höre jetzt schon das Argument, diese Aussagen seien diskriminierend. Dagegen wehre ich mich: Mir ist das Alter, mein Alter wichtig. Und ich möchte keine von außen  auferlegten Einschränkungen erleben müssen, nur weil ich alt bin. Aber ich möchte nicht, dass mein Körper, dessen Verfall nicht aufzuhalten ist und den ich auch gar nicht künstlich aufhalten will, mit einem – von mir  – als falsch empfundenen Schönheitsbegriff stilisiert wird.

Er ist es nicht. Und ich möchte das sagen können, ohne geschmäht zu werden.

Mehr nicht. 

Jean Améry hat einmal gesagt:

„Unser ganzes Leben vergeht in dem absurden Bemühen, dem Unausweichlichen auszuweichen“.

Dem ist nichts hinzufügen. Vielleicht noch dieser Satz  von Sommerset Maugham:

Die Zeit ist ein guter Arzt, aber ein schlechter Kosmetiker“.

Paula

 

Bild 1)   Akt von Frank Kupka (Flächen durch Farben, großer Frauenakt, 1909/10 , entnommen aus dem Buch “Guggenheim”, herausgegeben von den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, 1989, als Buchausgabe erschienen bei der Edition Cantz.
Bild 2)  Titelbild aus eben diesem Katalog/Buch. Das Bild “Akt” ist von A. Modigliani, 1917
Bild 3)  “Akt” (Fernande) von Picasso, 1906, entnommen aus: Picasso, Pastelle, Zeichnungen, Aquarelle, erschienen als Buch bei Hatje, herausgegeben von Werner Spies, 1986.

 

 

2 Kommentare

  1. Gudrun

    Danke für diesen herrlichen Beitrag !
    Sehe es genau so.Wunderschöne Malereien,
    alles in Allem,toll.

  2. Paula

    Danke für die Zustimmung. Sie muntert auf.
    Paula

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