Berlin ab 50…

… und jünger

Eine Frage der Perspektive

Neulich las ich in der Berliner Zeitung eine Kolumne*, die mich sehr beschäftigt hat.

Es ging um Empathie und eine Klassenarbeit im Ethikunterricht.  Die Aufgabe war, sich in die Gefühls- und Denkwelt eines objektophilen Mannes hineinzuversetzen und die Kompetenzschritte  „Empathie entwickeln“ aufzuschreiben.

Objektophilie ist die Liebe zu Dingen, Gegenstände sind Liebes- und Sexualobjekt.  Empathie wiederum ist die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen und Motivationen anderer Personen zu erkennen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.

Ich gestehe, ich wäre nicht unbedingt auf die Idee gekommen, eine solche Konstellation als Schulaufgabe „Kompetenzschritte zur Empathie“ zu nutzen. Vielleicht kommt  Objektophilie öfter vor als ich denke, aber mir scheint es doch etwas sehr Entferntes,  jedenfalls nichts, womit wir täglich konfrontiert werden. Ob die Schüler jemanden aus eigener Erfahrung kennen, vermutlich nicht. Möglicherweise war dies genau die Überlegung der Aufgabenstellung. Es schafft Distanz.

– Heinrich Zille –

Nun können Sie sagen, genau an so einer  Ausgangssituation kann der Schüler seine gelernten „Kompetenzschritte“ aufzeigen. Weil er vermutlich emotional nicht berührt ist. Mir scheint es einfacher, einen distanzierten Perspektivwechsel  ohne große emotionale Irritation zu vollführen als zum Beispiel die Motivation einer öffentlichen Person mit schlechtem Image nachzuvollziehen. Also zum Beispiel „Martin Schulz wollte dezidiert nicht ins Kabinett von Angela Merkel, trotzdem erklärte er seiner Partei jetzt, dass er Außenminister in der neuen GroKo werden wolle. Versuchen Sie sich in seine Denk- und Gefühlswelt einzufühlen.“ oder „Ein tödlicher Unfall. Ein LKW überrollt einen Radfahrer. An der Unfallstelle werden tagelang Blumen hingelegt und Kerzen angezündet. Fühlen Sie sich in den LKW-Fahrer hinein.“ oder „Ihre 80jährige Nachbarin erleidet einen Schlaganfall. Wie sieht das Leben „danach“ aus der Perspektive der alten Dame aus?“ oder  „Was bringt einen Familienvater dazu, seine Frau und zwei Kinder zu töten“?

Es geht also bei der oben erwähnten Klassenarbeit – zumindest ist dies mein Eindruck – mehr um das Abarbeiten der gelernten Schritte, um Fakten und Wissen, nicht so sehr um Stärkung einer sozialen Kompetenz. Also mehr um „technisches Wissen“ als um Übung eines Perspektivwechsels und das emotionale kognitive und soziale Einfühlungsvermögen. Ist das der richtige Weg?

Eine Freundin von mir ist Lehrerin in Neukölln – Brennpunktschule. Sie ist eine überaus engagierte Lehrerin und versucht alle ihre Schüler mit und ohne Migrationshintergrund zu fördern und durch die Prüfungen zu bringen. Sie erzählte mir neulich, dass viele der jungen Lehrer*innen – und sie meint nicht die Quereinsteiger – diesen Beruf  lediglich als „Job“  verstehen  und dies bedeutet nicht nur für die Kinder weniger an persönlichen Einsatz, Leidenschaft und Engagement, sondern macht sich genauso in der Zusammenarbeit mit den  Kollegen*innen negativ bemerkbar.

