Bilbao ist Genuß für alle Sinne

Lässig angelehnt stehe ich hier an einem Pfahl, nein Baum, nein es ist ein Bein! Ich gucke nach oben und merke, ich stehe an einem riesigen Spinnenbein aus Bronze. Tatsächlich – eine Spinne, neun Meter hoch acht Beine und an ihrem Körper hängt sogar ein Beutel mit 26 Marmoreiern. Ihr Name „maman“ französisch für Mutter. Weshalb stehe ich hier? Ich blicke auf eine, auf mehrere Wände aus Titan. Die Oberfläche glänzt im Sonnenschein, je nach Einfall der Sonne und der vorüberziehenden Wolken. Hell, freundlich und einladend.

Plötzlich befinde ich mich mitten in einem unfassbaren Nebel, der heraufzieht und mir den Blick auf dieses – ja es ist tatsächlich ein Gebäude – fast vernebelt. Es ist der FOG! Die ersten drei Buchstaben, eine Homage an den Architekten und Designer Frank O. Gehry: Das Guggenheim Museum, sein Werk.

Kaum ist der Fog wieder verschwunden entdecke ich einen bunten Blumenstrauß:  die Tulpen „tulips“. Sieben wunderbare farbige Tulpen als liegender Strauß aus Chrome-Edelstahl mit einer transparenten glänzenden Farbbeschichtung von Jeff Koons. Seine bunten Ballons konnten wir auch schon in Berlin bewundern.

Eine ebenso glänzende silberne Skulptur, in Baum-ähnlicher Anordnung ist „Tall Tree & The Eye“,dreiundsiebzig große silberne Kugeln, die nicht zufällig angeordnet sind, sondern nach komplizierten mathematischen Formeln berechnet wurden, damit sich die ganze Umgebung hier in diesem Werk vom indischen Künstler Anish Kapoor  widerspiegelt

Jetzt wird es Zeit das Museum auch von innen zu besichtigen. Am Eingang begrüßt mich ein Hund. Natürlich kein gewöhnlicher Hund,. Irgendwie erinnerte ich mich an meine Kindheit und das Brettspiel „Spitz pass auf“. So sah er auch aus – aber zwölf Meter groß, mit einem ganz besonderen Fell. Nicht im klassischen Weiß, nein mit herrlich bunten, echten Blumen. Fast zwanzigtausend Stiefmütterchen (nicht gezählt – aber beschnuppert). Sein Name „Puppy“ (Welpe). Es steht nicht geschrieben, aber eigentlich sollte das Kunstwerk, ebenfalls von Jeff Koons, nach der Eröffnung des Museums wieder abgerissen werden. Aber Bilbaos Einwohner, die mit der modernen Kunst gerne leben, hatten etwas dagegen und so ist uns „Puppy“ erhalten geblieben.

Nun geht’s ins Innere des Museums. Ein lichtdurchfluteter  Raum – das Atrium. Von hieraus in die Stockwerke der Ausstellungsräume. Fahrstühle, Treppen und Gänge in luftigen Höhen bilden die Adern des Gebäudes zu den einzelnen Sälen. Kein Saal ist in einer der uns bekannten geometrischen Form.

Pop Art, Minimalismus, abstrakter Minimalismus und Expressionismus. Die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Vielfältigkeit findet der Besucher auf über elftausend Quadratmeter in 20 Galerien. Moderne Werke u.a.von Warhol, Beuys, Rauschenberg und Bourgeois, um nur einige wenige bekannte Künstler zu nennen. Auch die spanische und baskische Kunst wird den Besuchern präsentiert. Ausgesuchte einzelne Kunstwerke möchte ich hier nicht beschreiben, da jeder Betrachter eine eigene Interpretation zulassen wird.

Zum Schluss genieße ich noch einen frisch gepressten Orangensaft auf dem Geländepark von Guggenheim, mit einem perfekten Blick auf das Gebäude aus überwiegend Titan, etwas Glas und Kalkstein.

Mit der Straßenbahn, Haltestelle direkt vor Guggenheim, geht es noch zu den Markthallen des Mercado de la Ribera in Bilbao. Die Halle wurde 1929 im Art Deko Stil erbaut. Die größte überdachte Markthalle Europas. Im Inneren ein vielfältiges, sehr appetitliches Angebot von Meeresfrüchten und Fleisch in ebenso großer Vielfalt –  und vom Preis her alle Produkte deutlich günstiger als in deutschen Hallen.

Mit der Straßenbahn ging es nach diesem Besuch weiter durch die schöne Altstadt und mit dem Taxi – der Füße wegen – zum Hotel.

Am nächsten Tag lockte mich noch einmal die wunderschöne Altstadt. Die „Sieben Straßen“ geben den Bezirk seinen Namen „Siete Calles“. Viele moderne, aber auch ganz besondere, traditionelle Geschäfte laden zum Bummeln, Stehenbleiben und Gucken ein.

