Lauter alte Leute

„Gehst Du zu dieser Geburtstagsfeier?“ fragte ich meine Mutter und hörte, was ich schon erwartet hatte: „Nein, da sind doch nur lauter alte Leute„. Bestimmte Einladungen und Veranstaltungen – Geburtstage, Lesungen, Kaffeeeinladungen  etc. – verweigerte meine damals 70jähre Mutter immer mit dem gleichen Argument. Ich fand dies mit meinen 40 Jahren etwas übertrieben, schließlich fand ich aus meinem Blickwinkel eine 70jährige  –  bei aller Fitness – doch auch der Gruppe „der Alten“ zugehörig.

Nun bin ich in einer Reha  – mit gefühlt „lauter uralten Leuten“. Mit meinen 64 bin ich im Kreise der vielen 70plus Patienten vermutlich eine der Jüngsten.  Und ich gebe zu, meine Mutter hatte Recht. Wenn man alt ist, muss man sich mit jungen oder zumindest jüngeren Menschen umgeben. Mein Blick während des Frühstück, Mittag- und Abendessen ist wie ein Blick in einer Zerrspiegel der Zukunft. Werde ich auch so aussehen, mich so verhalten, so eingeschränkt sein?

Es ist nicht motivierend, seine Altersgruppe hier an diesem Ort zu beobachten – beim Essen, beim Sport, bei Vorträgen und Fragen etc.. Vielleicht denken die anderen genauso von mir, egal, es macht mich nicht fröhlich. Ein Geschwader von Rollstühlen, mit und ohne Motor, Gehhilfen, Stöcke, Rollatoren mit „Knie“ und „Hüfte“, dazwischen ein paar „Kardios“, die ganz gut zu Fuß sind, kommt mir aus dem Restaurant früh, mittags, abends entgegen – ein erschreckendes Bild. Erst wenn ich den einen oder anderen lachen und reden höre, verändert sich das Zerrbild. Nicht so sehr „Kleider machen Leute“, sondern die Sprache, die Gestik und Mimik macht aus der amorphen Gruppe der Greise Individuen entstehen.

Sobald ich kann, gehe ich „an die Luft“ – in einen kleinen Park. Gestern stand da eine Gruppe Jugendlicher – noch nie war ich so beglückt über diesen „Generationswechsel“ – genauso wie es mich fröhlich stimmt, wenn ich die jungen Männer, die hier ihr Freiwilliges soziales Jahr absolvieren, sehe oder das 6 Wochen alte Enkelkind einer Tischnachbarin  vorgestellt bekomme. Wie Recht meine Mutter hatte – „lauter alte Leute“ machen unfröhlich.

Ich gebe zu, dass ich durchaus den Gedanken hegte, eine Alters-WG aufzubauen. Die Überlegung war, dass man vielleicht in einem ähnlichen Alter ein ähnliches Tempo hat – natürlich mit temperamentsbedingten Schwankungen – , dass man zu ähnlich gelassenen Einstellungen im Laufe seines Lebens gekommen ist oder ähnliche Erfahrungen hat und wenn man sich die Altersgenossen sucht, die ähnliche Interesse haben, wäre das vielleicht ein Modell, dachte ich  – bis jetzt.

Blicke ich vom meinem Frühstücksteller im Speisesaal meiner Reha auf, weiß ich, dass ich mehr noch als früher theoretisch ein Befürworter des Mehrgenerationenhauses werde. Und denke, wie gut und sinnvoll doch die „Großfamilie“ war – mit Uroma, Oma, Mutter, Kind -, die uns inzwischen so gänzlich abhanden gekommen ist. Es geht ja nicht nur darum, dass man auch mit Problemen der nachfolgenden Generationen konfrontiert wird und ihre Bedürfnisse damit besser versteht, dass man seinen Kopf fit hält, es geht auch darum, dass man den ganzen Bogen „Leben“ empfindet und nicht nur auf dem Papier von der kommenden Generation spricht. Und wenn ich denke, dass unsere Gesellschaft in 20 -30 Jahren zur Hälfte über 50 Jahre alt sein werden, wird mir ganz anders. Und gar nicht so sehr wegen des „Generationenvertrags“, sondern weil die Alten vorrangig mit Alten konfrontiert werden.

Es gibt Bezirke in Berlin – Friedrichshain, Prenzlauer Berg zum Beispiel – , da wachsen Kinder ohne die ältere Generation auf , sie kennen so gut wie keine alten Menschen , denn Oma und Opa leben weit weg und sind selten zu Besuch. Wie soll ein Kind einen Bezug zum Alter entwickeln, emotional lernen, dass Alter nicht nur schrecklich ist oder Lebenserfahrung wertschätzen,  kurz: was Alter in allen Facetten bedeutet, positiv wie negativ?  Der alltägliche Umgang mit Alter muss gelernt werden, daher gefällt mir die Haltung meiner Mutter immer mehr, die ihr Leben lang versucht, sich mit Menschen jeden Alters zu umgeben.

