Ein Blick hinter den Bauzaun

 

Die von 1965 – 1968 nach einem Entwurf von Ludwig Mies van der Rohe errichtete Neue Nationalgalerie wird seit Anfang 2015 im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von Grund auf instand gesetzt. Am Tag des offenen Denkmals gab es Gelegenheit zur Baustellenbesichtigung und ein Mitarbeiter des Auftraggebers informierte kenntnisreich sowohl über den Auftrag des Berliner Senats von 1961 an Mies van der Rohe als auch über den Stand der Arbeiten durch das mit der Sanierung beauftragte Büro David Chipperfield Architekten (Sanierung Neues Museum und James Simon Galerie).

Mies‘ Entwurf basierte auf – nicht realisierten – Planungen für das Hauptquartier von Bacardi in Kuba und einem  Entwurf für ein Museum für die Sammlung des Industriellen Georg Schäfer in Schweinfurt (FAG Kugelfischer). Die Neue Nationalgalerie war als Galerie der Klassischen Moderne geplant und wurde am 15.09.1968 mit einer Piet Mondrian-Ausstellung eingeweiht. Die denkmalgerechten Sanierung der „Ikone der Moderne“ wird ca. 110 Millionen Euro kosten und den Bau auf den zeitgemäßen technischen Stand bringen, aber in seiner ursprünglichen Struktur – so wie wir die Nationalgalerie kennen – wiederherstellen.

Bei der Eröffnung sollen die Besucher nichts von der Sanierung merken, denn auf Neuinterpretation wurde verzichtet. Dabei ist das, was uns  in der imposanten acht Meter hohen Halle unter freitragendem Stahldach als Architektur absoluter Klarheit erscheint, technisch  voller Widersprüche und funktionaler Mängel, die bereits bei Eröffnung 1968 die Ausstellungskuratoren vor Probleme stellten.
So war die  Glasfassade zu starr konstruiert und den Berliner Temperatur-schwankungen nicht gewachsen. Das Problem wurde jetzt durch den Einbau von je drei Pfosten mit Dehnungsfugen pro Fassadenseite gelöst, so dass sich die Fassade wetterbedingt auf jeder Seite im Sommer um 7 cm ausdehnen und im Winter zusammenziehen kann. Der Ersatz der alten Scheiben  von 3,46 Meter Breite war ein großes Problem, da nur in China dieses Maß noch produziert wird. Die Scheiben wurden dann in Taiwan mit UV-Schutz ausgerüstet. Der Einsatz von Isolierglas war aus denkmalpflegerischen Gründen nicht möglich.

Spannend auch der Bericht über die Einsetzung der riesigen Scheiben: dazu musste das überkragende Dach mit einem Kran angehoben werden. Nicht eine Scheibe ging zu Bruch! Das Beschlagen der Scheiben soll künftig durch eine bessere Belüftungstechnik verhindert werden.

Da Mies in seiner Konzeption „harte“ und „weiche“ Elemente wie Stahl, Naturstein  und Glas und Teppichboden und Vorhang kombinierte, klebten z.B. durch Kondenswasser die Vorhänge an den Scheiben. In den neunziger Jahren wurden die Vorhänge deshalb entfernt. Der neue Vorhang (nach Abhängung verschwunden) wurde nun nach einem noch vorhandenem Muster des Herstellers in den USA original wieder gefertigt und wird ebenso wie die  zwischen Denkmalschutz und Hausleitung umstrittene braune Auslegeware das Haus bei seiner Neueröffnung (geplant 2020) komplettieren.

Auch das  älteren Berliner noch bekannte Automatenrestaurant wird es wieder geben, in einem großzügigeren Servicebereichen im unteren Foyer. Platz dafür wurde durch neue unterirdische Räume in Richtung Potsdamer Straße geschaffen. Dort befindet sich jetzt das 600 Quadratmeter große klimatisierte Depot der ständigen Sammlung und die Haustechnik. Die technische Gebäudeausrüstung sowie Klimatechnik und Brandschutz wurden ebenfalls erneuert und die Hängung im Sockelbereich wird zukünftig mit speziellen Alarmmeldern in der Wand gesichert.

Auch die Barcelona- Chairs und den Gummibaum werden Sie im Untergeschoss wieder vorfinden. Nur auf die Raufasertapete wurde verzichtet, die Wände wurden glatt verputzt.

Derzeit wird die Verlegung der Steinplatten aus Striegauer Granit in der Halle als auch auf der Terrasse vorbereitet. Ein gigantisches Puzzle aus 14.000 Platten, die während der Sanierung ausgelagert waren.  Lustig dazu die Geschichte: Mies wollte Travertinplatten, das war aber dem Senat zu teuer, dann eben schwarzen Schiefer. Aber das hätte  doch eigenartig ausgesehen, schwarzer Pavillon auf schwarzem Grund. Da kam der damalige Wirtschaftssenator König (SPD) zu Hilfe: Er schlug ein Bartergeschäft mit der VR Polen vor: Schweinehälften gegen Granitplatten aus Striegau in Niederschlesien. Striegauer Granit gibt’s übrigens auch am Dom und am Gendarmenmarkt.

Die Frage nach Anlage einer unterirdischen Verbindung zum geplanten Neubau des Museum der Moderne am Kulturforum (Entwurf von Herzog& Meuron/Schweiz, die sog. „Kulturscheune“) wurde verneint. Ist wohl auch vernünftig, da,  wie der Tagesspiegel am 13.09.2019 berichtete, auch hier die Kosten noch vor Baubeginn außer Kontrolle geraten sind und der Haushaltsausschuss des Bundestages nun über den Museumsbau entscheiden wird.

Eine spannende Baustelle!

meint mw

 

 

 

 

 

 

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