BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (5)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg : „Die Stachelschweine“ – 50 Jahre mit Wolfgang Gruner

Als Berliner waren mir schon in meiner Schulzeit die „Stachelschweine“ ein Begriff. Zwar war ich da noch nicht an den politischen Geschehnissen der geteilten Stadt interessiert, aber im Radio hörte ich mit meinen Eltern doch sehr oft deren Programme.

„Die Stachelschweine“ waren für uns der Inbegriff von Freiheitswillen und Berliner Polit-Kritik auf höchst vergnüglichem Niveau.

Gruner, Goden und Norbert Schultze

Die politische Landschaft Deutschlands war ja ein gefundenes Fressen für die Kabarettisten im ganzen Land. Ob nun die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ oder „Das Düsseldorfer Kommödchen“, sie alle karikierten mit spitzer Zungen und beißendem Spott die politischen Geschehnisse, zur Freude der Zuhörer und Besucher.

Im Jahr 1949 begann Wolfgang Gruner bei den „Stachelschweine“, damals noch in der „Ewigen Lampe“, Rankestrasse. Skeptisch sah man dann dem Umzug 1965 in ein eigens für die „Stachelschweine“ im Europacenter gebautes Kabarett-Theater mit doppeltem Platzangebot entgegen. Ob es das Publikum annehmen wird? – Ja, es rannte in Scharen ins Europacenter, begierig nach den Programmen mit Kritik an der Politik.

Obwohl ich beruflich Berlin den Rücken kehren musste, blieb es doch meine Heimat und die „Stachelschweine“ meine Informationsquelle per Radio. Und die Zeit verging bis sich aus einer Freundschaft zu Norbert Schultze jr., einem Regisseur, 1995 der erste Kontakt zu einer Arbeit bei den „Stachelschweinen“ ergab. Ich lernte Wolfgang Gruner kennen und war sofort begeistert von seiner herzlichen und offenen, toleranten und humorvollen Art. Schon nach kürzester Zeit ergab sich zwischen uns eine nonverbale Verständigung, an der wir Beide enormen Spaß hatten. Wenngleich Wolfgang in den meisten Programmen als zentraler Hauptdarsteller auftrat, und stets mit einem aktuellen Text, den er erst kurz vor der Vorstellung „in das Maul“ brachte, habe ich das große Glück gehabt, dass er mich für eine seiner eigenen Inszenierungen engagierte. Und in der war alles, jeder Satz, jede Geste, immer Pointe.

Und so habe ich mit großer Freude dreizehn Jahre lang alle Bühnenbilder bei den „Stachel-schweinen“ entwerfen dürfen. Zu Beginn dachte ich noch, Kabarett auszustatten sei doch sehr viel einfacher als ein Bühnenbild für eine Opern- oder Theaterinszenierung zu erdenken, aber, da hatte ich gleich beim ersten Konzeptionsgespräch eine ganz andere Erfahrung machen müssen. Kabarett ist eine eigenen Welt mit eigenen Gesetzen, nicht nur ein Genre, sondern eine Lebensauffassung.

Goden und Gruner

Mit geschärfter Aufmerksamkeit heißt es ans Werk gehen und mit ganz geringen Mitteln, Darsteller und Szene „bedienen“. Aber, wie schon erwähnt, wurde mir dieser neue und harte Lernprozess ganz wunderbar erleichtert durch Wolfgang Gruners großes Einfühlungsvermögen und seine schnelle Einschätzung meiner Möglichkeiten. Gern denke ich daran, wie er fast unbemerkt bei einer Probe in den dunklen Zuschauerraum kam, kurz zuschaute und mit einem kurzen Satz, genau und treffsicher Kritik und Anregung zur Verbesserung der Szene machte. Wertschätzung und Freundschaft: es war eben eine familiäre Atmosphäre durch und mit ihm.

Am 16.März 2002 erlag er seinem Krebsleiden und wurde auf dem Waldfriedhof Heerstrasse beigesetzt.

Wenn ich an die vielen, prominenten und verdienten „Stachelschweine“ der vergangenen fünfzig Jahre denke, bin ich stolz als Neuzugang beim „Wetzen der Stacheln“ mitgewirkt zu haben und stolz, ein Schwein zu sein – ein „Stachelschwein“ eben.

Prof.Michael Goden

Fotos (c) M.Goden

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