BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (3)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg:  „Walter Felsenstein und sein Musiktheater“

(c) Willi Sieger, 1946

Da liegt Berlin in Trümmern und die Siegermächte, USA, UDSSR, Frankreich und England, sind sich nicht einig über eine einheitliche Verwaltungsform der Stadt. Jeder wollte eben seinen Fuß in der Tür behalten. Die drei Alliierten USA, England und UDSSR einigten sich in dem „Potsdamer Abkommen“ über die politischen Handlungsfreiheiten der Besatzungszonen des neuen Deutschlands und Berlins. Denn nicht nur Deutschland wurde in vier Besatzungszonen geteilt, sondern eben auch „Die Insel Berlin“.

Nach allen erlebten und überlebten Gräueltaten des Krieges mussten sich die Bürger der Stadt erst einmal neu orientieren. Überleben mit Lebensmittelmarken und Sonderzuteilungen. Der bevorstehenden Kälte ohne Kohlen begegneten die Bewohner mit Abholzen des Tiergartens und der nahegelegenen Wälder. Allem zum Trotz gab es aber auch das Bedürfnis nach Ablenkung von der Notlage durch kulturelle Aktivitäten und Theater.

(c) Willi Sieger, 1946

Als man nun kulturelle Bestandsaufnahme machte – welche Bühnen sind bespielbar und in welchem Sektor stehen diese nun – stellte man fest, die Deutsche Oper im Westen war zerstört, die Staatsoper im Osten ebenso. Aber das Metropol-Theater im Osten sollte nach dem Willen der sowjetischen Militäradministration wieder bespielbar werden.

Wenige Monate nach Kriegsende sammelten sich um den Intendanten Karl-Heinz Martin im Berliner Hebbel-Theater (Westberlin) die Schauspieler des inzwischen ja ebenfalls zerstörten Schiller-Theaters (Westberlin). Mit ihnen inszenierte ein Herr Walter Felsenstein –  als erste Aufführung nach zwölfjährigem Naziverbot – Offenbachs Operette „Pariser Leben“. Die Premiere am 1.Dezember 1945 war ein großer Erfolg.

W.F.,1966

Wer war nun dieser Walter Felsenstein? 1901 in Wien geboren, Schauspielunterricht bei einem Burgtheaterschauspieler, erstes Engagement 1923/24 am Stadttheater Lübeck als „Schüchterner Liebhaber“, anschließend in Mannheim und Beuthen, wurde er schon 1927 als Oberspielleiter für Oper und Schauspiel nach Basel berufen. Dort inszenierte er innerhalb von zwei Spielzeiten neunzehn Schauspiele und sechzehn Opern. 1929/32 wechselte er in gleiche Position nach Freiburg/Brg. und dann an die Oper Köln. 1934/36 wurde er Oberspielleiter der Oper Frankfurt/M.. Der große Erfolg seiner „Fledermaus“-Inszenierung führte ihn zur ersten Gasttätigkeit nach Berlin, wo er das Werk 1935 am Admiralspalast-Theater inszenierte. Da entwickelte sich die Zusammenarbeit mit dem großen Bühnenbildner Caspar Neher. Kurz danach wurde Felsenstein jedoch aus der Reichskulturkammer (der alle zugelassenen Bühnenmitglieder angehören mussten) ausgeschlossen und durfte nur noch mit besonderer Genehmigung inszenieren. Zwei Jahre war er Gastregisseur – bis sich ihm 1938/40 die Gelegenheit bot, als Spielleiter für Oper und Operette nach Zürich zu gehen.

Nach einer Gastinszenierung im Berliner Naturtheater Friedrichshagen engagierte ihn der große Heinrich George an das von ihm geleitete Schiller-Theater. Hier begegnete er dem Regisseur Jürgen Fehling. Das sollte für seine weitere künstlerische Arbeit bedeutend werden.

Da Felsenstein aber im üblichen Theaterbetrieb keine Möglichkeiten sah, seine Vorstellungen  von Oper als einem theatralisch gültigem Kunstwerk zu realisieren, verlegte er seinen Schwerpunkt wieder auf das Schauspiel. Nur zweimal inszenierte er Oper: 1941 „Falstaff“ in Aachen mit Herbert von Karajan und 1942 „Figaros Hochzeit“ in Salzburg mit Clemens Krauß.

Als Anfang 1947 vom Magistrat der Stadt Berlin und der sowjetischen Militäradministration angeregt wurde, in dem mittlerweile provisorisch wiederhergestellten Metropol-Theater ein heiteres Musiktheater neuer Art aufzubauen, entstand die Idee einer „Komischen Oper“. Walter Felsenstein schien für die Leitung genau der Richtige und so wurde ihm von Major Dymschitz die Lizenz für deren Leitung überreicht. Felsenstein sah darin die Möglichkeit, die Werke des Musiktheaters in hoher Qualität und ohne die im gängigen Opernbetrieb üblichen künstlerischen Kompromisse zur Aufführung zu bringen. Mit der Premiere der „Fledermaus“ am 23.Dezember 1947 wurde die Komische Oper eröffnet.

Doch was bedeutet nun Musiktheater ?  Die interpretatorische Absicht des Regisseurs Felsenstein bestand darin, gleichberechtigte Kommunikation von Musik und Text einzusetzen, nicht nur auf den Gesang konzentriert zu sein, sondern vom Klang ausgehend eine Aktion auf der Bühne umzusetzen. Die Akteure agieren sowohl musikalisch, tänzerisch als auch darstellerisch. Das war für uns Bühnenbild-Studenten aus dem Westen absolutes Neuland der Operndeutung. Ich erinnere mich noch genau, dass wir zu den Vorstellungen immer „rüber“ gefahren sind mit der S-Bahn bis Friedrichstrasse. Es gab ja damals die Ostmark und die Westmark und der Kurs stand 1 zu 4, also für eine Westmark bekam man vier Ostmark. Für uns Studenten war es ein Fest, in die „Komische“ zu gehen, bekam man da doch in der Pause auch noch eine Bockwurst mit Brot für eine Ostmark, also für fünfundzwanzig Pfennige West.

Ich denke noch heute an die exemplarischen Inszenierungen von „Das schlaue Füchslein“ oder auch „Hoffmanns Erzählungen“ und „Die Zauberflöte“. Alle in den großartigen Bühnenbildern und Kostümen von dem leider zu früh verstorbenen Rudolf Heinrich.

(c) Simon/Komische Oper, 1957

Walter Felsenstein leitete die Komische Oper bis 1975, also fast dreißig Jahre lang, und formte so den Begriff des Musiktheaters, der den Begriff Opernregie abgelöst hat. Am 8. Oktober 1975 setzte der Tod seiner Arbeit ein plötzliches Ende. Seine letzte Ruhe fand er in Kloster auf der Insel Hiddensee, wo er ein Ferienhaus besaß.

Walter Felsensteins Schüler waren Ruth Berghaus, Joachim Herz, Harry Kupfer, Götz Friedrich – Namen, die das Berliner Musiktheater noch heute prägen.

Prof. Michael Goden

 

 

 

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