Theater-Architekten

Helmer & Fellner- Architekten des Bürgertheaters in der österreichischen Monarchie

Vor einigen Tagen wurde hier über den Berliner Theaterarchitekten des Historismus Bernhard Sehring geschrieben. Unsere „Komische Oper“ wurde jedoch von einem Wiener Architektenduo gebaut, über das heute berichtet werden soll.

Theater in Baden bei Wien (1908)

Auslöser der unglaublichen Baukarriere der beiden Wiener Architekten Ferdinand Fellner (1847–1916) und Hermann Helmer (1849–1919) war der  große Wiener Theaterbrand von 1881, der fast 400 Menschenleben forderte. Als das erst 1872 erbaute Wiener Ringtheater mit 1760 Plätzen am 8.12.1881 (die Vorstellung von „Hoffmanns Erzählungen“  war ausverkauft) vollständig ausbrannte, wurden  eklatante Sicherheitsmängel in der bauliche Ausstattung festgestellt: Die Türen gingen  nach innen auf, es gab enge Gänge und kleine Stiegen mit unübersichtlichen Wegen. Die Feuerschutzvorsorge fehlte gänzlich. Das gab Anlass für allerhöchste Order des Kaisers, die baupolizeilichen Verordnungen zu verschärfen und einen „Eisernen Vorhang“  zur Trennung von Bühnen- und Zuschauerraum gesetzlich vorzuschreiben. Der Einbau des „Eisernen“ markierte eine Wende im Theaterbau und veränderte die Anforderungen an die Bühnentechnik in ganz Europa, da nun eine große Metallplatte an einem Stück oberhalb der Bühne Platz finden musste.

Helmer und Fellner nutzten mit ihrem neuen Büro die Chance, baulich ein revolutionäres Brandvermeidungskonzept zu entwickeln, wodurch Theaterbesuche nicht mehr zu einem lebensgefährlichen Wagnis wurden. Die großen Aufbauten über den Theaterdächern beherbergten nun neben dem Eisernen Vorhang die maschinentechnischen Einrichtungen für die Dekorationen und Beleuchtungszüge. Der „Schnürboden“ erhielt dadurch eine neue Dimension und schuf für Bühnenbildner und Regisseure neue Gestaltungsmöglichkeiten. Fellner & Helmer zogen ab den 80iger Jahren in ihrem Büro mit 35 angestellten Zeichnern eine Theaterbauindustrie mit seriellen Bauten auf, die alle im Innern nach einem Grundtypus gestaltet waren und sich nur im Dekor unterschieden. Inzwischen waren sie anerkannte  Experten in Akustik und Feuerschutz und die Aufträge aus der gesamten österreichischen Monarchie konnten kaum bewältigt werden. Auftraggeber waren nun nicht mehr Herrscherhaus und Adel, sondern das Bürgertum und auch die öffentliche Hand, die sich über das Theater repräsentieren wollten.

Wiener Konzerthaus (1910-1913)

Fellner betonte in seinen Schriften immer wieder das demokratische Element ihrer  Bauten, mehr als um Pomp und Prunk ging es ihnen um die Funktionalität der Bauwerke. Die Planung erfolgte im Hinblick auf die Besucher: Eine gute Sicht zur Bühne und eine gute Akustik sollten für alle gewährleistet sein. Auf Logen wurde meist verzichtet, die Ausstattung erfolgte mit Normalbestuhlung, geliefert von der Möbelfirma Thonet. Pomp und Prunk, Goldglanz und Samt,  Karyatiden und Putten gehörten natürlich auch hier zur Ausstattung, wollte doch der Bürger die Illusion der barocken Theaterwelt nicht missen. Auch der Jugendstil wurde von den Architekten in einigen Theatern adaptiert. Zwischen  1870 und 1910 wurden von ihnen in Europa über 50 Theater gebaut. Mehr als vierzig stehen noch heute – von Hamburg bis Wien, von Salzburg bis Rijeka.

Theater in Rijeka (Kroatien), damals Fiume ( 1883)

Kennt man ein Theater der beiden Architekten von innen,  glaubt man alle zu kennen.

Theatersaal Baden bei Wien (1908–1909)

Stadttheater Fürth (1901–1902 )
Foto: Thomas Langer, Nürnberg

Komische Oper, Saal   (1892 als „Theater Unter den Linden“, später „Metropol-Theater“ gebaut, die Außenhaut wurde im Krieg zerstört.)
Foto: Gunnar Geller/ Komische Oper

Für Fellner & Helmer war es auch kein Problem, Bauten, die für eine Stadt geplant waren, in einer anderen Stadt fast detailgetreu noch einmal aufzuführen. Deshalb steht in Fürth (fast) die Kopie des Theaters von Czernowitz (Galizien).  Auch das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg war für eine andere Stadt geplant, da die Auftraggeber die Entwürfe aber nicht bezahlen konnten, schlug das Hamburger Bürgertum zu und Fellner& Helmer  bauten 1900 für ein Honorar von 50.000 Reichsmark ein Theaterhaus mit einem Zuschauerraum im Neo-Barockstil. Ganz in Rot und Gold gehalten, bietet es  1.831 Plätze auf drei Ebenen und ist noch heute das größte Theater im deutschsprachigen Raum.

Schauspielhaus Hamburg (1900)

Und da sind wir gleich beim heutigen Problem: die Zuschauerräume sind überdimensioniert und heute kaum noch zu füllen. In einigen Theatern gibt es bereits Rückbaubemühungen. Auch ist ihr barocker Ausstattungspomp  im Innern eine ästhetische Belastung für die heutige Theaterkunst. Da die Theater unter Denkmalschutz stehen, sind sie nur aufwendig und damit teuer zu restaurieren. In den 60iger Jahren war man da rigoroser und hat z.T. durch Umbauten einzelne Gebäude ordentlich verschandelt.

1919 kam das Ende für die Architektengemeinschaft: Nach dem Tod Ferdinand Fellners 1916 und dem Tod Helmers 1919 wurde das Büro 1919 aufgelöst, da durch den Verfall der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie keine Aufträge mehr kamen.

Obwohl ihre Architektur nicht besonders innovativ war, sind ihre Bauten bis heute Prachtstücke und die Städte mit Fellner& Helmer-Theatern sind besonders stolz darauf.

Stadttheater Fürth (1901–1902 )
Foto: Thomas Langer, Nürnberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “Theater-Architekten

  1. Wer sich für die Architektur vergangener Jahre interessiert und für ihre Protagonisten, der ist mit den letzten Architekturbeiträgen auf seine Kosten gekommen. Die Bebilderung vervollständigt das Bild und vor allem: Es ist kleine Fundstücke aus der Geschichte des repräsentativen Bauens.
    I.B.F.

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