Warum sollte Berlin das nicht schaffen…

Das Leitmotto des bekannten Berliner Flaneurs, Feuilletonisten und Schriftstellers Heinz Knobloch (1926-2003)  „Misstraut den Grünanlagen! “ war bereits vor 4 Jahren Motto unseres Berichts über die städtebauliche Zukunft des historischen Stadtkerns Berlins zwischen Fernsehturm, Spree, Marienkirche und Rotem Rathaus (https://berlinab50.com/?s=misstraut).

Nun ist in ähnlichen kriegsbedingten Brachen in der Stadtmitte anderer Städte und z.T. mit Bestand von überholten städtebaulichen Visionen der 60iger /70iger Jahre wie am Dresdener Neumarkt, am Potsdamer Stadtschloss und am Frankfurter Römer in der Zwischenzeit viel geschehen, wie hier am Beispiel Frankfurts unlängst berichtet wurde (https://berlinab50.com/2019/05/17/eine-ueberraschung/).

Was ist heute von Berlins alter Mitte zu berichten? Sie erinnern sich, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hatte  2015 den Dialogprozess Berliner Mitte „Alte Mitte – neue Liebe“ initiiert, aus deren Ergebnissen  dann 2016 vom Abgeordnetenhaus  allgemeine Leitlinien der Stadtraumentwicklung  beschlossen wurden, die sich aber weder inhaltlich noch zeitlich auf ein Konzept festlegen. https://www.berlin.de/stadtwerkstatt/projekte-im-gebiet/

Dabei hatte bereits 1994 der  erstplatzierte Entwurf von Bernd Niebuhr und Bernd Multhaupt im Spreeinsel-Wettbewerb die städtebaulichen Auswirkungen eines Schlosswiederaufbaus untersucht und eine fast kompletten Bebauung des Rathausforums  mit einem Einschnitt entlang der Spandauer Straße vorgeschlagen, die ein dichte Bebauung des  Wohnareals „Rathausforum“ bedeutet hätte.Die Anwohner  waren gemäß dem alten Motto  „Veränderung ja, aber nicht in meinem Vorgarten“  mit dieser Idee nicht einverstanden.  Sie wurde also nicht weiterverfolgt und so bestehen hier die Veränderungen bis zur Eröffnung des Humboldtforums nur in der Verbesserung des Umfeldes der Marienkirche und des Gehwegs an der Karl-Liebknecht-Straße, im Süden zur Spree hin in der Ergänzung der bereits vorhandene Ahornallee und im Osten in neu angelegten Flächen rund um den  Fernsehturm. Die südliche Fläche, die an die Spree und damit an das Schloss reicht, bleibt damit weiterhin Grünanlage und ist zur Zeit noch Brache.

Berliner Stadtkern 1920, Ausschnitt (© SMB, Museum Europ. Kulturen

Wesentlich weiter ist die Entwicklung am Molkenmarkt und im Klosterviertel auf der östlichen Seite des Roten Rathauses. Der Bebauungsplan und die Rekonstruktion wurden nach über 20jähriger Planungszeit endlich 2018 festgesetzt. Der Plan nimmt zwar erkennbar Bezug auf den historischen Stadtgrundriss, der Senat will aber die Parzellen bündeln und  lediglich als zwei große Grundstücke an zwei Wohnungsbaugenossenschaften vergeben, die dort preisgünstiges Wohnen realisieren sollen. Die geplante Struktur kann hier: https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/staedtebau-projekte/molkenmarkt/ angeschaut werden.

Eine preiswerte,  einfache Gestaltung, ohne Sockelgeschoss mit Läden,  ist zu erwarten. Die vorgesehenen architektonischen Fenster, sog. Leitbauten (Rekonstruktion historischer Fassaden wie z.B. Großer Jüdenhof  9 und Palais Kreutz) werden vermutlich nicht ausreichen, um den historischen Bezug zum Stadtgrundriss herzustellen und Urbanität und hohe Aufenthaltsqualität zu erreichen.  Der Berliner Bürgerverein für die Berliner Mitte hat in einer Pressemitteilung im Februar 2019 für Bauherrenvielfalt und Rekonstruktion plädiert und auf die sich anbahnende Fehlentwicklung hingewiesen (https://www.buergerverein-luisenstadt.de/aktuelles/451-berliner-buergervereine-bauherrenvielfalt-und-rekonstruktionen-am-molkenmarkt). Sie blieb bisher ungehört und bei der ideologisch bestimmten Diskussion ist ein Umdenken  auch nicht zu erwarten.

Ganz anders wurde am Frankfurter Römer verfahren, wo unter Berücksichtigung der historischen Parzellen und Relationen ein Großteil der Grundstücke an verschiedene Bauherren – privat wie öffentlich – vergeben wurden, die unter Einhaltung von Vorgaben ein attraktives Viertel  mit Anmut und Aufenthaltsqualität geschaffen haben. Obwohl es im Vorfeld viel Kritik gab, wird die  „neue“ Altstadt von Bürgern und Besuchern gut angenommen. Auch die Bebauung des Neumarkts in Dresden (Planung seit 2002) war nicht unumstritten. In acht Quartieren wurden 100 Parzellen durch verschiedene Bauträger bebaut, davon 60 „Leitbauten“ mit rekonstruierten Fassaden von historisch wertvollen Gebäuden, aber auch mit Gebäuden der „klassischen Moderne“ ohne direkten Bezug zum barocken Dresden. Auch hier ist die Akzeptanz, gemessen an dem immer vollen und   quirligen Stadtquartier Neumarkt,  groß.

Dresden

Potsdam

Frankfurt (Main)

Warum sollte Berlin nicht das schaffen, was die anderen Metropolen so erfolgreich umgesetzt haben?

Fragt mw

 

 

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