Industriesalon Schöneweide

Im Frühjahr berichteten wir hier über Initiativen, Berliner Industriedenkmale als Tourismusziele besser zu vermarkten (https://berlinab50.com/2019/02/24/berliner-industriedenkmale-entdecken/). Heute nun ein Erfahrungsbericht von einer sehr informativen Führung durch eine Mitarbeiterin des Industriesalons Schöneweide über das ehemalige AEG-Gelände in Oberschöneweide.

Der Stadtteil Schöneweide ist noch heute eng mit der Geschichte der Industrialisierung Berlins verbunden und zeugt von der einstigen Stärke der Berliner Elektroindustrie. Elektrizitätswirtschaft und die Elektroindustrie waren die großen Alleinstellungsmerkmale Berlins am Beginn des 20.Jahrhunderts und Elektropolis Berlin war vor dem Ersten Weltkrieg ein Synonym für die moderne, vernetzte Stadt.

Zu DDR-Zeiten war Schöneweide ein wichtiges Zentrum der Energiewirtschaft mit etwa 25.000 Beschäftigten, die hier Transformatoren, Schalter, Kabel, Röhren und Batterien in den ehemaligen AEG Fabriken produzierten. 1990 gingen hier die Lichter aus, viele Menschen verloren ihre Arbeit. In seinem Porträt Stumpfe Ecke beschreibt Alexander Osang 1992 die Situation der hier einstmals Beschäftigten. Doch zuerst erfahren wir im Industriesalon in der Reinbeckstraße 9, wie alles begann.

Die  von Emil Rathenau 1883 als Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität gegründete und später „AEG“ benannte Aktiengesellschaft entwickelte sich ab 1895 zu einem der damals weltweit größten Elektrokonzerne.  In dem einstmaligen Berliner Ausflugsgelände entstand ein industrielles Ballungsgebiet mit 25 großen und vielen kleineren  Fabriken, in denen um die Jahrhundertwende bereits 25.000 Menschen für die Elektroindustrie arbeiteten.

Peter-Behrens-Turm

Architekten wie Peter Behrens und Ernst Ziesel sowie der Hausarchitekt der AEG Paul Tropp schufen Gebäude mit moderner, sachlicher und lichtdurchfluteter Industriearchitektur. Kennzeichen der Bauten: gelbe Klinker (der Konkurrent Siemens benutzte die Roten).  Hier wurde  auf allen Gebieten der Starkstromtechnik produziert, insbesondere Leuchtmittel, Elektromotoren, elektrische Bahnen, Anlagen der Elektrochemie, außerdem Dampfturbinen, Dieselmotoren, Automobile (Tochterunternehmen NAG. Nationale Automobilgesellschaft im Behrens- Bau), Kabel (KWO) und Leitungsmaterialien. Aber auch Haushaltsbedarf („Weiße Ware“; der Fön wurde hier erfunden!) wurde in Oberschöneweide produziert.  1895 begann mit dem Kraftwerk Oberspree die allgemeine Elektrifizierung mit Drei-Phasen Wechselstrom im Deutschen Reich.  Erst mit der Erfindung des  Drehstroms war es möglich geworden, elektrische Energie weitestgehend verlustfrei  über große Entfernungen zu transportieren. Damit verschwanden die Gleichstrom-Kraftwerke aus der Innenstadt, die unmittelbar beim Verbraucher den Strom produzierten.  Das 1895 gebaute Drehstromkraftwerk wurde 1933 stillgelegt, heute steht nur noch die leere Halle, zu erkennen an der mit eindrucksvollen Medaillons geschmückten Fassade. Ein neuer Erwerber möchte hier in Zukunft ein Hotel eröffnen.

Drehstromkraftwerk

Und da sind wir auch schon bei der aktuellen Entwicklung des Gebietes. Wie unsere sehr gut informierte Begleitung aus dem Industriesalon berichtete, beginnt nun – wie schon in der Innenstadt – das internationale Monopoly auch am Spreeknie, dem ehemals größten Industrierevier im Osten.  2006 erwarb die irische Comer-Gruppe für läppische 12 Mio € das ehemaligen Samsung-Werk (früher Werk für Fernsehelektronik), einschließlich des denkmalgeschützten Peter-Behrens-Bau an der Spree. In diesem Jahr verkauften sie es für 197 Mio €,  ohne das in all den Jahren der denkmalgeschützte Bestand saniert wurde. Das nennt man eine satte  (steuerfreie) Rendite! Auch der neue Eigentümer erhofft sich etwas Zugewinn: Er wartet nun sehnlichst darauf, dass der Flughafen BER endlich eröffnet wird  und wünscht sich von der Stadt Berlin den Bau einer Brücke, die vom Gelände zu einem direktem Anschluss an die Autobahn nach Schönefeld führt. Dann wird entschieden, wie es weitergeht.

 Lichthof – Eingangshalle der ehemaligen Automobilfabrik

Die Aussichten auf Profit sind gut:  Der  Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Berlin Schöneweide wird nach Adlershof und der „Urban Tech Republic TXL“ einmal der drittgrößte Zukunftsort Berlins sein. Seit den 90iger Jahren wurde  Oberschöneweide  mit einem geschätzten öffentlichen Aufwand von 80 Mio € zu einem Wissenschafts- und Technologiestandort entwickelt. Bis 2035 sollen hier 10.000 neue Arbeitsplätze in Hochtechnologie- und Kreativwirtschaft entstehen, derzeit sind 300 Unternehmen mit etwa 3.000 Beschäftigten angesiedelt. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zog 2010 mit einem Teil der Fachbereiche (Technik I und II, Wirtschaft, Informatik und Gestaltung) aus Karlshorst auf den Campus Wilhelminenhof  und belebt seitdem das alte Zentrum um die Wilhelminenhofstrasse. An der größten Hochschule für angewandte Forschung Berlins lehren und forschen insgesamt über 200 Professoren und studieren mehr als 9.000 Studenten.

Nach dem Besuch der ehemalige AEG-Kantine, den Reinbeckhallen und dem Behrens-Turm gingen wir nach 2,5  sehr informativen Stunden zur  „Nachsitzung“ in das empfehlenswerte  Restaurant „Sonnendeck“ in den Spree-Höfen, einer ehemaligen Lampenfabrik (www.sonnendeck.berlin).

Hier noch Informationen zum „Industriesalon Schöneweide“

Regelmäßige Führungen: freitags 14 Uhr und sonntags 12 Uhr – ab Industriesalon.
Individuelle Führungen sind jederzeit möglich. Anmeldung am besten per Mail: info@industriesalon.de oder Tel. Besucherzentrum: 030 53007043 Zusätzliche Infos unter http://industriesalon.de/

 

Der Besuch lohnt sich!

Meint mw

 

 

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