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… und jünger

Anno Domini – die Bilderstürmer sind wieder da

Kennen Sie das Spiel Anno Domini? Bei Anno Domini müssen Ereignisse in die richtige zeitliche Abfolge gebracht werden. Die Themengebiete der kleinen Kärtchen sind z.B. Gesundheit, Kirche und Staat, Kunst, Lifestyle, Sex& Crime, Natur oder Erfindungen – alles ist im Angebot. Am besten ist es jedoch, wenn man die Gebiete mischt, dann wird’s  nicht langweilig. Nicht immer kommt es dabei auf exaktes Wissen an, wer gut bluffen kann, hat beste Chancen, seine Karten als Erster loszuwerden und zu gewinnen. Das Ereignis steht auf der Vorderseite, die Lösung auf der Rückseite. Und wer die gelegte zeitliche Reihung  nicht glaubt, darf zweifeln und dann wird die Lösung auf der Rückseite offengelegt.

Am Wochenende spielten wir wieder einmal und dabei gab es eine längere Diskussion über folgende Karte mit der Aufgabe: „Der Papst schlägt eigenhändig mit Hammer und Meißel das steinerne Geschlechtsteil einer jeden Statue im Vatikan ab. Er beschädigt dadurch Hunderte von Meisterwerken  von Michelangelo, Bramante und Bernini„.  Nun muss der Spieler ungefähr wissen, ob dieses  Ereignis z.B. nach oder vor der Karte „Entdeckung Amerikas“ zu legen ist. Gesagt getan, irgendwann wurde die gesamte Reihung angezweifelt und die Karten umgedreht. Die Überraschung war groß: Es stand dort „Papst Pius IX. Pontifikat 1846-1878, Zerstörung der Statuen 1857 “. Der  Papst also, der  1854 das  „Dogma der unbefleckten Empfängnis“ und im Ersten vatikanischen Konzil  1870 die „Lehre der Unfehlbarkeit des Papstes“ verkündet hatte, hatte nichts Wichtigeres zu tun? Bei aller Prüderie des „Biedermeier“ – wir konnten es trotzdem kaum glauben. Also wird „gegoogelt“ und schon rasch stellt sich heraus, dass die Frage auf einer  „Fake news“ beruht, der Autor der Karte des Spiels hatte  sich bei  Dan Browns Roman „„Illuminati“ bedient, der 2009 verfilmt wurde, ohne  die Fakten zu prüfen. In Wahrheit gab es keine Beschädigungen der Skulpturen durch brachiale „Kastration“, sondern die Nacktheit wurde mit Feigenblättern aus Blech überdeckt. Dabei wurden allerdings auch die Beschädigungen der Skulpturen in Kauf genommen, da zum Teil dafür Dübel gesetzt wurden oder die Befestigungsdrähte den wertvollen Stein schädigten. Der hier beschrieben Sachverhalt ist unter „Feigenblattzensur“ bekannt.

Vor 18 Jahren zeigte die Münchner Glyptothek die Ausstellung  „Das Feige(n)blatt“, in der über die Verfahren und Missgeschicke des Verhüllens auf  Grund der Prüderie des 19. Jahrhunderts informiert wurde. Zu Zeit Pius IX. begann man überall in Europa, die Scham der antiken Skulpturen mit Feigenblättern zu bedecken. Mark Twain berichtete  1867 über die  in Florentiner Sammlungen omnipräsenten Feigenblätter „Diese Werke, die jahrhundertelang in unschuldiger Nacktheit dastanden, sind nun alle mit Feigenblättern versehen“. Doch die Versuche, die Aufwertung des nackten und idealen Körpers durch die Renaissance zurückzunehmen, sind älter.  Als 1541 Michelangelo die  Nackten des Jüngsten Gerichts in der Sixtinische Kapelle malte, dauerte es nur 20 Jahre bis sein Schüler Volterra vom Papst beauftragt wurde, die Nacktheit zu übermalen. Johann Joachim Winckelmann berichtete 1759  aus Rom, dass Papst Clemens XIII angeordnet habe, „dem Apollo, dem Laocoon und den übrigen Statuen im Belvedere ein Blech vor den Schwanz“ zu hängen.

Die Berliner Museen sollten die Ausstellungsidee  aus der Münchner Glyptothek rasch aufgreifen,  damit eine öffentliche Diskussion zur Beurteilung von Kunstwerken im historischen Kontext, aber auch im persönlichen  Kontext des Künstlers eröffnet wird. Dabei wäre der Zeitrahmen  von reformatorischen Bilderstürmerei über die Sinnlichkeitsverbote nach der Renaissance über die  diffamierte modernen Kunst im NS-Staat, Maos Kulturrevolution, den  Buddha-Zerstörungen durch die Taliban 2001 bis hin zum heutigen „Biederen Barbarentum“ (siehe unten) zu fassen. Denn die Bilderstürmer und  Sittlichkeitseiferer von heute sind nicht mehr Pol Pot, Mao oder Taliban – nein, die Kunstverächter lehren heute an Hochschulen und Universitäten, beherrschen Studentenvertretungen, leiten das Feuilleton der Zeitschriften oder führen Galerien  und können sich mit Pius IX in Hinsicht auf ihren  „Anspruch der Unfehlbarkeit“ und am bigotten Feigenblatt-Erlass vergleichen lassen. Unter dem selbstgegebenen Auftrag, Sexismus und Rassismus zu bekämpfen, werden Gedichte  übermalt, Bilder abgehangen, Kampagnen gegen vermeintlich oder tatsächlich schuldig gewordene Künstler gefahren, die ohne juristische Prüfung zur Vernichtung ihrer materiellen Existenzen und der Zerstörung von Kunstwerken dieser Künstler führen (Einfach mal so rausschneiden aus dem Film, Stalins Schergen  konnten es nicht besser).  Eine wunderbare Kolumne des Wiener Philosophie und Ethikprofessors Konrad Paul Liessmann  vom 8.2.2018 in der Neuen Züricher Zeitung dazu findet sich hier: https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/biedere-barbaren-ld.1354234

Findet mw

 

Ein Kommentar

  1. Paula

    Das ist ein facettenreicher und origineller Beitrag, den zu lesen, lohnt und zum Nachdenken anregt. Letzendlich geht es auch um die Frage: Sind Weltanschauungen – ob politische, religiöse oder soziale – Kategorien, unter denen Kunst „bewertet“ werden darf.
    Hochpolitisch, hochaktuell und von Dauer.
    Paula

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