Rückenansicht

Vor 20 Jahren wurde die Washingtoner Erklärung ( eigentlich: Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden ) als eine zwar rechtlich nicht bindende, moralisch aber umso mehr verpflichtende Übereinkunft unterzeichnet, um die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmten Kunstwerke als Raubkunst zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden.

Sie erinnern sich vielleicht an die kontroversen Diskussionen anlässlich der Restitution des Ernst Ludwig Kirchner Gemäldes „Berliner Straßenszene“, das bis Juli 2006 im Brücke Museum ausgestellt wurde. Oder an die Diskussionen über die  Aufarbeitung unserer  Kolonialvergangenheit.  Spätestens seit Ende 2013 die mehr als 1500 Werke umfassende Kunstsammlung des Kunsthändlers im Nationalsozialismus Hildebrandt Gurlitt bei seinem Sohn Cornelius beschlagnahmt wurde, ist das öffentliche Interesse zu Fragen von Provienenz und Restitution groß.

Über die interessante Berner Ausstellung im Gropiusbau „Bestandsaufnahme Gurlitt“ haben Sie sicherlich gelesen oder sie sogar gesehen. Leider ist sie am 7.Januar 2019 zu Ende gegangen. Ich hätte sie gerne ein zweites Mal besucht.

Nun bin ich vor ein paar Tagen über eine kleine, wie ich finde aber sehr eindrucksvolle Ausstellung im  Deutschen Historischen Museum gestolpert: „RÜCKANSICHT- Die verborgene Geschichte eines Gemäldes von Adolph Menzel“.  Es geht um das 1868

entstanden Gemälde „Borussia“, dass der Bankier Alexander Mendelssohn auf einem Wohltätigkeitsbasar erstanden hatte. In den Mittelpunkt der Betrachtung wird nun aber die Rückseite gerückt, die meiner Meinung nach wesentlich spannender als die Vorderseite ist.

Der Besucher wird von den Ausstellungsmachern an der Hand genommen, die Rückseite zu lesen: Vom Entstehungsort im Atelier „Prof.Menzel, Luisenstraße 27“, über den ersten  Käufer „Mendelsohn“, über die Erklärung zweier Nummern, die zu  entdecken sind- die Nr. 904, die besagt, dass das Gemälde für Hitlers Kunstsammlung in Linz vorgesehen war, die Nr. 8877 erhielt das Gemälde im CCP/ Central Collecting Point in München von den Amerikanern 1945 – über die Frage, was danach geschah oder besser nicht passierte. Warum dieses Werk nicht gleich nach Kriegsende restituiert wurde, sondern wie viele nicht zurückgegebene Kunstwerke Anfang der 1960er Jahre in Bundesbesitz und dann als Dauerleihgabe in das Berlin Museum/ Berlinische Galerie in den Besitz kam, ist offensichtlich nicht mehr zu klären. Jedenfalls wurde die „Borussia“ erst im Jahr 2000 an die Familie Mendelssohn restituiert. Auf der Auktion Nr. 89 des Auktionshaus Villa Griesebach taucht nun das Gemälde wieder auf und wird dort vom DHM erworben. So die Kurzbiografie.

Plötzlich entsteht eine Geschichte im Kopf des Betrachters, die spannend wie ein Krimi ist, und diese kleine Ausstellung schafft es, das Interesse an Rück(an)sichten zu wecken. Sie ist noch bis zum 03.Februar 2019 zu sehen.https://www.dhm.de/ausstellungen/rueckansicht.html

Eine ähnliche Ausstellung ist im Museum Berggruen in der Schloßstraße 1,
14059 Berlin,  zu sehen: „Biografien der Bilder. Provenienzen im Museum Berggruen. Picasso – Klee – Braque – Matisse„, die noch bis 19.Mai 2019 zu sehen ist. https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-berggruen/home.html

Fragen, wie nach der Biografie, nach seinen Eigentümer und den Umständen, unter denen es seine Besitzer wechselte, werden gestellt. Die wissenschaftliche Arbeit der Provenienzforschung wird anhand der Rückseiten von Gemälden und anderen Quellen demonstriert. Sämtlichen erforschten Kunstwerken sind Objektschilder mit Provenienzketten zur Seite gestellt.

Wie immer, wenn man sich mit der Biographie eines Menschen oder Gegenstandes beschäftigt, wird es aufregend und spannend. Nehmen Sie sich die Zeit und gönnen Sie sich eine der Ausstellung. Sie werden sehen, es hat macht süchtig nach mehr.

 

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