„…….nur für die nacktesten Bedürfnisse allein“

Modernes  Bauen in Berlin

War der Wohnungsbau bis 1920 durch eine historisierende Formensprache mit Rückgriff auf ältere Stilrichtungen in kosten– und zeitaufwendiger Stein-auf-Stein Bauweise geprägt, so versuchten die Architekten nach dem 1.Weltkrieg  europaweit mit Baumaterialien wie Stahl, armierten Beton und Glas eine neue funktionsbetonte Ästhetik im Wohnungsbau umzusetzen, die auf  Schmuck und Ornament verzichtete. Gleichzeitig war Bauen ein soziales Programm gegen die Wohnungsnot. Die Bauhausbauten der 20iger Jahre  in Dessau und später Tel Aviv sind bis heute der Inbegriff moderner Architektur geblieben und nach Meinung von Architekturkritikern hat sich seitdem kein neuer Baustil dauerhaft halten können.

Mit der industriellen Fertigung und dem Einsatz von Baustoffen wie  Beton, Metall und Glas und der Erfindung des Flachdachs beginnt aber auch die Eintönigkeit, die das Bild modernen Bauens wesentlich  prägt.  Berlin-Marzahn, Halle Neustadt  und die Gropiusstadt lassen grüßen. Es wurde und wird seitdem  viel Architektur produziert, die an den ästhetischen Bedürfnissen der Bewohner vorbeigeht. Es mag viele Gründe und ökonomische Zwänge geben, warum die hier beispielhaft abgebildeten Häuser so gebaut wurden, klar ist jedoch, dass sie für die meisten  Betrachter – nicht für die in ihnen mit Komfort lebenden Mieter – als ästhetisch nicht gerade gelungen gelten dürften.

Aber es sind nicht nur die Einzelbauten, sondern auch gerade die Quartierbauten der Moderne, die den historischen Stadtbegriff als Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten ad absurdem führen.  So droht dem als  „Europacity Berlin“  benannten Neubaukomplex nördlich vom  Hauptbahnhof,  der auf dem ehemaligen Bahngelände errichtet wird, das gleiche Schicksal wie dem Europaviertel in Frankfurt/Main: Büros und  Kapitalanlagen-Eigentumswohnungen werden am Abend hier die Lichter ausgehen lassen. Ein totes Areal. Aber es sollen  ja auch 42 geförderte Wohnungen für Mieter entstehen. Was die vom Senat geforderte sogenannte “urbane Dichte Packung mit Lebensqualität“  mit Lebensqualität zu tun haben wird, wird in 5 Jahren zu sehen sein.

Halle Neustadt, Planungsentwurf

Und noch ein gewichtiges Argument der Befürworter der modernen Bauten:  moderne Architektur locke Touristen. Bei  Solitären wie der  Kuppel des Reichstags , dem Jüdischen Museum oder dem Pei-Anbau am DHM sicher. Aber die in Beton und Glas  gegossene Trostlosigkeit des Leipziger Platzes wohl kaum. Warum sind dann nicht die Musterstädte  Eisenhüttenstadt (DDR, 1950)  oder Wolfsburg (1938) heute Traumziele für Architekturliebhaber, hatten doch die Wohnbauten für ihre Erstbezieher unbestreitbar eine hohe Wohnqualität in grüner Umgebung bedeutet?

Schinkel beschrieb bei seiner Englandreise 1826 beim Anblick  der neunstöckigen Fabrikgebäude in Manchester in seinem Tagebuch einen „schrecklichen unheimlichen Eindruck einer ungeheuren Baumasse von Werkmeistern ohne Architektur, nur  für die nacktesten Bedürfnisse allein“. Schinkel fehlte die bauliche Schönheit.

Schönheit lässt sich aber nicht von der Baubehörde verordnen, auch da die Vorstellungen über „schöne Architektur“ weit auseinandergehen. Bauherren und Architekten müssten vorher prüfen, ob ihr geplantes Haus als Individuum in das durch viele Häuser gebildete Straßen-, ja sogar Stadtbild passt. Und da steht der Renditegedanke oftmals dagegen. Und das bedeutet weiter  Trostlosigkeit.

Meint mw

Fotos (c) mw

 

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