Berlin ab 50…

… und jünger

Neu gelesen (11): König Dame Bube von Vladimir Nabokov

Über die Bücherkiste in der Stadtbücherei Westend stolperte Ferdinand zwar nur einmal, doch gleich zwei Bücher fielen ihm dabei in die Hände. Außer dem bereits besprochenen Titel Animal triste von Monika Maron auch eine gebundene Ausgabe von König Dame Bube von Vladimir Nabokov, 1960 erschienen im Bertelsmann Lesering.

Es handelt sich um eine klassische Dreiecksgeschichte, die ihren Ursprung auf einer Bahnfahrt in die Hauptstadt hat, bei der es sich wahrscheinlich um Berlin handelt. Das liegt insofern nahe, da Nabokov das Buch im Jahr 1928 während seines Exils in Berlin schrieb.

Der junge Franz ist auf dem Weg in die Hauptstadt, um eine Lehrstelle anzutreten und er lernt im Abteil zweiter Klasse ein Ehepaar kennen, ohne zu ahnen, dass es sich bei dem Ehemann, Herrn Drayer, dessen Vornamen wir nicht erfahren, um seinen zukünftigen Lehrherrn und zugleich um einen entfernten Verwandten handelt.

Am folgenden Tag, an dem sich Franz seinem Lehrherrn vorstellt, begegnet man sich also erneut, ist gegenseitig überrascht, doch wegen des verwandtschaftlichen Verhältnisses wird der Lehrling auch in das Privathaus der Drayers eingeladen.

Herr Drayer besitzt ein Kaufhaus, ist wohlhabend, jovial und geschäftstüchtig und viel unterwegs. Seine Frau Marta, Mitte dreißig, genießt die häufige Abwesenheit ihres Mannes  in einer Villa am Rand der Stadt, ausgestattet mit Gärtner, Köchin, Dienstmädchen und Chauffeur. Sie kümmert sich um den Speiseplan, führt den Hund spazieren, schikaniert ein wenig das Hausmädchen und sorgt sich im wesentlichen um ihre Frisur und die Garderobe. Da ist es ganz willkommen, dass der junge Lehrling etwas Abwechselung bringt, regelmäßig zum Essen kommt und nach einiger Zeit sogar an den Wochenendaktivitäten des kinderlosen Ehepaars teilnimmt.

So überrascht es nicht, dass sich Franz und Marta näher kommen und eine Affäre miteinander beginnen. Marta projiziert auf den jungen Mann alle ihre Hoffnungen auf Anerkennung, Liebe und Zweisamkeit, die sie in ihrer Ehe mit dem robust-unsensiblen Drayer vermisst.

Aus einer anfangs schüchtern begonnenen Liebesbeziehung wächst schließlich ein unstillbares Verlangen und Marta fasst den perfiden Plan, Drayer zu beseitigen, um mit Franz ein neues Leben zu beginnen.

Eigentlich eine ganz triviale Geschichte, wie sie tausend Mal in der Literatur vorkommt und doch von Nabokov in meisterhafter Sprache erzählt. Schon die Schilderung der Bahnfahrt, die Beobachtungen von Franz, seine Assoziationen und Gedanken fesseln den Leser von der ersten Seite an. Erst spät merkt man, mit welcher Raffinesse die scheinbar sanfte Marta den jungen Franz manipuliert, um ihren Plan zu verwirklichen. Und so viel sei verraten: Drayer überlebt ohne jemals das Geringste von dem mörderischen Komplott bemerkt zu haben.

König Dame Bube mit dem dramatischen Untertitel Ein Spiel mit dem Schicksal gehört zu den frühen Werken Nabokovs und erreicht noch nicht die Qualität seiner späteren Romane und seines Bestsellers Lolita, mit dem er berühmt und zu einem der großen Stilisten in der Weltliteratur wurde. Dennoch ist König Dame Bube facettenreich, gut erzählt, spannend und deshalb lesenswert.

***

In Neu gelesen sind bisher erschienen (alle zu erreichen über das Suchfeld):
(1) Gabor von Vaszary: Monpti
(2) Erica Jong: Angst vorm Fliegen
(3) Gerhart Hauptmann: Buch der Leidenschaft
(4) Franz Werfel: Der veruntreute Himmel
(5) Françoise Sagan: Bonjour Tristesse
(6) Vicky Baum: Hotel Shanghai
(7) Hermann Sudermann: Frau Sorge
(8) Eine Auswanderin

(9) Jack London: Martin Eden

(10) Monika Maron: Animal triste

 

 

 

Ein Kommentar

  1. P.M.

    Dass es ein Buch von Nabokov ist, das Ferdinand neu „erlesen“ hat, ist ein netter Zufall. Denn Nabokov hat viele Jahre in Berlin gelebt. Von 1922 bis 1937, immerhin 15 Jahre. Die Gedenktafel, die im Beitrag abgedruckt ist, findet sich im Übrigen in der Egerstraße. Und dieser Adresse sind einige vorangegangen: Sächsische Straße, Trautenaustraße. Westfälische Straße und Nestorstraße. Offenbar war Nabokov meistens Untermieter. Auch sein Sohn wurde in Berlin geboren und sein Vater hier begraben. Aber dennoch: Mit der deutschen Sprache wollte er sich nicht so recht anfreunden. Heißt es!
    P.M.

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