Berlin ab 50…

… und jünger

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (6)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg:  „Boleslaw Barlog – ein Theatererneuerer mit naiver Begeisterung“

(c) Deutsches Fotoarchiv

Was war das doch für eine Leistung von einem einzelnen theaterbesessenen Menschen, im Trümmer-Berlin 1945 den Wiederaufbau der Berliner Theaterlandschaft zu wagen? Erst in alten Kinos, dann im noch teilweise funktionstüchtigem Schlosspark-Theater in Steglitz, mit „einem Darlehen von 40.000 Papiermark als Anfangskapital“.

Durch die beengten Verhältnisse dort und dem Willen, auch große Schauspiele aufzuführen, übernahm er nach dem Wiederaufbau das Schillertheater – 1943 durch Brandbomben völlig zerstört – und eröffnete es am 6.September 1951 mit Schillers „Wilhelm Tell“.

Was für Erinnerungen werden da in mir wach! Als Schüler in den 50er Jahren waren wir durch die Institution „Theater der Schulen“ fast in jeder Produktion. Und später bis in die 60er, als Kunststudenten, waren wir in fast jeder Generalprobe.

Das waren so eindrückliche Erlebnisse, die unterschiedlichsten Regisseure in ihrem Umgang mit den Schauspielern bei der letzten Probe vor der Premiere zu erleben, ihre Eigenarten, ihren Humor in den ernstesten Situationen kennen zu lernen. Ob nun der temperamentvolle Barlog als Hausherr inszenierte oder der feinsinnig sensible Willi Schmidt in seinen ästhetisch kalkulierten Bühnenbildern und Kostümen oder der vitale Karl Paryla.

Den Respekt, den Barlog vor den ganz Großen des Theaters hatte, bezeugte er ihnen gegenüber auch und lud sie ein, an seinem Haus zu inszenieren. Da erlebten wir noch Gustaf Gründgens und den zynisch und anekdotischen Kortner, den hoch gelobten und verdienten Jürgen Fehling und den Theatererneuerer des 20.Jahrhunderts Erwin Piskator.

Aber auch die Jungen, die nachstrebenden, erhielten von Barlog ihre Chance: Hans Lietzau, Hans Neuenfels, Peter Zadek, Walter Henn, Werner Düggelin, Helmut Käutner z.B..

(c) Berliner Festspiele 1956

Doch zusätzlich holte er eben auch internationale Autoren an sein Haus und übertrug ihnen die Inszenierung ihrer eigen Werke, teilweise Uraufführungen: Samuel Beckett mit „Warten auf Godot“, John Osborn mit „Blick zurück im Zorn“, Edward Albee mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“.

Sein sicheres Gefühl und seine begnadete Kenntnis der Schauspielkunst sowie eine Nase für Begabungen ließen ihn ein Ensemble zusammenführen, wie es kein Zweites an deutschen Theatern gab. Zeitweise bestand es aus siebzig Damen und Herren. Es mussten ja auch drei Bühnen bespielt werden: Das Schiller-, das Schlossparktheater und die Werkstatt als Experimentier-Theater.

Und was für Größen sahen wir auf den Bühnen: Walter Franck, Berta Drews, Wilhelm Borchard, Horst Caspar, Martin Held, Clemens Hasse, Joana Maria Gorvin, Luitgard Im, Erich Schellow, Rolf Henninger, Tilly Lauenstein, Aribert Wäscher, Antje Weißgerber, Johanna von Koczian, Klaus Kammer. Die Liste wäre endlos, sie alle aufzuführen, die an den Erfolgen und

dem internationalen Ruf des Hauses beteiligt waren. Ihnen allen sollte die Nachwelt nicht genug Kränze der Verehrung flechten.

Nach siebenundzwanzig Jahren gab Barlog 1972 die Geschicke in die Hände seines Nachfolgers Hans Lietzau. Er musste noch erleben, wie durch politischen Willen 1993 SEIN Theater geschlossen wurde. – Am 17.März 1999 starb Boleslaw Barlog in Berlin.

Auch er erhielt ein Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof.

Prof.Michael Goden

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