Ich suchte den kleinen Laden Gorostiaga, der seit über 100 Jahren ganz berühmte Kopfbedeckungen verkauft. Der Laden klein, mit Holz getäfelt und voller Kartons gestapelt mit den „Berühmtheiten“, den  Txapelas, den Baskenmützen. Diese Mütze wird in vielen Farben, sogar in Modefarben für die Damen, hergestellt. Wir kennen sie nur in schwarz oder dunkelblau. Die Art, sie auf dem Kopf zu tragen, kann jedoch sehr vielfältig sein: nach vorne, rechts oder links, Ohren bedeckt oder nur einfach aufgestülpt. Der Individualität sind keine Grenzen gesetzt. Ich erinnerte mich jedoch an den sogenannten Ernst Reuter Piependeckel, wie ihn mir mein Vater damals erklärte. Auch Heinrich Böll und Che Guevara erinnerte mich immer wieder mal an diese Baskenmütze. Vielleicht der Grund, weshalb ich auch eine solche, am Originalort der über hundert Jahre alten Geschichte, erstehen musste.

Gleich um die Ecke ist der Platz „Plaza Nueva“, das Wahrzeichen der Altstadt. Ein Säulengang ringsherum und in den Häusern Restaurants, Cafés und Bars. Wie in Bilbao üblich kann man überall die Pintxos, die kleinen aufgespießten Häppchen genießen. In vielen Varianten werden sie zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Bars angeboten. Immer frisch und äußerst köstlich. In der Bar von Victor Montes (auch seit 1849) –  mit einer reich verzierten Fassade und einer exquisiten Innenausstattung –  genoss ich zwei Pintxos bei einem guten Glas Weißwein.

Übrigens die Gastronomie, gut zu essen, gehört in Bilbao zur Lebenskunst. Junge baskische Köche, sogar zwei Sterneköche, bevorzugen die regionalen Spezialitäten. Das sind Kreationen aus Fisch und Meeresfrüchten, aber auch die landwirtschaftlichen Produkte werden nicht vergessen. Für Feinschmecker wirklich ein Grund, Bilbao zu besuchen.

An diesem Abend genoss ich ein Abendessen im Restaurant Jandiola im Azkuna Zentroa im Herzen von Bilbao. Dieses Zentrum wurde im Jugendstil 1909 erbaut, diente viele Jahre als Weinlager und wurde grundlegend 1999 restauriert. Eine sehr schöne Terrasse befindet sich auf dem Dach des Gebäudes mit einem fantastischen Ausblick über Bilbao. Dazu ein Apperol Spritz – köstlich! Sie könnten auch einen Calimocho (Rotwein und Cola – Halb & Halb) geniessen.

Es war die „Semana Santa“ die Karwoche. Unten auf der Straße waren plötzlich von Ferne Trommeln und Trompeten zu hören. Sie kamen immer näher, gespenstisch und unheimlich. Vermummte, mit spitzen Kaputzen und Sehschlitzen und sogar barfuß. Es war eine Prozession mit sehr langer Tradition zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria.

Der letzte Tag führte mich zum Meer, genauer zur Biskaya Brücke mit der ältesten Schwebefähre der Welt. In 50 Metern Höhe kann man nach einer atemberaubenden Fahrstuhlfahrt im gläsernen Aufzug die Brücke überqueren. 160 Meter geschützt von Gittern in alle Richtungen, wie auch mit Ausblicken bis zur Biscaya und hinein nach Bilbao. Mit der Metro erreicht man die Brücke mit zwei Linien rechts oder links vom Fluss bis nach Gexto oder Portugalete. Beim Rückweg über die Station Portugalete können Sie endlose Laufbänder erleben, die Sie nach oben zur Metrostation bringen. Die Metroeingänge sollten uns Berlinern bekannt vorkommen. Sie wurden aus Stahl, Beton und Glas in muschelförmiger Form gebaut. Ihr Name: die Fosteritos. Genau: im Design vergleichbar mit Sir Norman Fosters Reichtagskuppel. Auch ein Highlight.

Der letzte Abend gehörte natürlich auch wieder einem Restaurantbesuch, in der Marisqueria Rimbombin. Typisch baskische Küche. Ein wunderbarer Abschlussabend einer tollen Städtereise bei bezahlbarem Seeteufel und baskischen Weißwein. Eine Kurzreise für Kunstliebhaber, Genießer, Städteliebhaber, mit Sinn für schöne Anblicke: einfach hin (Direktflug), genießen und erinnern.

Lesen Sie vielleicht als Einstieg den Roman von Dan Brown: ORIGIN. Eine Empfehlung vom Baskenmann.

Ihr brd

 

2 Gedanken zu “Bilbao ist Genuß für alle Sinne

  1. Lieber Baskenmann, phantastisch beschrieben, gern von mir gelesen, viel dazu gelernt und auch recht neugierig gemacht. Werden sicher noch weitere Details von Dir erfahren.
    Sei herzlich gegrüßt von Günter +Karin

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