Wiederentdeckt

 

Es ist erst ein paar Tage her: Hitzerekorde, Hitzewelle – das Thermometer erreichte am letzten Tag des Juni  die 40° Marke. Wo hält man es da am besten aus? Im Wasser, am See, am Meer, unterm Apfelbaum, im Kino  – oder im Museum. Dort ist es angenehm kühl und so kann man für ein, zwei Stunden durchatmen. Interessanterweise nutzten das in den heißen Tagen nur Wenige – besonders die Berlinische Galerie, die schon im Mai wegen Statischer Probleme am Dach für ein paar Wochen überraschend schließen musste, hat darunter gelitten, nur wenige Besucher fanden den Weg in die Alte Jakobstraße.

Dies ist umso bedauerlicher als die laufenden Ausstellung LOTTE LASERSTEIN – VON ANGESICHT ZU ANGESICHT wirklich überaus empfehlenswert ist. Noch bis 12. August haben Sie Gelegenheit – und wenn Sie  es sich einrichten können, an einem Montagnachmittag zu einer kostenlosen Kuratorenführung zu gehen, lohnt sich der Besuch doppelt (Genaueres unter https://www.berlinischegalerie.de/bildung/fuehrungen/fuehrungskalender/)!

Selbtporträt mit Katze, 1928

Das erste Mal begegnete sie mir in der Ausstellung Wien Berlin – Kunst zweier Metropolen  in der Berliner Galerie 2013: Lotte Laserstein. „Der Abend über Potsdam“, aber besonders „Im Gasthaus“  sind seitdem in meinem Gedächtnis verankert.

Potsdam am Abend, 1930

Faszinierend  ihre realistische, am 19 Jhd. akademisch geschulte Porträtkunst – Leibl und Liebermann sind ihre Vorbilder -,  in Kombination mit ihrer Bildkompositionen, die sich an den Medien Fotografie und Film zu orientieren scheinen. Ihre Darstellungen der „Neuen Frau“ begeisterte nicht nur mich, sondern auch bereits die Zeitgenossen und dies nicht nur wegen der malerischen Qualität, sondern auch,  weil Lotte Laserstein ihren fast ausnahmslosen weiblichen Figuren eine für diese Zeit erstaunliche Individualität verleiht.

Ich und mein Modell, 1929/30

Vor dem Spiegel, 1930/31 – Modell Traute Rose und Lotte Laserstein im Hintergrund

Im November 1898 geboren, war sie eine der ersten Frauen an der  Berliner Akademischen Hochschule. Ihr Studium schloss sie 1927 bei Erich Wolfsfeld – als eine der ersten Frauen – mit Auszeichnung ab. Aus ihren Selbstporträts und den Bildern mit ihrem Lieblingsmodell Traute Rose, das für sie das Idealbild einer jungen modernen Frau verkörperte,  sieht uns eine selbstbewusste junge Frau entgegen, die einen genauen Blick auf ihre Umgebung hat und die in der Lage ist, die Stimmung der Zeit zu porträtiert.  Sie ist eine der sensibelsten Porträtistinnen der 1920 und frühen 30er Jahre. Zwischen 1928 und 1933 entstehen die meisten ihren Hauptwerke.

Russisches Mädchen mit Puderdose, 1928 –   gemalt für die  Ausschreibung  für eine Kosmetikwerbung

1933 wurde die Künstlerin mit jüdischen Wurzeln aus dem öffentliche Kulturbetrieb ausgeschlossen, die 1927 zur finanziellen Absicherung gegründete kleine Malschule musste sie schließen.  Die politischen Restriktionen erschwerten ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zunehmend und so nahm sie 1937 die Einladung einer Stockholmer Galerie an und blieb für den Rest ihres Lebens in Schweden.   Obwohl Laserstein im schwedischen Exil weiterhin äußerst produktiv war und ihren Lebensunterhalt durch Auftragsarbeiten verdiente, gelang es ihr nicht, an ihre frühen Erfolge anzuknüpfen. In vielen schwedischen Häusern gibt es Porträts von Lotte Laserstein, aus der öffentlichen Wahrnehmung allerdings verschwand  ihr Werk weitgehend.

Margit Silfversvard, 1938

1987 änderte sich das, was wohl mehr einem Zufall zu verdanken war. Eine britische Galeristin  suchte für eine Ausstellung Werke von Lasersteins Lehrer Erich Wolfsfeld und nahm Kontakt mit seiner ehemaligen Schülerin auf. Als sie sie in Schweden besuchte, entdeckte sie einen unerwarteten Schatz – die Gemälde von Lotte Laserstein. Die Ausstellung bei  Agnew’s und The Belgrave Gallery in London, bei der sie und ihre engste Freundin Traute Rose anwesend sein konnten,  war der Beginn ihrer internationalen Wiederentdeckung. 1993 starb Lotte Laserstein im schwedischen Kalmar.

Gemeinsam mit dem Frankfurter Städel wurde die Ausstellung LOTTE LASERSTEIN  –  VON ANGESICHT ZU ANGESICHT  konzipiert und  realisiert. Zuerst in Frankfurt gezeigt, präsentiert die Kuratorin Annelie Lütgens, Leiterin der Grafischen Sammlung,  in der Berlinischen Galerie nicht nur Werke aus den prägenden Berliner Jahren, sondern wirft auch einen Blick auf die zweite Lebenshälfte der Malerin im Exil.

Abendunterhaltung, 1948

Neben 58 Gemälde und 9 Zeichnungen aus dem Oevre von Laserstein sind viele Dokumente zu sehen, eine Auswahl aus den umfangreichen dokumentarischen Materalien, die die Berlinische Galerie  2009  aus dem Nachlass der Künstlerin übereignet bekam.

Leider ist das oben erwähnte Bild „Im Gasthaus“ in dieser Ausstellung nicht zu sehen. Ursprünglich wurde es vom Magistrat der Stadt Berlin angekauft, im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ entfernt und galt als verschollen. Erst 2013 tauchte es bei einer Auktion auf und ist heute im Privatbesitz.

Auch wenn wir im Moment kühlere Tage erleben und falls die wirklich heißen Tage bis Mitte August hinter uns liegen sollten, gehen Sie trotzdem ins Museum.  Es lohnt sich!

LOTTE LASSERSTEIN VON ANGESICHT ZU ANGESICHT  ist noch bis 12. August 2019 in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstr.124- 128, zu sehen, die Öffnungszeiten sind täglich 10 bis 18 Uhr, an den letzten fünf Tagen sogar bis 20 Uhr.

 

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