„Gott ist diese Gegend heruntergekommen“

Das Fontane-Jahr ist zu Ende, das neue Jahr ehrt nun Beethoven und Raffael. Tatsächlich war aber erst am 30.12.2019 der 200.Geburtstag Theodor Fontanes. Wir haben also ein ganzes Jahr vorgefeiert – mit vielen Ausstellungen, Lesungen und Gedenkveranstaltungen. 2019 haben uns seine Texte durchs Jahr begleitet, wir kamen an Fontane nicht vorbei. Am 4.Januar 2020  setze der Schauspieler Hans-Jürgen Schatz im Bruckner Foyer des Renaissance Theaters einen würdigen und brillanten Schlusspunkt der Geburtstagsfeiern mit seiner Lesung „Gott ist die Gegend runtergekommen“.

Der Journalist und Schriftsteller Fontane war sein Leben lang auf Achse und nicht nur in Brandenburg, sondern in vielen europäischen Ländern unterwegs. Er war, gottseidank, ein passionierter und begnadeter Briefeschreiber. Somit sind uns viele seiner Alltagsbeobachtungen und unterschiedlichsten Reiseerfahrungen in Briefen erhalten geblieben. Schatz stellte eine amüsante und interessante Lesung aus seinen Briefen zusammen, so dass die Zuhörer mit Fontane kreuz und quer die Welt durchschweifen  und sich so königlich über seine Beobachtungen amüsierten konnten. „Von unseren großen Schriftstellern ist Fontane der unterhaltsamste und von unseren unterhaltsamsten der intelligenteste.“ sagte Marcel Reich-Ranicki, dessen 100. Geburtstag wir dieses Jahr auch feiern können, und ich kann ihm nur beistimmen. Sollte irgendwann einmal diese Lesung wiederholt werden, nichts wie hin. Hans-Jürgen Schatz ist ein wirklich begnadeter Vorleser und ich nehme jede Gelegenheit war, ihn zu hören*.

Und noch ein kleiner Lesetipp: Gisela Heller hat schon vor gut 20 Jahren eine biographische Erzählung geschrieben, basierend auf seinen Briefen und den Antwortbriefen seiner Frau Emilie, Tagebüchern und Briefen von Kindern, Enkeln und Freunden. Herausgekommen ist die  wunderbare biografische Erzählung Geliebter Herzensmann: Emilie und Theodor Fontane, die ein ganz neues Licht auf Fontane wirft, aber vor allem Emilie aus dem Schattendasein führt.   Die Autorin hat das gängige Bild, das Fontanekenner von der Ehefrau zeichnen, so sehr in Wut gebracht, dass sie sich viele Jahre lang durch die Materialien  durcharbeitete, um sich ein Bild zu machen von der Gedanken- und Gefühlswelt Emilie, der Frau an Theodors Seite. Sie war ganz sicher weder engstirnig oder gar „ein Klotz am Bein des großen Dichters“, wie viele spätere Literaturhistoriker sie hinstellten. Selten wird dagegen erwähnt, dass sie ihrem Mann über Jahrzehnte zur Seite stand und dass Fontane in ihr auch eine wichtige Kritikerin seiner Texte sah . Letztendlich hat sie ihm den Rücken frei gehalten, damit er der große Dichter und Romancier werden konnte. Eine amüsante, erhellende Lektüre auch über ein Familien- und Frauenleben im 19. Jahrhundert. Dieses Buch gibt es leider nur noch antiquarisch, ist aber auch als e-book vor ein paar Jahren herausgekommen.

Seit September 2018 sind mehrere Biografien zu Theodor Fontane erschienen. Eine davon ist Hans Dieter Zimmermanns  Biografie Theodor Fontane: Der Romancier Preußens. Ich habe diese gut recherierte Biografie gerne gelesen,  denn sie beschreibt das an harten Realitätserfahrungen reiche Leben Fontanes eindrucksvoll  und ermöglicht anschaulich dem Leser die historische und gesellschaftliche Einordnung von Fontanes Leben und Werk.  Es war ein Leben am Abgrund  bis 1878  Vor dem Sturm, sein erster Roman, erschien – und da war er fast 60 Jahre alt.  Um als freier Schriftsteller seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften, bedurfte es immer schon Mut und Leidenschaft  – damals wie heute.

Viel Vergnügen beim Lesen oder Zuhören, auf jeden Fall bleiben Sie neugierig!

go

 

*Die nächste Lesung von Hans-Jürgen Schatz im Bruckner-Foyer des Theaters ist am 25. Januar mit Texten von Horst Pillau „Robert Redford ruft bald an“,  am 01. Februar hat er eine Lesung mit Texten von Tucholsky „Meine Sorgen möcht‘ ich haben“ zusammengestellt und am 05.März liest er Erich Kästners „Der kleine Grenzverkehr“, immer 16:00 Uhr. Vielleicht gönnen Sie sich ja mal einen beschwingten Samstagnachmittag. Es lohnt sich!. ,

 

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