BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (1)

Berliner Theaterleben nach dem Krieg (1): „Die Stimme der Kritik“

ca. 1987/88 (c) dpa

Das Theaterleben, das nach dem Krieg im zerstörten Berlin entstand, hätte niemand voraussagen können, waren doch eine Vielzahl namhafter Künstlern, teils auch jüdischer Abstammung, nicht mehr am Leben oder emigriert. Dennoch war der Hunger nach kultureller Auseinandersetzung mit der Literatur und dem Zeitgeschehen enorm. Und zur Beförderung der Theaterangebote war es unerlässlich, einen begeisterten und theaterbesessenen Kritiker zu haben. Und da gab es „Die Stimme der Kritik“ in der Person eines Friedrich Luft, der sich selbst einmal in seiner sonntäglichen Rundfunksendung 1946 seinen Hörern wie folgt vorstellte: „Luft ist mein Name. Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin geboren im Jahre 1911, bin theaterbesessen und kinofreudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe II. Zu allem trage ich den letzten Anzug, den ich aus dem Krieg gerettet habe, und eine Hornbrille auf der Nase.“ Und in dieser Sendung meldete er sich mit seinem unnachahmlichen Stil, komprimierte Kritik in Schnellsprechweise im damaligen Sender RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor). Er wurde zu einer Institution und war über 40 Jahre lang der bekannteste deutsche Theaterkritiker.

1947, Quelle: WELT 2000

Ich weiß nicht, was aus uns Exil-Berliner geworden wäre, hätte es nicht diesen Friedrich Luft gegeben:  Nach dem Kriege in die Provinz (oder, schlimmer noch, aufs Land) verschlagen, abgenabelt von unseren städtischen Theatern, informierte uns der Mann mit der schnellen Zunge jeden Sonntag eine Viertelstunde lang im Eiltempo darüber, was wir gesehen hätten, wenn wir es hätten sehen können. Mittags, Viertel vor Zwölf, saßen meine Eltern und ich als Schüler vor dem Rundfunkempfänger und es sprang zuverlässig im „RIAS“ Lufts Eil-Rede an und machte ihn und uns atemlos. Luft besaß nur eine Reiseschreibmaschine, stellte sie auf die herausgezogene Schublade seines Nachttischs, setzte sich auf die Bettkante und hämmerte los, so berichtete die Presse. Er war lustig. Und listig war er natürlich auch. Einmal erzählte er Folgendes: Seine geliebte, bewunderte Elisabeth Bergner pflegte er mit dem immer gleichen schlichten Shakespeare-Zitat zu preisen. Nun wollte jemand gern wissen, woher dieses Zitat denn stamme. Ohne zu erröten, gestand Friedrich Luft, er erfinde immer alle Zitate. Am einfachsten sei es, sich die von Oscar Wilde auszudenken. Der Vorteil der schlankweg erfundenen Zitate sei übrigens, dass sie, ohne dass man lange habe herumblättern müssen, stets passten. Einmal nur habe ihn ein Leser um die Herkunft seiner Shakespeare-Zitate angehauen und er habe den unersättlichen Alles-Wissen-Woller auf eine apokryphe, unveröffentlichte Folio-Ausgabe im Besitz des Hauses Windsor verwiesen. Danach sei glücklicherweise wieder Ruhe gewesen.

Luft war mehr als ein Kritiker: er war ein begnadeter Feuilletonist. Das machte seine spurtschnellen Kritiken derart lesbar. Sie sprangen die Leser geradezu an. Sie machten süchtig. Sein journalistischer Jungdachs, der Musikkritiker Klaus Geitel, soll versucht haben, dem alten Hasen Luft ein Artikelchen wegzuschnappen – über den ersten Berliner Auftritt Marlene Dietrichs nach dem Kriege im Jahr 1960. Das fiele doch schließlich, wie auch immer Marlene sänge, in die Kategorie Musik. Luft soll, dem Bericht zu folge, beinahe mitleidig geschaut haben: „Darauf habe er an die 30 Jahre gewartet, die Dietrich endlich willkommen zu heißen“, feixte er nur als Antwort. „Jetzt sei der große Augenblick da, und es sei fraglos sein Augenblick“. Recht hatte er. Als kurz nach dem Eintreffen der Diva bei Luft das Telefon klingelte und eine ihm seit langem von der Kinoleinwand vertraute Stimme ins Ohr hauchte: „Marlene Dietrich“, fiel ihm – so wird berichtet –  fast der Hörer aus der Hand. Sie war seit langem Lufts Leserin. Das machte ihn glücklich und sicherlich auch stolz. Aber für Stolz war er nicht geschaffen.

