Berlin ab 50…

… und jünger

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (7)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg: „Ein Pressezeichner macht eine Theaterkritik sehbar“

Aus dem täglich erscheinenden Zeitungsdschungel setzte sich eine Zeitung durch ihre herausragende Feuilleton-Seite bemerkenswert ab. Der Abend.

Gespannt waren meine Eltern, die theaterinteressiert und kulturbegeistert waren, und ich auf die kritischen Berichte über eine Theater- oder Operninszenierung, die nicht nur unterhaltsam, sondern auch produktiv und kompetent geschrieben waren. Und als Kopf jeder Berichterstattung sah man erst einmal in ganzer Satzbreite einen optischen Eindruck eines Pressezeichners, der mit gekonntem Strich das Wesentliche des Bühnenbildes in die Mitte setzte und links und rechts in feiner Manier die Protagonisten karikierte. Signiert mit dem schräg geschriebenen Wort Ring.Denn das war sein Signet. Sein vollständiger Name war Paul Gehring.

Geboren wurde er 1917 im Rheinland, kam 1928 nach Berlin, machte eine Lehre, wurde Soldat und übte nach dem Krieg den Beruf des Retuscheurs und Karikaturisten aus. Wie es sich für einen Karikaturisten gehört, war er selbst ein ideales Objekt für Karikaturen. Sein Kopf mit der großzügig gelichteten Stirn, von letzten spärlichen Locken umflattert, mit der spöttisch geschürzten Unterlippe eines beträchtlichen und sehr berlinisch funktionierendem Mundwerk, gekrönt von einem spitzen Nasen-Monument. Das war dann auch der Auslöser für sein weiteres Schaffen für die Presse. Hinzu kam noch seine Theaterbegeisterung, sein messerscharfer Blick für das Wesentliche. Und so wurden die Herausgeber der Tageszeitung Der Abend auf ihn aufmerksam.  Aber seine Theaterkarriere entstand auf eine lockere Art. Der gelernte Positiv-Retuscheur fand 1947, dass er eigentlich „mal so’n bisschen Presse-zeichnen“ wollte und als er diese „blödsinnige Idee“ in die Tat umgesetzt hatte, blieb er auch schon dabei. Sein eigenwilliger Blick, stets von oben nach unten zielend, ist das Resultat eines fast 35-jährigen Trainings – immer von der ersten Parkettreihe hinauf zur Bühne. Nur im Dunklen, wenn das Licht im Saal ausging, konnte Paul Gehring aktiv werden. Dann skizzierte er mit charakteristischen Strichen die Darsteller der Hauptrollen und hielt die Umrisse des Bühnenbildes fest. Mehrere Stunden verbrachte er dann hinterher, die Entwürfe zu einem „Gesamtwerk“ zu stilisieren. Am späten Abend noch oder am frühen Morgen brachte er dann sein „Werk“ in die Redaktion.

Von 1947 bis 1981 hat er diese künstlerisch so hochwertigen Arbeiten gegen das geringe Salär, das ihm der Zeitungsverleger zahlte, verrichtet – mit Phantasie und Liebe, mit Präzision und Disziplin, eine Institution nicht nur bei den Abend-Lesern, sondern auch bei den Theaterleuten. Das war nicht nur aus ökonomischen Gründen eine entsagungsvolle Tätigkeit: Generalproben der jeweiligen Theater, die für Paul Gehring schon zur Premiere wurden, uferten oft endlos aus. Seinen Etat besserte er durch Buchillustrationen und auch Bühnenbildentwürfe auf.

Heute kann man sagen, Paul Gehring war der Letzte eines fast ausgestorbenen Metiers. Auch in den deutschen Feuilleton-Stuben ist die Lust an dieser betont individuellen Illustrationsform geschwunden. Aber seine Zeichnungen flechten den Mimen der Vergangenheit nun immer noch die Kränze und erinnern an Siege und Niederlagen.

 

Prof.Michael Goden

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