In diesem Sinne: Bleiben Sie neugierig und bleiben Sie im Gespräch mit allen Altersgruppen!

go

 

 

 

8 Gedanken zu “Lauter alte Leute

  1. Meine Frau und ich sind „alte Leute“ und wir erwarten den Besuch einer jungen Frau, Anfang zwanzig. Im Urlaub in einer Kleinstadt am Bodensee hatten wir eine dort lebende Familie kennengelernt, deren Tochter sie ist. Beim Abschied sagte ich beiläufig zu der jungen Dame, wenn sie einmal nach Berlin käme würden wir uns über ihren Besuch freuen, sie könne auch bei uns übernachten. Tja, und jetzt, zwei Jahre später, ihr Anruf: sie kommt. Ohne Begleitung, ohne jemand Weiteren zu kennen in der großen Stadt. Sie freue sich auf uns und darauf, eine ganze Woche bei uns zu sein, mit uns zu leben, die Hauptstadt kennenzulernen, von der man so viel hört und so wenig weiß wenn man so weit entfernt wohnt.
    Der erste Schock saß tief. Wie wird Lena sich bei uns fühlen? Wie selbstständig ist sie? Was werden wir mit ihr unternehmen?
    Wir machen Pläne: Eine Fahrradtour in die Berliner Umgebung, ein Theaterbesuch, Bummel durch die Stadtzentren in Ost und West, Regierungsviertel, Ateliers, Kneipen, Kinos… Werden wir uns als Berliner noch bremsen können und wie kommen wir mit dieser „Rhythmusstörung“ in unserem Tagesablauf überhaupt klar?
    Was wie eine Belastung klingt ist wahrscheinlich auch eine, doch sie könnte belebender nicht sein. Wir freuen uns riesig.

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  2. Das ist ein deprimierender, vielleicht sogar kränkender Beitrag. Kränkend für all die Menschen, die die 60 plus hinter sich gelassen haben. Sie sind, so lese ich das, das Zerrbild der Zukunft. Damit bin auch ich gemeint, die bereits die 70 hinter sich gelassen hat. „Alte Menschen machen unfroh“ – wie wollen die „mittelalten“ Menschen (sorry, ich komme um das Wort „alt“ nicht herum. Oder „mitteljung“ vielleicht? Klingt das angenehmer) junge Menschen dazu motivieren, in die Altenpflege zu gehen? Denn das ist ein unfroher Beruf – und wer will das schon? Offenbar gottseidank doch noch einige.
    Natürlich gibt es in dem Beitrag auch das „Feigenblatt“ – die Mischung soll’s machen. Und Oma und Opa sind natürlich wichtig – für die lieben Kleinen.
    Das Altwerden und Altsein so zu klassifizieren, wie es hier geschehen ist, ist traurig. Und macht nun wirklich unfroh!
    Anna

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  3. Meine jüngere Tochter hat in eine „Großfamilie“ hinein geheiratet, und die beiden Enkelkinder wachsen jetzt in dieser Großfamilie auf. Es ist einfach nur schön, und alle Generationen profitieren davon. Alternativ wäre tatsächlich das Generationenhaus die beste Lösung.
    Als ich etwa 50 war, nahm ich mir vor, mit dem Rentenbeginn in ein Seniorenheim umzuziehen, eines von denen mit eigener abgeschlossener Wohnung aber der Option, später Pflege und Verpflegung aus der Gemeinschaftsküche in Anspruch zu nehmen. Als es soweit war (und bis heute – ich bin jetzt 69) konnte ich mich dazu nicht durchringen. Auch ich brauche die verschiedenen Generationen um mich herum.

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    • Mir geht es nicht darum, ob bzw. dass unterschiedliche Generationen ein lebendiges Miteinander bedeuten können. Es geht mir vielmehr darum, dass in dem Beitrag von go ein Bild vom Alter gezeichnet wird, dass einseitig trostlos klingt. Dazu kommt, dass es auch deswegen einseitig ist, weil es an einem Ort gezeichnet ist – eine Reha-Klinik -, an dem vermutlich auch die 60plus-Menschen nicht gerade ein Quell der Freude sind. Ausnahmesituationen sollte man, so meine ich, niemals als Maßstab für Beurteilungen und Einschätzungen nehmen.
      Anna
      P.S. Das, was Jens schreibt , ist die ganz natürliche Situation: Freude einerseits und Nachdenklichkeit andererseits. Vermutlich wird sich das junge Mädchen ähnliche Gedanken machen. Hoffe ich persönlich.