Er war ein Mann voller Eigenschaften, doch ohne Einbildung. Musil hätte ihm einen Roman widmen können. Staunend und erschrocken lasen wir in der Zeitung von Lufts erstem dienstlichen Theaterbesuch im noch rauchenden Trümmer-Berlin, als Wegelagerer ihn im abgeholzten Tiergarten ausraubten, zusammenschlugen und über Nacht liegen ließen. Mancher meint heutzutage vielleicht, das sollte Kritikern ruhig mit einiger Regelmäßigkeit wieder geschehen. Doch nicht einem Manne wie Friedrich Luft, den man, obwohl er nie auf dem hohen Ross saß und Unter den Linden entlang ritt, mit einigem Fug und Recht „Friedrich den Großen“ nannte. Er hat jeden Theaterabend mit Herzblut genossen und gerecht beurteilt, ohne zu verletzen. Friedrich Luft  hat auch die Ostberliner Theater besucht und wurde auch im Ostteil der Stadt von seinen Zuhörern geliebt. Er wiederum hat die Künstler geliebt, produktiv kritisiert, Ahnung gehabt von Regie, Bühnenbild und Schauspielkunst. Und wenn er sich mal wieder über einen gelungenen Theaterabend herzlich gefreut hat –  bei professionellen Theaterkritikern eine eher seltene Gabe -, so folgte nach einer sorgfältigen Analyse plötzlich der populäre Satz: „Ich habe mich, liebe Hörer, in meinem Parkettsessel amüsiert wie Bolle auf dem Milchwagen.“

Friedrich Luft hat die Wiedervereinigung noch erlebt und starb am 24.12.1990 mit 79 Jahren in Berlin. An seinem Wohnhaus am Nollendorfplatz in der Maienstrasse 4, in dem er fast 50 Jahre wohnte, befindet sich eine Gedenktafel, ebenso wie am ehemaligen RIAS-Gebäude in Schöneberg. Er wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem begraben, ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Und wer seinen berühmten Abschiedssatz seiner sonntäglichen Kritiken noch einmal hören will, wird auf YouTube fündig.

Ich werde auf dem Blog weiter über das West-Berliner Theaterleben nach dem Krieg berichten.

In diesem  Sinne „gleiche Stelle, gleiche Welle“, herzlich auf Wiederlesen !

Prof. Michael Goden

 

5 Gedanken zu “BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (1)

  1. Gibt es sie noch, diese einmaligen, mit profundem Wissen, Humor und einem, wie der Autor schreibt, süchtig machendem Stil ausgestatteten Kritiker? Ich glaube nicht. Vielleicht ist es das Überangebot an medialen Ereignissen, die eine tief gehende Leidenschaft nicht mehr so einfach machen. Joachim Kaiser war ein weiteres unvergessliches Beispiel für diese Art des Expertentums, in diesem Fall für die Musik (aber auch nicht nur).
    Der Autor, Prof. Godon, ist wohl im Übrigen selbst ein Theatermensch, den es vielleicht auch nicht mehr geben wird. 50 Jahre lang die Ausstattung für Theaterproduktionen zu gestalten, die ein nachhaltiges Echo gefunden haben – auch das ist eine bemerkenswerte Karriere. Die weiteren Folgen der Erinnerungen haben eine Leserin gewiss.
    Christa

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  2. Ein sehr interessanter und gleichzeitig herzerwärmender Beitrag, wurde ich damals doch als ganz junge RIAS-Hörerin von Onkel Tobias an Friedrich Luft übergeben – zwecks weiterer Bildung Sein „gleiche Stelle, gleiche Welle“ bleibt unvergessen.

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  3. Wer sich dem unvergessenen Theaterkritiker nähern will und auch der Berliner Theaterereignisse jener Jahre – Beispiel „Warten auf Godot“ mit Stefan Wigger, Horst Bollmann und Bernhard Minetti im Schillertheater – dem sei das Buch „Stimme der Kritik“ empfohlen. Es kostet antiquarisch lächerliche drei Euro bei ZVAB.de.
    Ferdinand

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  4. Auf rund 14 Regalmetern erstreckt sich die Nachlassbibliothek von Friedrich Luft in der Akademie der Künste, die im Jahr 1991 eingerichtet wurde. Also eine weitere Quelle, sich über den Herzblut-Kritiker zu informieren.
    AL

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