Dies bestätigte meine Beobachtung, dass Empathie im Allgemeinen immer stärker verloren geht. Wir haben uns spürbar zu einer egoistischen Gesellschaft entwickelt, in der schon Kindern beigebracht wird, dass  das ich höher zu setzen ist als das wir. Und natürlich macht sich das auch bei sozialen Berufen bemerkbar.  Vielleicht ist es ein Selbstschutz, diese Beruf sind anstrengend, ohne Zweifel, und vermutlich verdient man in anderen Beruf deutlich mehr, aber wenn ich einen sozialen Beruf ergreife, muss ich wissen, dass ich ihn gerne, mit Freude und mit Leidenschaft machen werde, er muss Berufung sein. Dies gilt sicher für alle sozialen Berufen – von der Krankenschwester bis zum Physiotherapeuten, vom Erzieher bis zum Arzt. Ohne Engagement und Empathie werden alle diese Berufe doppelt so anstrengend. Und wir, die wir von von ihrem Engagement profitieren, müssen mit Dankbarkeit diese Berufgruppen achten und wertschätzen.

Und das bringt mich wieder zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen – wenn Schüler anhand von (fast) abstrakten Situationen Empathie lernen, werden Einfühlungsvermögen und Leidenschaft, Respekt vor dem Anderen in der praktischer Umsetzung des Alltag schwierig werden. Denn es gilt ja auch, eine empathische Haltung einzunehmen selbst auf die Gefahr hin, dass dieser Perspektivwechsel im Kreis von  Freunden und Familie als „verräterisch“ empfunden wird. Und das verlangt einen gewissen Mut. Aber nur mit Empathie kommen wir zu einer differenzierten Betrachtungsweise, weg von der Entweder-oder-Haltung. Und dies fehlt uns immer mehr. Natürlich wird diese Einfühlungsvermögen schon in frühester Kindheit gefördert, aber wenn Eltern selbst zur egoistischen Generation gehören, woher sollen dann  Kindern den Respekt und Mitgefühl lernen?

„Empathie für Anfänger“ titelte übrigens die oben erwähnte Kolumne. Ich hoffe sehr, dass wir dieses Vermögen weiterhin schätzen und uns über die Anfänge hinaus  zu Fortgeschrittenen entwickeln.

Bleiben Sie auch in diesem Sinne neugierig.

go

Empathie für Anfänger, Kolumne von André Mielke, Berliner Zeitung,14.2.2018

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar

  1. Thomas

    Der Beitrag zur Empathie ist sehr nachdenkenswert. Vor allem hinsichtlich der Definition, was mit Empathie gemeint ist. Das griechische Wort „empatheia“ ist zusammengesetzt aus „“en“ (hinein) und Pathos“ (Gefühl). Das heißt: Empathie ist die Fähigkeit, in das Gefühl eines anderen einzudringen, sich hineinzuversetzen. Es lässt sich wohl auch mit „Mitgefühl“ übersetzen. Und das bedeutet -so sehe ich das -, dass Empathie mehr ist als ein Perspektivwechsel. Es geht vielmehr um die Fähigkeit, eine Reise in das Innere eines anderen Menschen zu unternehmen. Was wohl voraussetzt, dass der Mensch, der zu solch wirklicher Empathie fähig ist, sensibel sein, nonkonform denken und selbstbewusst sein muss. Zu einem Perspektivwechsel zu kommen, scheint mir leichter zu sein; vielfach reicht es aus, andere Denkweisen und Einstellungen gleichwertig neben den eigenen zu akzeptieren. Auch Mitleid ist keineswegs ein Synonym für Empathie: dabei geht es eher um Fürsorge und aus ihr heraus um das Gefühl, Abhilfe schaffen zu müssen.
    Es gibt ein höchst interessantes und schwieriges Buch über Empathie. „Leslie Jamison, Die Empathie-Tests“ (Hanser Verlag Berlin). Aber Achtung: Es ist ein sehr forderndes Buch.
    Was mich an dem Beitrag von go ein wenig irritiert hat, ist das rigorose und gleichschaltende Urteil über Lehrer, Auch wenn es von einer Lehrerin selbst kommt. Es ist wenig hilfreich, (jungen) Lehrern von vornherein abzusprechen, dass sie Ideale haben.
    Thomas

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