Berliner Blau

In der Kategorie „Berlin als Namensgeber“  wird in Wikipedia auf  131 Seiten verwiesen. Ich war schon sehr erstaunt, wofür Berlin alles herhalten muss. „Berliner Blau“ fand ich aber  toll, das war mir auch schon als Name und aus dem Studium  bekannt. Aber gibt es  das noch heute?

Blaumachen ist ja eine Eigenschaft, die besonders am Montag auch den Berlinern gern nachgesagt wird*. Ist nun Berliner Blau eine besondere Art des Hangovers nach der Sonntags-Party? Nein, Berliner Blau ist eine Erfindung aus Berlin zu Beginn des  18. Jahrhunderts, die einige  Väter hat. Sowohl ein Färber namens Diesbach  als auch der bekannte Hof-Mediziner  Georg Ernst Stahl  werden 1706 als Entdecker genannt. Es war vermutlich ein Zufall, das bei  der Verarbeitung von geronnenem Tierblut mit Pottasche (Kaliumcarbonat) und anschließender starker Erhitzung gelbe Kristalle entstanden, die –  mit Eisenspänen versetzt und mit Salzsäure  behandelt –  einen stabilen blauen Farbstoff ergaben, der lichtecht, hitzestabil und  leicht zu verarbeiten  war: das Berliner Blau, auch als Preußisch-Blau bekannt. Künstler und Drucker benutzten und benutzen das Pigment  gern und die Uniformen der preußischen Armee wurden statt mit dem aus Färberwaid gewonnen Indigo nun mit Preußisch Blau gefärbt.

Das Berliner Blau war das erste künstlich hergestellte Farbpigment, das nicht in der Natur vorkommt. Für die Kunst hatte es den unbestreitbaren Vorteil, brillant, lichtecht und preisgünstig zu sein, denn blauen Pigmente sind in der Natur selten.  Lapislazuli gehört dazu, ein tiefblauer Stein aus Afghanistan, dessen Pulver als „Ultramarin“ in der mittelalterlichen Kunst nur für Könige und Heilige sparsam eingesetzt wurde, da es so teuer war. Aber der noch heute benutzte Farbstoff hat noch andere Talente – so zum Beispiel  als Antidot bei Cäsium- und Thallium-Vergiftungen. Er bindet radioaktives Cäsium im Körper, erleichtert die Ausscheidung und senkt so die radioaktive Belastung.

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl wurde das leichtflüchtige und langlebige radioaktive Cäsium bis nach Bayern und Baden-Württemberg durch den Wind (Fallout) verteilt. In Lappland sind ganze Rentierherden  kontaminiert, die seit Jahren mit Berliner Blau über Salzlecksteine entgiftet werden. Dabei sind eigentlich nicht die Tiere das Problem, sondern die verstrahlte Nahrung, die sie – besonders über Pilze- aufnehmen. Bei 600 Becquerel pro Kilo liegt der EU-Grenzwert für Wildfleisch. 26 Tage beträgt die biologische Halbwertszeit für Cäsium 137 beim Wildschwein, die durch das Antidot verkürzt werden kann. Da Berlin damals eine geringere Belastung mit Cäsium abbekam, sind die Brandenburgischen Wildschweine nicht belastet (sagt der rbb). Anders in Bayern. Dort haben Versuche gezeigt, dass durch Kraftfutter mit Berliner Blau die Halbwertszeit im Tier gesenkt werden kann.

Und nun kommen wir aus Bayern zurück nach Berlin – zur  Firma Heyl, die ihren Verwaltungssitz am Kurfürstendamm 179 im denkmalgeschützten, 1952 erbauten Bayer-Haus hat. Die Firma geht auf eine 1734 in Charlottenburg  gegründete Farbenfabrik zurück, aus der 1926 die Firma „Heyl Chemisch-pharmazeutische Fabrik“ entstandt. Seit 1976 ist die Firma führend in der Entwicklung von Antidota und damit auch für Berliner Blau (chemisch Eisen(III)-hexacyanoferrat (II)). Die „Radiogardase®„-Kapseln sind ein weltweit eingesetztes Mittel zur  Ausscheidung bzw. Verhinderung der Aufnahme von radioaktivem Cäsium. Und somit ist das Berliner Blau auch heute noch eine wirkliche Bereicherung für die Welt- als Pigment und als Antidot aus einer Berliner Firma.

Freut sich mw

 

* Apropos Blaumachen: Es wird vermutet, dass die Redewendung von der Waidfarbenproduktion stammt.  Der Färberwaid wurde in Kübeln mit (menschlichem) Urin vergoren. Um genügend Urin zu erhalten, wurde an dem Tag reichlich getrunken. Auch die später gefärbten Stoffe mussten beim Färbevorgang an der Luft trocknen, wobei die blaue Färbung  entstand. Auch da musste der Färber warten, woraus vermutlich der allgemeinsprachliche Ausdruck fürs „Nichtstun“ entstand. Sprachforscher sehen das allerdings nur als hübsche Geschichte an.

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