Man sieht nur, was man weiß

Schon lange schwebte mir vor, wieder zu studieren. Also „studieren“, nach Lust und Laune, ohne Druck und ohne Pflichten, ohne Prüfung und Klausuren, mit Zeit und Muße für Wissensgebiete, die mich interessieren. Eine romantische Vorstellung, wenn ich an mein eigenes Studium denke. Wie dem auch sei, ich informierte mich an der FU über das Gasthörer Studium. Es sagte mir, aus mehreren Gründen, überhaupt nicht zu. Also legte ich meinen Plan  wieder zur Seite.

Thronende Madonna mit dem Kind… von Gentile da Fabriano um1395/1400 – mit Glöckenrad

Nun stieß ich zufälligerweise auf eine Führung im Programm der Gemäldesammlung, die mir gefiel. Besondere, seltene, uralte oder seltsame Instrumente – die Gemälde des Mittelalters, der Renaissance und des Frühbarock sind voll davon und erzählen gleichzeitig von der Geschichte des Instrumentenbaus.“   Sie fand an einem Samstagvormittag statt. Für 10€ bekam ich eine Tandem-Führung mit einer Kunsthistorikerin und einer Musikexpertin geboten. Neben kompetenten Erklärungen und Hinweisen zu fünf oder sechs Gemälden wurden Musikstücke auf nachgebauten Instrumenten wie dem Trumscheit oder dem Glockenrad  gespielt sowie mittelalterliche Lieder gesungen.  Nach zwei Stunden in der Gemäldegalerie war ich nicht nur begeistert, sondern .. fast würde ich sagen.. „angefixt“. Das genau habe ich gesucht, das war es, was ich wollte.

Der Maler mit seiner Familie von David Terniers d.J. um 1645/46 –   Trumscheid im Hintergrund, Cello noch ohne Stift

Ich stöberte im Programm der Staatlichen Museen und fand ein umfangreiches Angebot an Führungen und Wissensvermittlung,  ob in der Gemäldegalerie oder im Hamburger Bahnhof, im Bode-Museum oder im Pergamon. Es wird viel geboten, an fast jedem Tag,  für fast jeden (kunstinteressierten) Geschmack.  Öffentliche Führungen, Tandem-Führungen, Dialogische Führungen, Akademie-Gespräche, Kuratoren-Führungen oder Künstlergespräche und Vorträge. Freitags gibt’s Lektionen, samstags gibt’s „Kunst im Dialog“, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag Akademiegespräche. Allen ist gemein, dem Zuhörer zu vermitteln, ein Bild besser „lesen“ zu lernen, in seinem zeitlichen, biografischen und  kunstgeschichtlichen Kontext. Denn wie uns schon Goethe  lehrte, „man sieht nur, was man weiß.“

La Vigilia di S.Marta von G. A. Canal, genannt Canaletto um 1758/63

Inzwischen habe ich zwei Führungen mitgemacht, die jeweils vor Canalettos Nachtbild „Fest der heiligen Marta“ endeten. Das erste Mal war es in der oben erwähnten Musikinstrumenten-Führung, also betrachteten wir die kleine Kapelle und ihre Instrumente. Das andere Mal interessierte uns mehr die naturwissenschaftlichen Aspekte. Wie kann die Entstehungszeit des Gemäldes  – die Zeitangabe lautet 1758/63  –  präzisiert werden?  Der Spielraum von 5 Jahren konnte mit einem Blick auf  den Mond, seine Position und Beschaffenheit und einem Blick in den Mondkalender eingegrenzt werden. Canaletto ist schließlich berühmt für seine realistische Genauigkeit. Das Bild konnte, so wie der Mond ins Bild gesetzt wurde,  nur im Jahr 1762 entstanden sein. Bei dieser Betrachtung spielte das Fest und seine Musik gar keine Rolle. Nun bin ich gespannt, ob ich bei einer der nächsten Führungen wieder vor Canalettos Vedute stehe und sie unter einem neuen Aspekt betrachten werde.

Musizierende Engel – Detail von G.Fabrianos Thronende Madonna

Diese Führungen – thematisch gebündelt – gehen meist über mehrere Wochen – im Moment wird man auf die große Ausstellung „Mantegna und Bellini“ ab 01.März 2019 vorbereitet , können auch einzeln besucht werden.  Die unterschiedlichen Aspekte der Betrachtung und die Vielfalt der Experten machen diese Art der Wissensvermittlung interessant, amüsant und überaus lehrreich. Für mich ein echter Glücksfall.

Vielleicht haben Sie auch Lust, mal etwas intensiver und mit Expertenwissen hinter die Kulissen eines Bildes zu sehen. Dann kann ich Ihnen nur empfehlen, sich kundig zu machen unter https://www.smb.museum/veranstaltungen.html – und unter https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/mantegna-und-bellini.html

2 Gedanken zu “Man sieht nur, was man weiß

  1. Es lohnt sich auch, das Programm der „Berliner Festspiele“ im Internet anzuschauen.
    So z.B. eröffnet die Reihe „Immersion“ in diesem Jahr mit einer Dreitagesveranstaltung mit der Überschrift „Palast der Republik“. D.h. der Palast wird symbolisch noch einmal neu errichtet. Der Kreis der Mitwirkenden ist hoch interessant und die Einzelthemen dürften spannend werden und vor allem sind sie horizontübergreifend. Eröffnung ist am 8. März Weitere Details können Sie, wenn Sie mögen, im Internet abrufen. Karten gibt’s auch über das Internet.
    I.B.F.

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