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      • Liebe Anna, wenn man etwas wohl nicht tun sollte, dann ist es, einen Menschen, der begreift, dass der Tag, an dem er eingestehen muss, „ich bin alt“, nicht mehr fern ist, und der darauf mit einer regelrechten Aversion gegen das Alter reagiert, daraus einen Vorwurf zu machen. Ich selbst bin mehrere Jahre hindurch mit dem Altern erbärmlich schlecht zurecht gekommen, habe aufgehört, meine Geburtstage zu feiern und mich ständig daraufhin beobachtet und beschnüffelt, ob ich an mir selbst Dinge bemerkte, die mir bei anderen alten Leuten unangenehm auffielen. Das ist jetzt ausgestanden. Meinen 70. werde ich wieder feiern, und natürlich hoffe ich, dass ich noch möglichst lange in der Gesellschaft mittun kann, denn im Grunde war mir mein Leben lang daran gelegen, mit Menschen aller Altersgruppen, unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen sozialen Schichten vorurteilsfrei umgehen zu können. Wenn einen die Erfahrung einer Reha-Klinik aber just in der Phase einer Neuorientierung im eigenen Leben trifft, dann kann einen das schon hart ankommen. Und auch das weiß ich aus eigenem Erleben.
        Herzliche Grüße
        Christa

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  4. Alter schön zu reden ist kaum glaubwürdig, denn es es stellen sich mit dem Alterungsprozeß Dinge ein, auf die man so nicht vorbereitet ist. Und wenn dann noch Ausnahmezustände eintreten wie zum Beispiel eine Operation mit anschließender REHA wird einem besonders bewußt, wie gefährtet man ist und was einem schlimmstenfalls passieren kann. Ich hab‘ das alles genauso wie im Beitrag beschrieben, erlebt und es hat mich deprimiert und keinesfalls aufgebaut. Und es stimmt, aktiv bleiben und sich mit positiven und auch mit jungen Menschen auseinanderzusetzen, ist die einzige Möglichkeit, dieser Tristesse aus dem Wege zu gehen. Und, nur die Freiheit, morgens nicht mehr in den regelmäßigen Arbeitsprozeß einsteigen zu müssen, versöhnt mich etwas mit der Unabänderlichkeit des Altwerdens – alles andere wäre ein Schönreden!

    I.A.

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  5. Ein Blog ist vielleicht nicht dazu gedacht, intensiven Meinungsaustausch über einen Beitrag und dessen unterschiedliche Rezeption zu betreiben. Trotzdem möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass sowohl der Kommentar von Christa als auch der von I.A. m.E. nicht treffend sind. Es geht mir nicht darum, das Alter schönzureden (ich will es auch nicht schlecht reden, weil es einfach zum Leben dazu gehört – der „große Bogen“ wie go schreibt) und es geht mir auch nicht darum, dass es nicht ganz einfach ist, das Alter anzunehmen. Natürlich hat jeder und jede das Recht und das Verständnis auf der Seite, wenn er oder sie daran krankt. So abgenutzt der Spruch sein mag, so sehr stimmt er auch: Altwerden ist nichts für Feiglinge. Wogegen ich mich nach wie vor wehre, ist die Art und Weise, wie relativ einseitig und negativ das Alter beschrieben wird. Als verzerrtes Zukunftsbild, als trostlos, langweilig. So negativ sollte man Alter nicht beschreiben. Und – das ist zuzugeben – die Autorin sieht es ja selbst nicht ganz so düster: Sie konstatiert ja auch, dass es nicht nur negativ ist. Aber eben wohl mehrheitlich – und nur darum geht es mir.
    Anna
    P.S. Eigentlich ist es ja ein motivierendes Zeichen, dass sich über ein Beitrag intensiver ausgetauscht wird. Es könnte, ging es nach mir, ruhig so weitergehen. Raus aus der schweigenden Leserschaft und rein in die öffentliche Diskussion. .

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    • Liebe Anna – nein, es ging mir nicht darum, DAS ALTER allgemein (negativ) zu beschreiben. Es war ein subjektiver Bericht über meine Gedanken und meine Befindlichkeit in der Reha. Es ging darum, dass MIR (als alter Menschen, auch wenn ich vermutlich in der Reha eine der Jüngsten war) ein Umgang ausschließlich mit Altersgenossen nicht gut tut. MICH hat die Ansammlung lauter Menschen in meinem Alter in der Reha deprimiert. Und meine Gedanken dazu habe ich notiert. Nicht mehr und nicht weniger. Beleidigend wollte und sollte mein Beitrag nicht sein.
      Aber es freut mich sehr, mit meinem Beitrag einen so regen Gedankenaustausch entfacht zu haben.
      go

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