Berlin ab 50…

… und jünger

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (2)

Berliner Theaterleben nach dem Krieg: „Der Eremit vom Breitenbachplatz“

1980 (c) M.Goden

Einer der prominentesten deutschen Nachkriegsregisseure und Bühnenbildner war auch einer der Scheuesten. Er lebte und wohnte seit 1952 hoch über dem Breitenbachplatz in Dahlem: Willi Schmidt. Professor Schmidt liebte diese Stadt, aber er ließ sie nie zu dicht an sich heran. Die selbst gewählte Distanz war charakteristisch für seine Persönlichkeit, die jede Art von Publicity scheute. Von Willi Schmidt gibt es keine Interviews und keine Stories. Die Arbeit umschloss ihn wie ein Gehäuse. Ich studierte bei ihm von 1956 bis 1961 Bühnenbild an der Hochschule der Künste in Berlin und ich möchte mit diesem Beitrag einen großen Theaterkünstler würdigen und wieder ins kulturelle Gedächtnis der Leser rufen.

Willi Schmidt inszenierte bei Boleslaw Barlog am Schiller- und Schlosspark-Theater, bei Kurt Raeck am Renaissance-Theater –  viel zu selten, wenn es nach der Meinung des Berliner Publikums ging. Hamburg, Düsseldorf, München, Wien, Recklinghausen locken zusätzlich mit ständigen Angeboten. Aber die liebgewordene Lehrtätigkeit an der Berliner Hochschule für bildende Künste, an der er sich liebevoll und kompetent um den Bühnenbildner-Nachwuchs sorgte, ließ die verfügbare Zeit für Regie und Bühnenbild in Berlin schrumpfen. Der überschlanke Mann mit dem durchgeistigten Kopf sprach  mit leiser, melodischer Stimme und zwang zum Zuhören, um dabei selbst ganz zwanglos zu sein. Er filterte seine Argumente und Erzählungen mit Humor und Ironie. Er schmunzelte in sich hinein und sein unaufdringlicher intellektueller Charme wärmte und füllte den Raum. So habe ich ihn im Studium und später erlebt. In seinen Vorlesungen und  Gesprächen brach immer der Regisseur durch. Mit ein paar Gesten beschrieb  er eine Szene, spielte sie vor, brach ab – man spürte die Suggestion, die von ihm auf die Schauspieler überspringen musste.

(c) Günther Metzner, Quelle: Programm der Berliner Festwochen 1962

Sein Weg zum Theater war von seltener Konsequenz: Der 1910 in Dresden geborene Sohn eines Bankdirektors sah als 15jähriger eine Ausstellung von Bühnenmodellen. Die Magie der winzigen Gehäuse ließ ihn nicht mehr los. Er bastelte für sich und inszenierte in der Schule. Zum Kummer seiner Eltern ließ er sich die Träume vom Theater nicht ausreden. Also studierte er erstmal Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, versuchte in die Schauspielschule von Leopold Jessner zu kommen und fiel durch. Er zog nach Paris. Aber auch dort wartete man nicht auf ihn. Eines Tage wurde ihm eine Postkarte des großen Bühnenbildners Rochus Gliese nachgeschickt, bei dem er sich um eine Assistentenstelle beworben hatte. Wochen nach dem Vorstellungstermin erschien Willi Schmidt dann mit seinen Modellkästen und es fiel der erlösende Satz: „Versuchen wir es, sie haben handwerkliches Geschick.“ Er nutzte die Chance, saß neben Fehling, Gründgens und Hilpert – als Kaffeeholer, als Lehrling, als Assistent. Und er bekam seine erste eigene Arbeit als Bühnenbildner.

Die zweite Karriere begann nach dem Krieg, die Regie. 1946 war es erreicht. Karl-Heinz Martin trug ihm die Inszenierung von Georg Kaisers Schauspiel „Der Soldat Tanaka“ am Hebbel-Theater an. Es wurde ein durchschlagender Erfolg. Und fortan war die Marke „Regie und Bühnenbild Willi Schmidt“ ein Begriff. Und er war ein Regisseur, der Verstand und Gefühl mit hoher Sensibilität für Dramatik des Raumes verband. Dieser noble Phantasiemensch war ein äußerst behutsamer Spielführer. Jede Schmidt-Inszenierung erkannte man an seiner unverwechselbaren Handschrift.

(c) Köster, Quelle: „Der Abend“, 1962

Seine Liebe galt Berlin, seine Bewunderung den neuen französischen und angelsächsischen Stücken, die uns bis 1945 vorenthalten worden waren. Unter seiner Regie wurde 1956 Jean Anouilhs melancholische Komödie „Schloss im Mond“ im Renaissance-Theater auf die Bühne gebracht, melancholisch-heiter, elegant mit schöner Behutsamkeit, ein echter Willi Schmidt. Oder dann 1958  im Schlosspark-Theater Félicien Marceaus „Das Ei“. Wie da höchst amüsant und elegant in schnell verwandelnden Bühnenbildern ein junger Mann leichthin und mit einem Hauch versteckter Einsamkeit, schlankweg ins Publikum hinein, seine Lebensstationen aufblättert, das war genau kalkuliert. Ein junger Mann spielte dieses Solo – Klaus Kammer, der den älteren Berliner Lesern sicher ein Begriff ist. Für die Jüngeren: Klaus Kammer war einer der bekanntesten Theater-Gesichter der Nachkriegszeit in Berlin, der leider schon 1964 mit 35 Jahren  starb.

(c) Köster, Quelle: „Der Abend“, 1962

Dann folgte Schmidts Inszenierung von Giraudoux’ „Amphitryon 38“ und die hinreißende „Irre von Chaillot“ mit der großen Hermine Körner und wieder Klaus Kammer. Mit Klaus Kammer arbeitete Willi Schmidt wegen dessen Sensibilität und hoher, immer lebendigen Perfektion oft zusammen, kam diese Eigenschaften den seinen doch so nah. 1960 war Klaus Kammer Schmidts „Raskolnikow“ in der Dramatisierung des Dostojewski-Romans „Schuld und Sühne“. Und er war 1962 der „Affe“ in Kafkas „Bericht für eine Akademie“, begleitet von seinem Regisseur im Kostüm des Akademiedieners.

Willi Schmidt ging aber auch den Klassikern frisch und sprachgeschmeidig zu Leibe. Er blies den Staub aus dem Versgefüge. Einer Nelly-Sachs-Präsentation in der Berliner Akademie der Künste hat Willi Schmidt ein Novalis-Wort vorangestellt: „Jedes Wort ist ein Wort der Beschwörung. Welcher Geist ruft – ein solcher erscheint“. Willi Schmidts Arbeit kam immer aus dem Geist der Achtung vor dem Dichterwort – und der Liebe zum Theater. Er hat uns ein halbes Jahrhundert hindurch beschenkt und wir haben ihm zu danken.

Seine letzte Ruhe fand er an der Seite seiner Frau Lore auf dem St. Annen Kirchhof in Berlin-Dahlem.

Prof. Michael Goden

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