Das doppelte Ephraim Palais

Im Ephraim Palais wird noch bis zum 9. November die große Ausstellung „Ost –Berlin. Die halbe Hauptstadt“ gezeigt. Die „Entdeckungsreise vom Ende der 60iger Jahre bis zur Wiedervereinigung“  zeigt den Alltag in Ost-Berlin: die Arbeit, den Feierabend, die Lebensfreude und die alltäglichen Probleme vom Wohnen bis zur Versorgung  im realen Sozialismus.  Eine  sehenswerte und nur wenig nostalgische  Ausstellung, die man im Ost-West-Gespann besuchen sollte, denn nach meiner Erfahrung erschließt sich so manches dem im Westen sozialisierten Besucher erst nach Erläuterung durch den  „Ureinwohner“  Ostberlins.  Doch darüber will ich hier nicht berichten, sondern über das Ephraim-Palais, das  heute zur Stiftung Stadtmuseum Berlin gehört.

1935 im Zuge des Brückenbaus und der Straßenverbreiterung am Mühlendamm abgerissen und in Teilen eingelagert, wurde das Gebäude  erst in Vorbereitung der 750-Jahr-Feier Berlins  von 1985 bis 1987 etwa 10 m nördlich des ursprünglichen Standorts im Nikolaiviertel wiederaufgebaut.  In den 80iger Jahren gab es in Ost-  und in Westberlin Überlegungen zum Wiederaufbau des  Ephraim-Palais: sowohl als Kopie in der Nähe des Originalstandorts in Mitte  als auch in Kreuzberg neben dem Kammergericht (damals Berlin-Museum) mit den dort lagernden Originalfassadenteilen als Ausstellungsort für die Geschichte der Juden in Berlin. Die  kleine Notiz des Tagesspiegels vom Februar 1981  berichtet von der Planung des parallelen  Aufbaus des Palais  in Ost- und Westberlin .  In der oben genannten Ausstellung wird der Aufbau des Palais im Nikolaiviertel zwar dokumentiert, die spannende Geschichte dazu aber nur am Rande erwähnt („Die Fassade lagerte in West-Berlin“). Deshalb hier ein kurzer Bericht über die wirklich spannende Hausgeschichte:

1762 hatte sich der königliche Münzpächter und Hofjuwelier Friedrichs II., Veitel Heine Ephraim  das Haus des Apothekers Tonnenbinder  in der Poststraße 16/Ecke Mühlendamm vom Hof-Architekten Friedrich Wilhelm Diederich zum vierstöckigen Palais umbauen lassen. Im Besitz der Familie Ephraim war es bis 1833. Danach wurde das Haus noch zweimal erweitert, zuletzt  ab 1890 durch den Stadtarchitekten Ludwig Hoffmann als Verwaltungsbau für die Stadt.

Postkarte Berlin, ca 1920 (www.berlin-mitte-archiv.de)

Ursache für den letzten Umbau  war die Anhebung des Mühlendamms, die es erforderlich machte, die alten vier Säulenpaare durch kürzere Säulen  zu ersetzen und den umlaufenden Balkon höher zu setzen, da sonst die Portalsäulen bis zur Höhe von 1,20m  im Erdboden verschwunden wären. Um diese alten, nun entfernten, Säulen rankte sich die Geschichte, dass Friedrich II. sie im Siebenjährigen Krieg als Kriegsbeute aus Sachsen aus einem zerstörten Schloss des Grafen Brühl  – seinem Intimfeind – mitgebracht habe. Die Fassade des Palais war geputzt und trug Gesimse, Pilaster, Kapitelle, Gitter  und Putten als Schmuck.  Beim Abriss 1935 wurden die Schmuckteile  nummeriert und eingelagert und landeten nach einiger Umzügen zuletzt neben dem Berlin-Museum  in der Lindenstraße in Kreuzberg.  Der Plan, Ende der siebziger Jahre ein jüdisches Museum neben dem im ehemaligen Kammergericht befindlichen Berlin-Museum daraus zu bauen, wurde wegen der erheblichen Kosten (30 Mio DM) immer wieder durch das Abgeordnetenhaus  verschoben und als Ende 1981 bekannt wurde, dass die DDR das Ephraim-Palais im neuen Nikolaiviertel zur 750-Jahr- Feier Berlins 1987 wieder errichten wollte, gab man das Vorhaben im Westen der Stadt  auf und bot im Frühjahr 1982,  unter der Vermittlung der jeweils in  Ost- und Westberlin  für den Denkmalschutz zuständigen Landeskonservatoren, dem Ostberliner Magistrat die Spolien (Gesimse, Pilaster, Kapitelle usw.) an.

Modell Ost-Berlin mit Ephraim Palais, 1985

Die geplante Rekonstruktion des Ephraim Palais in Kreuzberg war damit vom Tisch. Es hatte dazu durchaus kritische Stimmen zum Umgang mit historischer Bausubstanz gegeben.

Wer dazu mehr wissen will, sollte das Buch des Berliner Städteplaners Dieter Hoffmann-Axthelm von 1987 lesen: „Wie kommt die Geschichte ins Entwerfen?“ Dort besonders empfehlenswert das Kapitel „Architektur als Geschichtsfälschung“, das auch heute Anstoß zum Nachdenken über die unterschiedlichsten  Rekonstruktionen geben kann.

1985 begann der Aufbau des Gebäudes im Nikolaiviertel. Die Schmuckelemente und Säulen wurden dazu über den Grenzübergang Heinrich-Heine Straße nach Ostberlin gebracht. Am 19.Mai 1987 konnte das fertige Gebäude  im Beisein von Honecker und dem Ostberliner OB Krack den Berlinern als Ausstellungsort und Teil des Märkischen Museums übergeben werden.

Dieser Raum im ersten Geschoss des Ephraim Palais zeigt die Kopie einer von Andreas Schlüter gestalteten Decke aus dem 1889 abgebrochenen Palais Wartenberg.

Mit dem Rückbau des überbreiten Mühlendamms  und dem Neubau der Mühlendammbrücke wird sich zukünftig hoffentlich auch die Aufenthaltsqualität  auf dieser Seite des Nikolaiviertels verbessern.

Falls sie noch Lust auf ein spannendes Zeitreisen-Projekt  haben, empfehle ich Ihnen als virtuelles 3D-Erlebnis das Time Ride Museum am Checkpoint Charlie  (Zimmerstraße  91)mit einer Bus- Zeitreise durch das  Ost-Berlin in den 1980er Jahren (https://timeride.de/berlin/?fbclid=IwAR12fUDvneVMgV2eFWtjGC5pLdRGcPXSPQVv-OsuwIxLPgHkRYDKgmL3A6o)

Ihr mw

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