BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (4)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg: Die Ballett-Prinzipalin Tatjana Gsovsky“

In den 50er Jahren gab es in Berlin eine alljährlich durchgeführte Veranstaltung von großem künstlerischem Format: Die Berliner Festwochen. Drei Wochen, angefüllt mit nationalen und internationalen Angeboten aus Oper, Theater, Tanz, Konzerten und Vorträgen.

Für uns als Kunststudenten und Insulaner war das “der Blick über den Tellerrand“, kamen doch die besten Ensembles aus der Westlichen Welt zu uns nach Westberlin. Da kam zum Beispiel die Edinburgh Festival Company, die Companie Jaques Fabbri, das Ballet Espanol Ximenez-Vargas Madrid, Jean-Louis Barrault Paris, das New York City Ballet, das Schwarze Theater Prag, Theatre Royal de la Monnaie Bruxelles, Concert-Gebouworkest Amsterdam, Festival String Lucern, Kammerorchester Radiodiffusion-Television Francaise, Philharmonia Hungarica, Ravi Shakar, Burgtheater Wien, Düsseldorfer Schauspielhaus, José Limon + American Dance Company, Ballet-Theatre de Paris de Maurice Bejart, Royal Ballet London, I Virtuosi di Roma, Wiener Philharmoniker, Andrés Segovia  und viele mehr.

Ganz besonders ist mir im Gedächtnis geblieben, dass durch die Eigenproduktionen des Balletts der Deutschen Oper Berlin und die herausragenden internationalen Gastspiele Berlin zu einer Ballettmetropole werden ließen. Und das verdankte man der großen Persönlichkeit Tatjana Gsovsky.

(c) Susanne Enkelmann/ Berliner Festwochen, 1956

Am 18.März 1901 in Moskau geboren, studierte sie erst eimal Kunstgeschichte und Tanz im Studio ihrer Mutter, bei Isadora Duncan und später bei Olga Preobrajenska  sowie Rhythmik in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. In Krasnodar (Südrussland) wurde sie nach der Oktoberrevolution zur Ballettmeisterin ernannt. Dort heiratete sie ihren Kollegen Victor Gsovsky. Beide emigrierten 1924 nach Berlin und führten gemeinsam ab 1928 eine Ballettschule. Von 1945 bis 1951 war sie auch Ballettmeisterin an der Berliner Staatsoper, ging dann für ein Jahr an das Teatro Colón in Buenos Aires und wurde 1953 an die Deutsche Oper Berlin verpflichtet. Als Ballettdirektorin war sie bis 1966 tätig. Gleichzeitig war sie an der Oper Frankfurt.

(c) Susanne Enkelmann/Berliner Festwochen, 1956

Sie war eine schöpferische Choreographin von Vehemenz und einzigartiger Phantasie.  Ihre choreographische Skala war weitgespannt: vom kühlen klassischen Ballett bis zur pantomimischen Groteske, vom kräftig grundierten Tanzdrama bis zur tiefenpsychologischen Studie. Ihr Eigenstes aber war stets die Synthese von Ballett und Ausdruckstanz. Das wurde unter „Berliner Ballett-Stil“ in der internationalen Tanzwelt zum Begriff.

Und was hatte die Gsovsky für Tänzer zur Verfügung: Die Deege, Suse Preisser, Irene Skorik, Janet Sassoon, Ulla Paulsson, die ersten Tänzer Gert Reinholm, Erwin Bredow, Pepe Urbani, Egon Wüst, Jürgen Feindt. Mit ihnen und einer bemerkenswert jungen Company bildete sie das „Berliner Ballett“, das bereits nach einjährigem Bestehen ein Magnet für Tanz-Größen aus aller Welt  wurde.

Am 29. September 1993 starb diese Ballett-Legende und wurde in einem Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt. Eine Tafel an ihrem Haus in der Fasanenstrasse 68 erinnert an sie. In meiner Erinnerung bleiben die großartigen Ballettabende in der Deutschen Oper Berlin.

Prof. Michael Goden

Ein Gedanke zu “BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (4)

  1. Das ist erneut ein aufschlussreicher Beitrag über die Berliner Theaterszene. Wie hätte sich die Karriere von Tatjana Gsovsky wohl entwickelt, wenn sie nicht durch einen Bühnenunfall ihre Laufbahn als Tänzerin hätte aufgeben müssen?
    So oder so: Eine großartige Künstlerin mit revolutionären Ideen, die auch dem „Spiegel“ zweimal ausführliche Berichte wert war. Und das alles in Berlin!
    Paula

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