Mein Buchtipp: Brigitte Fassbaender – Memoiren eines Weltstars

Wenn ich an die Fledermaus oder an den Rosenkavalier denke, denke ich an Brigitte Fassbaender. In meinem Kopf haben sich die Eindrücke  ihres „Orlofsky“ und ihres „Octavian“  in  beiden Münchner Operninszenierungen so tief verankert, dass offensichtlich keine andere Sängerin, die ich in diesen beiden Rollen je gesehen habe,  in meiner Erinnerung Platz gefunden hat. Dies wurde mir klar, als ich nun ihre Memoiren  „Komm‘ aus dem Staunen nicht heraus“  gelesen habe.

Brigitte Fassbaender, Tochter des berühmten Kammersängers Willi Domgraf-Fassbaender  – ich höre heute noch meine Mutter von ihm schwärmen – und der Schauspielerin Sabine Peters, kam in Berlin 1939 auf die Welt, erhielt von ihrem Vater Gesangsunterricht  und studierte in Nürnberg am Konservatorium. 1961, mit knapp  22 Jahren wurde sie an die Münchener Staatsoper engagiert, wo sie, inzwischen ein Weltstar, bis zu ihrem Rücktritt 1995 ihr Publikum immer wieder begeisterte.

Bayerische Staatsoper München (c) Felix Löchner

1971, also genau 10 Jahre später, begann ich am Residenztheater, dem Schauspielhaus neben der Münchner Staatsoper, zu arbeiten. Die beiden Häuser waren eng verbunden und so hatte ich manchmal die Gelegenheit,  öffentliche Proben zu besuchen oder günstige Karten für Vorstellungen zu bekommen. Die Auftritte von Brigitte Fassbaender gehörten damit zu meinen frühen Operneindrücken.  1988 gab sie eine Abschiedsvorstellung als „Octavian“, schon ein erstes Signal für das, was im Januar 1995 folgte – der endgültige, freiwillige Rücktritt als Sängerin.

Residenztheater und Staatsoper München (c) von Szoerenyi

An das Erstaunen der „Opernwelt“ erinnere ich mich noch heute. Sie war damals 55 Jahre alt und wollte, wie ich jetzt in ihrem Buch nachlesen konnte, auf dem Höhepunkt aufhören, einen guten Abgang haben, nicht vom „Plateau“ abstürzen.  Was für eine kluge Frau.  Das Klimakterium machte ihr so sehr zu schaffen,  das –  wie sie freimütig schreibt  – ihre Stimmbänder so sehr beeinflusste, dass sie die letzten Jahre nur noch als anstrengend und qualvoll empfand. Alle ärztlichen Hilfen und medizinischen Möglichkeiten halfen ihr nicht weiter. Sie gab auf. Noch nie habe ich eine so ehrliche, so direkte Begründung gelesen – über eine Phase im Leben jeder Frau, über die so wenig wie möglich gesprochen wird.

Brigitte Fassbaender wechselte die Bühne mit dem Regiestuhl. Schon ab 1990 inszenierte sie immer wieder, ab 1995 führte sie ausschließlich Regie, gibt Meisterkurse, ist Gesangspädagogin und war lange Jahre Intendantin am Landestheater Innsbruck. Und dies, wie auch als Sängerin, mit Leidenschaft für die Musik und Empathie für ihre Figuren und die Geschichte.

Bayerische Staatsoper, Zuschauerraum (c) Wilfried Hösl

In ihrer Autobiographie erzählt sie von großen Künstlern, denen sie begegnet ist, von Glanz und Elend des Sängerberufs und vor allem vom Glück der Musik. Es ist ein Weg, der von künstlerischen Abenteuern und wundervollen Erlebnissen geprägt ist. Sie schreibt von den Opern und Liedern, die ihr am Herzen lagen, vom Ethos des Sängers und den Momenten der größten musikalischen Erfüllung. Sie erzählt von Dirigenten und Sängern, Pianisten und Regisseuren, die sie bewundert hat: Von Carlos Kleiber bis Claudio Abbado, von Martha Mödl bis Dietrich Fischer-Dieskau und vielen anderen mehr.

Ihr Markenzeichen war immer die natürliche, klare Ausdrucksform im Spiel und Gesang, dies vermittelt auch das Buch, das sie ganz allein schreiben wollte und sich in der Danksagung dann auch dezidiert bei zwei Autoren dafür bedankt, dass sie ihr nicht geholfen haben. Welch ein Glück, denkt der Leser, denn man spürt ihre liebenswürdige, direkte, aber nie verletzende Art in jeder Zeile. Offen und ehrlich schreibt sie auch über schwierige Themen, nicht nur über die Qualen der Wechseljahre für eine Sängerin, sondern auch über Männermacht und Machtmissbrauch, über den Diätenwahn und eigene Versäumnisse.   Ihre beruflichen Begegnung mit Menschen, die Inszenierungen, die unterschiedlichen Intendanten beschreibt sie liebevoll und selbst, wenn sie mit jemandem nicht zu recht bekam, wird dies freundlich erwähnt, aber nie wird jemand denunziert.  Auch Placido Domingo nicht, mit dem sie 1977  in „Werther“ sang. Sie beschreibt diese Bühnenbegegnung sachlich und freundlich und doch erscheint diese Anekdote mit unserem heutigen Wissen und den jüngsten Vorwürfe gegen ihn in einem anderen Licht.

Brigitte Fassbaender   © Marc Gilsdorf – http://www.marcfoto.de

Für wen Opern und Opernbühnen, für wen Liederabend und Sänger ein wichtiger Bestandteil seines kulturellen Lebens sind, wer Inszenierungen in München, Wien, London und New York  gesehen hat, wer Brigitte Fassbaender einmal live gehört hat oder ihre Plattenaufnahmen kennt, für den ist diese kluge Autobiografie ein Genuss und ich verspreche Ihnen, viele Erinnerungen werden wach. Mir jedenfalls ging es so – und noch etwas nehme ich nach dieser Lektüre mit: Mut! Brigitte Fassbaender ist mit ihren 80 Jahren immer noch in der Theater- und Opernszene aktiv unterwegs und hat auch für die kommenden Jahre noch viele konkrete Pläne. Chapeau!

Bleiben Sie neugierig und kommen Sie aus dem Staunen nicht heraus, das wünscht  Ihnen

go

 

 

 

 

Brigitte Fassbaender, Komm‘ aus dem Staunen nicht heraus, Memoiren, C.H.Beck 2019

Ein Gedanke zu “Mein Buchtipp: Brigitte Fassbaender – Memoiren eines Weltstars

  1. Sehr schöne Rezension! Da weiß ich doch sofort, was ich meiner Freundin zum Geburtstag schenke! Man bekommt sofort Lust auf die Lektüre. Vielen Dank für den Tipp!

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