Bernhard Sehring – ein vergessener Berliner Architekt

Im „Architekturführer Berlin“ (Markus Braun Juni 2010) ist er mit zwei Einträgen erwähnt, in Uwe Kielings 2003 erschienenes Buch „Berlin Bauten und Baumeister“ ist er überhaupt nicht aufgeführt und doch hat er die Architektur im Historismus in Deutschland mitgeprägt und uns vor allem eindrucksvolle Theaterbauten (aber auch das Künstlerhaus St.Lukas und die Roseburg ) hinterlassen.


1855 wurde Sehring in Edderitz bei Köthen im Herzogtum Anhalt-Dessau-Köthen geboren und hier in Sachsen-Anhalt verbrachte er auch seinen Ruhestand, als er sich ab 1925 auf der von ihm 1908 im phantastischen Burgenstil errichteten Roseburg zwischen Ballenstedt und Rieder im Ostharz niederließ. Ritter, Sphinxe, Löwen, Obelisken und  Putten bilden hier die Fantasiewelt Sehrings. Als er 1941 in Berlin starb, ging seine Urne verloren,  die vorbereitete Gruft auf der  Roseburg blieb leer. Die Roseburg hat die DDR überstanden und ist heute zu besichtigen.

Seine Bauten waren zu seiner Zeit bei seinen Kollegen umstritten, obwohl sein Stilmix eigentlich ein typisches Zeichen des Historismus ist, war er Kollegen doch zu extrem. Am Theater des Westens, nach Sehrings Plänen  1896 errichtet, ist das sehr gut zu sehen: das Haupthaus in Formen der französischen Renaissance mit Jugendstil-Elementen, das Bühnenhaus als mittelalterliche Burganlage mit Fachwerk, gekrönt von Obelisken und dem „Siegesboten von Marathon“ von Max Kruse, dessen Frau uns allen als Erfinderin der  Käthe-Kruse-Puppen heute noch bekannt ist. Die Fassadenaufschrift „Hanc domum artis colendae causa condidit. Anno MDCCCLXXXXVI Bernhard Sehring“ zeigt das Selbstverständnis Sehrings als Bauherr und Künstler („Dieses Haus gründete Bernhard Sehring im Jahr 1896 zur Pflege der Kunst“).

Die von Sehring zuerst als Privattheater betriebene und verpachtete Bühne der leichten Muse hatte im Parkett und den drei Rängen  für 1.800 Zuschauer Platz und sollte in all den folgenden Jahren – bis auf die Zeiten der Ersatzspielstätte der Deutschen Oper – eine  ständige ökonomische Herausforderung bis hin zum Bankrott  für den jeweiligen Besitzer bedeuten. Im Krieg zum Teil zerstört, wurde es nach 1950 wieder aufgebaut und war Spielstätte der heimatlos gewordenen Deutschen Oper bis zur Eröffnung der Opernhauses in der Bismarckstraße 1961. 1978 erhielt das Theater seine prunkvolle neobarocke Innenausstattung wieder und wurde in den folgenden Jahren grundlegend  modernisiert. Unter den Produktionen von Helmut Baumann (erinnern Sie  sich noch an die 1950er-Jahre-Revue „Blue Jeans“?) war das Theater über Jahre zu 98 % ausgebucht. 1990 fasste der Senat den Beschluss, das Theater des Westens zu veräußern, das Gebäude aber im Landesbesitz zu halten. Seitdem bespielt die Stage Entertainment das Gebäude mit Dauerbrennern des Musicals.

Das denkmalgeschützte „Künstlerhaus St.Lukas“ gleich um die Ecke in der Fasanenstraße 13 wurde 1890 fertiggestellt und kann als Schlüsselwerk der Sehringschen Gestaltungsweise gesehen werden.

Der Heilige Lukas als  Schutzpatron von  Malern und Ärzten schaut am Eingang auf den Besucher hinab. Das Gebäude aus  roten Rathenower Backsteinen  schließt sich der von Schinkel wiederbelebten brandenburgischen Bauweise in einer sehr eigenwilligen Formensprache aus  Mittelalter und  deutscher  Renaissance in einem burgenartigen Baustil an. Davor lagern die typischen Sehring`schen Sphinxe. Wenn sie mehr wissen wollen, empfehle ich Ihnen die sehr informative Broschüre von Nicola Böcker „Das Künstlerhaus St.Lukas“.  Auch die jährlichen Führungen  durch die Besitzerin  Frau Anni Jänisch zum Tag des offenen Denkmals im September sind sehr interessant.  In den Wohnungen und Ateliers leben und arbeiten überwiegend Künstlerinnen und Künstler.

Im Künstlerhaus veranstaltete Sehring Freitagabend-Empfänge, um Kontakte zur Berliner Kunstszene und zu wohlhabenden Kreisen zu knüpfen. Auch Theodor Fontane war im Frühjahr 1890 zur Eröffnung eingeladen und schenkte dem Gastgeber eine Zinnkanne der Zunft der Seidenweber von 1725 und ein Gedicht dazu („Mit einer Zinnkanne“ für Geheimrat Sehring).

Doch auch außerhalb Berlins baute Sehring: Ein Besuch des Theaters in Cottbus                ( 1907/1908) ist sehr zu empfehlen und von Berlin mit der Bahn gut zu erreichen.


Die Stadthalle Görlitz (1906/1910) wurde  2005 wegen Sanierungsbedarf geschlossen, das Kino Delphi-Palast Kantstrasse Berlin (1927/1928) wurde im 2. Weltkrieg zerstört und zum Teil wiederaufgebaut. Das  Stadttheater Bielefeld (1902/1904) ist erhalten und saniert, während die Schauspielhäuser  in Düsseldorf und Halberstadt  zerstört wurden.
Sehring war im Historizismus ein  bedeutender Theaterarchitekt, wenn er auch die Produktivität der  Wiener Architekten Ferdinand Fellner und  Hermann Helmer  (tätig von 1873  bis 1919) nicht erreichte. Von Norddeutschland über Polen bis  Rumänien schuf dieses international tätige  Wiener Architektenduo 48  Theater in Europa. Die Komische Oper in Berlin gehört übrigens dazu.

Wollen sie mehr darüber wissen? Demnächst !

Verspricht  MW

 

 

 

 

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