Berlin ab 50…

… und jünger

HÖRST DU NICHT DIE GLOCKEN?

….so lautet der Refrain eines bekannten, weltweit gesungenen vierstimmigen Kanons französischen Ursprungs, der im deutschen Sprachraum von Kindern unter dem Titel „Bruder Jacob“ seit über 200 Jahren freudig gesungen wird: „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch….?“  Und diesen Refrain hat die  Kulturstaatsministerin Prof. Grütters  für das Europäische  Kulturjahr „ECHY 2018“ in Deutschland für das  Projekt „Hörst du nicht die Glocken?  Eine Geläut-Datenbank zum Mitmachen“ als Titel gewählt. Das Projekt wird mit 161.000,-€ gefördert und soll Jugendlichen als Beispiel der Glocken und ihrer Geschichte kulturelle Werte vermitteln.

Die Internet-affinen Jugendlichen können dazu kreativ zur Informationsbeschaffung und zum Aufnehmen von Bild- und Klangdateien ihr Lieblingsspielzeug Smartphone  nutzen. Um erfolgreich am Projekt teilnehmen zu können, müssen sie aber zusätzlich sich auf ganz herkömmliche Weise im Gespräch und in Archiven Informationen zu den Glocken beschaffen. Anhand von Glocken lassen  sich ganz viele Facetten von Geschichte erfahrbar machen, die über die Glockengeschichte hinausgehen, z.B. das Einschmelzen von Glocken zur Waffenproduktion oder die Herstellung von Glocken aus erbeutetet Kanonen.

In bisherigen regionalen Datenbanken sind bereits über 1000 Geläute mit mehr als 3000 Glocken  eingetragen, allerdings sind diese Daten nicht vernetzt und man muss sie aufwendig suchen. So sind auf der  Homepage der Glockeninspektion des Erzbistums Freiburg Glockengeläute aus dem Erzbistum Freiburg zu hören und dazu  Fotos von Kirchen, Glockentürmen und Glocken anzuschauen. Das ECHY-Projekt weitet diese Idee nun auf ganz Deutschland aus. Wer mitmachen und die klingende Glockendatenbank füllen will, kann sich hier melden: http://gebetslaeuten.de/.

Eine schöne Idee, ist doch vielen Mitbürgern heute die über 1300-jährige Glockengeschichte, die Europa verbindet, nicht mehr bekannt. Glocken sind ein historisches kulturelles Erbe mit Alleinstellungsmerkmal für Europa, das weltweit exportiert wurde. Die Glocken riefen  Gläubige zum Gebet in die Kirchen, warnten bei Feuer und Kriegsgefahr und dienten der zeitlichen Orientierung in Zeiten, in denen  es keine Uhren gab. Heute wird Glockenklang leider manchmal als Umweltvergehen angesehen: zu  laut, nervig und überflüssig.  Doch würden die Glocken verstummen, ginge eine große Kulturleistung verloren.

Der Zusammenhang zwischen Glockenläuten,  Gebet und Tagesstruktur wird  noch heute im Kloster deutlich. Nichts ist zufällig hier, alles hat eine religiöse Botschaft und einen Hintergrund im Glauben.  Die lange, bis in die frühen Hochkulturen zurückreichende Tradition, den Tag in Dreistundenschritte zu unterteilen wurde durch die Mönche in Tagzeitengebete übersetzt, die bis heute praktiziert werden. Die Läutezeiten 9, 12, 15 und 6/18 Uhr ergeben auf  dem Zifferblatt ein Kreuz. Der Tag beginnt um  6 Uhr früh mit dem Laudes (Auferstehung) jeweils Geläut und Gebet, um 9 Uhr  Terz (Aussenden des heiligen Geistes),   12 Uhr Sext (Verurteilung Christi), 15 Uhr Non (Leiden Christi)  und endet um 18 Uhr mit dem Vesper –Läuten und Gebet (Geburt Christi). Das Mittagsläuten hatte seit der Bedrohung Europas durch die Osmanen im 15.Jahrhundert noch eine besondere Bedeutung: Papst Kalixt III. (1378–1458) ordnete per Bulle im Juni  1456 an, dass mittags die Kirchenglocken dazu aufrufen sollten, für einen Sieg der Ungarn über die Osmanen zu beten. Die Osmanen unterlagen tatsächlich am 22.07.1456 bei Belgrad und seitdem hieß das Mittagsläuten im Volksmund „Türkenläuten“. Das morgendliche, mittägliche und abendliche Angelusläuten der katholischen Kirchen in Europa erinnert an die Menschwerdung Christi und ruft die Gläubigen zum „Gebet des Engel des Herrn“.

Dieser Beitrag ist übrigens in Folge meines Besuch der Auftaktveranstaltung zu ECHY (Beitrag vom 02.März 2018 ) entstanden und ich bin froh, mich einmal mit Glocken beschäftigt zu haben. Bei mir um die Ecke in Schmargendorf hat die Kreuzkirche Ende 2017 auch ein neues Glockengeläut bekommen, da eine Glocke vor 9 Jahren abstürzte. Ihr Läuten lädt mich ein, innezuhalten und zu besinnen. Ich liebe ihren Klang und weiß nun dank der Vorbereitung dieses Beitrags auch über ihre Geschichte Bescheid: 1929 wurden die vier Glocken der im expressionistischen Stil erbauten Kreuzkirche geweiht. Den Zweiten Weltkrieg überstanden sie nur, da sie aus Gussstahl und nicht aus Bronze gefertigt waren. Bronzeglocken wurden eingezogen, geschmolzen und zu Waffen weiterverarbeitet.

Übrigens in diesem Zusammenhang ein wichtiger Hinweis: Ein europaweites Glockenläuten wird am  „Internationalen Tag des Friedens“ am 21. September erfolgen,  auch in Erinnerung an das Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

Glocken als Kulturträger verbinden Europa.

Meint mw

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: