Berlin ab 50…

… und jünger

Halbmarathon – zu Gast in Berlin

Halbmarathon Berlin

Welch ein Tag, welch ein Wetter, welch ein Lauf! Wir waren mit unserer Laufgruppe wieder einmal zu Gast in Berlin, um am Halbmarathon teilzunehmen. Wie in jedem Jahr waren wir gemeinsam im selben Hotel untergebracht und hatten bei strahlendem Sonnenschein jede Menge Spaß. Die Veranstaltung begann klassisch mit der Abholung der Startunterlagen am Flughafen Tempelhof. Nachdem wir den fulminanten Verkehrsstau bewältigt hatten, der entsteht, wenn sich 32.000 Sportler und Sportlerinnen samt Anhang treffen, ging es in den alten Flughafen Tempelhof hinein.

Geschichte auf Schritt und Tritt

Durch das Zentralgebäude ging es in die Abflughalle hinein – mein erster Gedanke war: Great Central Terminal in New York! Der erste Gedanke täuschte, aber das Flughafengebäude ist tatsächlich ein Klassiker, 1934 errichtet, und gilt als “Mutter aller Flughäfen”.

In einem der zahlreichen Nebengebäuden befindet sich der “Der Polizeipräsident in Berlin”, der hier seit 1990 residiert. Die einschüchternde Fassade lies ungute Reminiszenzen an die verschiedenen Diktaturen in Deutschland aufkommen.

Berlin, Berlin … hier hat sich stets bedeutende Geschichte abgespielt. Die eigentlich belanglose Parallelität von wichtigen historischen Gebäuden und Ereignissen auf der einen Seite und von blanker Lust und Lebensfreude der buntgekleideten und aufgeregten Sportler und Sportlerinnen lässt sich nicht auflösen.

Sightseeing

Der Lauf führte uns 21 km mitten durch Berlin. Wir starteten am Alexanderplatz, liefen “Unter den Linden” durchs Brandenburger Tor, an der Siegessäule vorbei bis zum Schloss Charlottenburg. Von dort ging es zurück vorbei an der Gedächtniskirche, dem Potsdamer Platz und Checkpoint Charlie zurück zum Alexanderplatz.

Die Läuferinnen und Läufer bekommen so alljährlich eine Stadtführung durch das gesamte Zentrum der Hauptstadt geboten und werden über die gesamte Distanz vom Berliner Publikum und zahlreichen Musikbands bejubelt. In den letzten Jahren schien stets die Sonne und der Lauf hatte den Charakter eines großen Familienausfluges. Sieger sind stets die unfassbar schnellen afrikanischen Läufer.

Auch hier vermischten sich dramatische Geschichte und sportliche Leichtigkeit. Wer beispielsweise die riesigen Ruinen der Gedächtniskirche sieht, vermag sich dem Schrecken der Kriegszeit nur schwer entziehen, und zugleich wurde heute alles aufgelöst durch die Freude am Sport, jubelnde Zuschauer und laute Straßenmusik.

Der Lauf

Einige unserer Läufer haben Freude am schnellen Lauf und versuchten ihre alte Bestzeit zu erreichen, was aufgrund der aktuellen Hitzewelle nicht funktionierte. Die Gesundheit war doch wichtiger als die Zeit! Andere haben sich einen Spaß aus dem Halbmarathon gemacht und zusammen den Tag, die Strecke, das Publikum und das gute Wetter genossen.

Nachdenklichkeit

Wir konnten uns der Geschichte auch aktuell nicht entziehen. In diesem Jahr war die Stimmung beim Halbmarathon leicht getrübt, weil am Abend zuvor ein Lieferwagen in ein Straßencafé in Münster gerast war und zahlreiche Menschen getötet und verletzt hatte. Der Halbmarathon selbst sollte das Ziel eines Anschlages werden, was die Polizei noch am Morgen des Laufes verhindern konnte Zahlreiche Polizisten säumten die Strecke und sorgten für die Sicherheit der Sportler und Zuschauer. .   Update: Die Polizei war nur vorsorglich tätig. Ein konkreter Anschlag war wohl nicht geplant. Die Nachdenklichkeit bleibt …

Laufen ab 50
Ach ja, bevor ich es vergesse: Der Autor dieser Zeilen ist 55 Jahre alt, begeisterter Sportler und Läufer und möchte mit diesem Artikel Lust auf Geschichte im Alltag sowie Sport und Spaß machen.

Wer mehr über das Laufen wissen möchte, schauen Sie doch mal unter  www.laufen-macht-gluecklich.de .

Danke Berlin, wir kommen wieder!

Hans Jacobs

Fotos (c) H.Jacobs

 

 

Staubi, mein neuer Mitbewohner…

Man kann ja gegen unsere Technisierung und Digitalisierung eine skeptische Haltung entwickeln, man kann der guten alten Zeit nachweinen, als man noch Postkarten und Briefe schrieb und nicht sms oder mails. Oder als man noch selbst eine Scheinwerfer-Birne an seinem Auto auswechseln konnte und nicht deswegen umgehend in die Autowerkstatt fahren muss, da nur ein Mechatroniker die voll Elektronik ausgestatteten neuen Exemplare bedienen kann. Oder Kinder noch im Garten Federball spielten und sich nicht in ihren Zimmern verkrochen, um am PC zu spielen. Oder Menschen noch Bücher in die Hand nahmen und nicht immer und überall das Handy bedienten.

Man kann auch sagen, der technische Fortschritt ist vor allem etwas für die Jugend – jedes Jahr ein neues Handy, ein neuer Tablet, ein neues Digitales Spiel.

Nein, ich bin wieder einmal überzeugt worden, dass die technischen Errungenschaften gerade für uns Senioren vielleicht nicht erdacht, aber doch ungemein nützlich ist:

Nicht nur dass man sein Abendessen und den dazugehörigen Wein online bestellen und sich ins Haus liefern lassen kann, was manch älterem Mitbürger sicherlich das Leben einfacher machen wird. Es sind auch die Haushaltsmaschine wie Spülmaschinen, Waschmaschinen, Herde, schnurlose Staubsauger etc..

Nun habe ich ein neues Haustier, genannt „Staubi“. Sie ahnen, was das ist? Ja, es ist ein Staubfresser, aber vor allem ein unkompliziertes , handliches Gerät, das mich nur in Notsituationen braucht. Ich kann „Staubi“ von seiner Dockstation nehmen, dort aussetzen, wo ich den größten Staub vermute und sage ihm „clean“ (resp. drücke den Button) und schon legt er los. Er bewegt sich kreuz und quer durch die Wohnung, über Teppiche und unter Stühle, so lange, bis er alle Ecken ent-staubt hat. In die Ecke übrigens pustet er Luft, so dass die Staubwolken ihm entgegenfliegen und so aufgesaugt werden können. Manchmal bleibt er stecken oder verheddert sich in einem Kabel, dann spricht (!) er mit mir laut, deutlich und auf Deutsch. Abgesehen von solchen Situationen braucht er meine Hilfe nicht.  Er ist überaus einfach zu bedienen, er ist klein, flach und leicht, lässt sich einfach reinigen und verbraucht wesentlich weniger Strom als ein herkömmlicher Staubsauger.

Es gibt diese Haus-Roboter in vielen Ausführungen – es gibt Modelle, die gehen auch die Treppe selbständig rauf und runter, manche fahren ganz allein wieder „nachhause“, wenn ihnen die Puste ausgeht, es gibt auch Reinigungsroboter, die wischen ihnen Küche, Bad und andere Böden aus Stein oder Hartholz. Noch nie habe ich so gerne „staubgesaugt“, noch nie war es in meiner Wohnung so staubfrei wie mit meinem „Staubi“.

Ich bin total verliebt in meinen neuen Wohnungsmitbewohner und möchte ihn keinen Tag mehr missen. Auch wir ältere Menschen sind also für technische Entwicklungen eine interessante Zielgruppe  – und wir wissen, sie wird immer größer.

Bleiben Sie weiter neugierig

go

Fotos (c) go

 

 

 

 

Rettet das Ofenmuseum Velten!

Den ersten warmen Sonntag im März nutzten wir, um einen lange geplanten Besuch im „Ofen –und Keramikmuseum Velten“ nun endlich durchzuführen. Wir hatten im Juli 2017 gelesen, dass dieses einzigartige brandenburgische Museum- übrigens  das älteste und bedeutendste Ofenmuseum  in Deutschland mit einer „heißen“ Beziehung zu Berlin-  von der Schließung bedroht sei. Das Museum befindet sich einem  großen gelben Klinkerbau, in dem  seit 1872 die   „Ofenfabrik A. Schmidt, Lehmann &Co“  mit 39 anderen in Velten ansässigen Kachelofen –Fabriken  nach Reichsgründung die Hauptstadt mit Kachelöfen versorgte. 1905 wurden z.B. in Velten 100.000 Kachelöfen produziert und in die Reichshauptstadt geliefert. Der letzte Besitzer in vierter Generation, Rolf Schmidt hat hier noch bis Februar 2016 Baukeramik produziert, aber mit Eintritt in die Rente die Produktion eingestellt. Die Kachelpressen, Gießbänke und Brennkammern im Gebäude sehen nun einem ungewissen Schicksal entgegen, denn die denkmalgeschützte Fabrik und das Gelände stehen zum Verkauf (Kaufpreis 1. 2 Mio €). Damit ist auch die Existenz des im Dachgeschoss befindlichen Ofenmuseums akut gefährdet.

Bereits 1905  gründete der ortsansässige Kantor Gustav Gericke (1863-1934) ein „Ortsmuseum im Dienste der Kachelofen-, Tonwaren-Industrie und Heimatpflege“ im Schulhaus der Stadt. Die zahlreichen Exponate waren wiederholt in Berliner Sonderausstellung zu sehen, so 1925 im Gropius- Bau. 1947 zog das Museum in das Dachgeschoss der  Mädchenschule. Wegen der Baufälligkeit des Standorts wurde das Museum  1970 geschlossen und der Bestand in das Berliner Museum für Deutsche Geschichte (heute DHM) verbracht, wo er -abgebaut und in Kisten  verstaut-  im Keller lag. 1994 konnte dann das Museum dank eines sehr rührigen Fördervereins  mit dem alten Bestand auf 850  Quadratmetern in der  „Ofenfabrik A. Schmidt, Lehmann &Co“  im Dachgeschoss wiedereröffnet werden. Die Sammlung umfasst Öfen des 16. bis 20. Jahrhunderts aus Deutschland, der Schweiz und Österreich mit dem Schwerpunkt der Veltener Ofenbaugeschichte. Seit 1835 entwickelte sich hier auf Grund der reichen Tonvorkommen die Ofenfabrikation und durch die Erfindung der weißen Schmelzglasur wurden die Veltener Öfen bekannt und begehrt.  Die Ausstellung zeigt außerdem wertvolle Objekte der Baukeramik bzw. Hinweise darauf, wo in Berlin Veltener Baukeramik nach Entwürfen von Max Taut, Erich Mendelssohn und Alfred Grenander heute noch zu finden sind. Das Ofen- Kehrer-Gewerbe findet in der Dauerausstellung die für ein Ofenmuseum angemessene Würdigung. Außerdem werden  4000 Einzelkacheln, Ofenteile, Ofenschmuck und Ofenmodelle und ein  reicher Fundus an  Musterkatalogen und -büchern verwahrt. Dieser Teil der Sammlung befindet sich allerdings in der seit 2011 aus Brandschutzgründen nicht öffentlich zugänglichen 2. Etage.

Seither wurden viele Exponate erworben (so 2014 die bedeutende Ofensammlung Udo Arndt aus Berlin-Frohnau) oder gestiftet und die Sammlung zu der heutigen Größe ergänzt.  Dieser Schatz ist nun bedroht, da sich die Stadt außer Stande sieht, Haus und Gelände zu kaufen. Der Förderverein hat ein Nutzungskonzept erarbeitet, dass neben der Weiterführung des Museums auch die Weiterführung der Produktion als „Gläserne Produktion“ und Behindertenwerkstatt vorsieht. Ein Café, die  zusätzliche gastronomische Nutzung  und zwei weitere Museen (Druckerei und Fliesen) sind angedacht. In der ausgelegten Broschüre sind vier Zukunftsszenarien beschreiben, von denen die eine positive Version (Kauf durch Gemeinde) wohl nichts wird. Die zweitbeste Variante- die Ofenfabrik wird Eigentum des Fördervereins- bedarf der finanziellen Hilfe durch uns alle mit Hilfe von  Crowdfunding. Sonst kommt vielleicht Variante 1, Verkauf und Kündigung des Museums durch neuen Besitzer – und das wäre in der Tat schrecklich.

Das europäische Kulturerbe-Jahr ist nun für den Förderverein ein Grund zur Hoffnung, endlich sein Konzept für die Zukunft des Standorts umsetzten zu können. Was der Blog hiermit unbedingt unterstützen will. Mehr Informationen sind unter http://okmhb.de/ofen-und-keramikmuseum/ zu finden. Öffnungszeiten Die – Fr 11 – 17 Uhr und Sa – So 13 – 17Uhr. Eine Highlightführung findet samstags 15 Uhr statt. Anreise mit der S-Bahn 25 bis Henningsdorf und dann mit der Regionalbahn Richtung Kremmen oder Neuruppin bis Velten. Vom Bahnhof 10 Minuten entfernt.

mw

Am  Museumsstandort auf dem Gelände der Ofenfabrik befindet sich außerdem das 2015 eröffnete Hedwig Bollhagen Museum, das sich im Besitz der Stadt befindet und nicht vom Verkauf bedroht ist.  Dazu mehr in einem zweiten Beitrag.

 

 

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (5)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg : „Die Stachelschweine“ – 50 Jahre mit Wolfgang Gruner

Als Berliner waren mir schon in meiner Schulzeit die „Stachelschweine“ ein Begriff. Zwar war ich da noch nicht an den politischen Geschehnissen der geteilten Stadt interessiert, aber im Radio hörte ich mit meinen Eltern doch sehr oft deren Programme.

„Die Stachelschweine“ waren für uns der Inbegriff von Freiheitswillen und Berliner Polit-Kritik auf höchst vergnüglichem Niveau.

Gruner, Goden und Norbert Schultze

Die politische Landschaft Deutschlands war ja ein gefundenes Fressen für die Kabarettisten im ganzen Land. Ob nun die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ oder „Das Düsseldorfer Kommödchen“, sie alle karikierten mit spitzer Zungen und beißendem Spott die politischen Geschehnisse, zur Freude der Zuhörer und Besucher.

Im Jahr 1949 begann Wolfgang Gruner bei den „Stachelschweine“, damals noch in der „Ewigen Lampe“, Rankestrasse. Skeptisch sah man dann dem Umzug 1965 in ein eigens für die „Stachelschweine“ im Europacenter gebautes Kabarett-Theater mit doppeltem Platzangebot entgegen. Ob es das Publikum annehmen wird? – Ja, es rannte in Scharen ins Europacenter, begierig nach den Programmen mit Kritik an der Politik.

Obwohl ich beruflich Berlin den Rücken kehren musste, blieb es doch meine Heimat und die „Stachelschweine“ meine Informationsquelle per Radio. Und die Zeit verging bis sich aus einer Freundschaft zu Norbert Schultze jr., einem Regisseur, 1995 der erste Kontakt zu einer Arbeit bei den „Stachelschweinen“ ergab. Ich lernte Wolfgang Gruner kennen und war sofort begeistert von seiner herzlichen und offenen, toleranten und humorvollen Art. Schon nach kürzester Zeit ergab sich zwischen uns eine nonverbale Verständigung, an der wir Beide enormen Spaß hatten. Wenngleich Wolfgang in den meisten Programmen als zentraler Hauptdarsteller auftrat, und stets mit einem aktuellen Text, den er erst kurz vor der Vorstellung „in das Maul“ brachte, habe ich das große Glück gehabt, dass er mich für eine seiner eigenen Inszenierungen engagierte. Und in der war alles, jeder Satz, jede Geste, immer Pointe.

Und so habe ich mit großer Freude dreizehn Jahre lang alle Bühnenbilder bei den „Stachel-schweinen“ entwerfen dürfen. Zu Beginn dachte ich noch, Kabarett auszustatten sei doch sehr viel einfacher als ein Bühnenbild für eine Opern- oder Theaterinszenierung zu erdenken, aber, da hatte ich gleich beim ersten Konzeptionsgespräch eine ganz andere Erfahrung machen müssen. Kabarett ist eine eigenen Welt mit eigenen Gesetzen, nicht nur ein Genre, sondern eine Lebensauffassung.

Goden und Gruner

Mit geschärfter Aufmerksamkeit heißt es ans Werk gehen und mit ganz geringen Mitteln, Darsteller und Szene „bedienen“. Aber, wie schon erwähnt, wurde mir dieser neue und harte Lernprozess ganz wunderbar erleichtert durch Wolfgang Gruners großes Einfühlungsvermögen und seine schnelle Einschätzung meiner Möglichkeiten. Gern denke ich daran, wie er fast unbemerkt bei einer Probe in den dunklen Zuschauerraum kam, kurz zuschaute und mit einem kurzen Satz, genau und treffsicher Kritik und Anregung zur Verbesserung der Szene machte. Wertschätzung und Freundschaft: es war eben eine familiäre Atmosphäre durch und mit ihm.

Am 16.März 2002 erlag er seinem Krebsleiden und wurde auf dem Waldfriedhof Heerstrasse beigesetzt.

Wenn ich an die vielen, prominenten und verdienten „Stachelschweine“ der vergangenen fünfzig Jahre denke, bin ich stolz als Neuzugang beim „Wetzen der Stacheln“ mitgewirkt zu haben und stolz, ein Schwein zu sein – ein „Stachelschwein“ eben.

Prof.Michael Goden

Fotos (c) M.Goden

April, April ….

Ostersonntag, der 1. April

Die Festlegung des Osterdatums wurde wie immer durch das Astronomische Recheninstitut in Heidelberg  – so wie bereits seit 300 Jahren für die Kalenderhersteller – berechnet. Nun fällt dieses Jahr der Ostersonntag auf den 1.April – ein Aprilscherz? Wir hoffen jedenfalls, dass der Osterhase auch dieses Jahr fleißig seine bunten Eier im Garten verteilen wird.

Der Osterhase wird zum ersten Mal von dem Medizinprofessor G.F. von Franckenau im Jahr 1682 in der Abhandlung „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“ erwähnt. Er schildert den Brauch, dass der Osterhase die Eier in Gärten, im Gras und unter Sträuchern versteckt, wo sie von den Kindern gesucht werden – sehr zur Freude der Erwachsenen. Dass der Osterhase die Eier verstecke, nennt er „eine Fabel, die man Simpeln und Kindern aufbindet“.  Also ist der  Osterhase mit seinen bunten Eiern eigentlich ein Aprilscherz?

April, April – das ist der Triumphruf derjenigen, die jemanden erfolgreich in den April geschickt haben . Die (Schaden)freude ist groß, der Schaden meist gering, auch wenn es durchaus schon zu höchst ärgerlichen Aprilscherzen kam. Schon seit dem 17. Jahrhundert sind sie in Deutschland überliefert: die Aprilscherze. Auch heute pflegt man in Deutschland den Brauch, am 1.April jemanden mit einem harmlosen Scherz in den April zu schicken. Meist sollen dabei irgendwelche unmöglichen Dinge besorgt werden wie Mückenfett, Hahneneier, Gänsemilch oder getrockneter Schnee. Im ganzen deutschen Sprachgebiet kennt man den volksmündlichen Reim: „Am ersten April schickt man die Narren hin, wo man will.“

Die Redensart „in den April schicken“ findet sich zuerst 1618 in Bayern. Warum dieser Brauch am 1. April stattfindet, ist nicht sicher geklärt. Es könnte  – da vermutlich von Frankreich nach Deutschland importiert – damit zusammenhängen, dass Karl IX. im Jahr 1564 den Neujahrstag vom 1. April auf den 1. Januar verlegte. Wer das vergaß, traf seine Vorbereitungen umsonst.

Man hat allerdings das Aprilschicken auch anders zu deuten und herzuleiten versucht, so unter anderem vom Augsburger Reichstag am 1. April 1530. Dort sollte unter anderem das Münzwesen geregelt werden. Aus Zeitgründen kam es jedoch nicht dazu, so dass für den 1. April ein besonderer Münztag ausgeschrieben wurde. Als dann der 1. April kam, fand dieser Münztag jedoch nicht statt. Zahlreiche Spekulanten, die auf diesen Münztag gesetzt hatten, verloren ihr Geld und wurden auch noch ausgelacht.

Wir hoffen also, dass der April am Osterwochenende sonnig und gar nicht launisch startet und wir nicht sagen müssen „April, April, der weiß nicht, was er will“ und der Osterhase uns nicht in den April schickt.

Mehr Informationen zu Ostern finden Sie in unsere Beiträge zu Ostern 2015 über die „Gaußsche Osterformel“  https://berlinab50.com/2015/04/04/vom-eis-befreit/  oder 2014  zu „Ostern, das Schuckelfest“ https://berlinab50.com/2014/04/16/ostern-das-schuckelfest/.

Fröhliche Ostertage wünscht

Ihnen das

Berlinab50.com – Team

HÖRST DU NICHT DIE GLOCKEN?

….so lautet der Refrain eines bekannten, weltweit gesungenen vierstimmigen Kanons französischen Ursprungs, der im deutschen Sprachraum von Kindern unter dem Titel „Bruder Jacob“ seit über 200 Jahren freudig gesungen wird: „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch….?“  Und diesen Refrain hat die  Kulturstaatsministerin Prof. Grütters  für das Europäische  Kulturjahr „ECHY 2018“ in Deutschland für das  Projekt „Hörst du nicht die Glocken?  Eine Geläut-Datenbank zum Mitmachen“ als Titel gewählt. Das Projekt wird mit 161.000,-€ gefördert und soll Jugendlichen als Beispiel der Glocken und ihrer Geschichte kulturelle Werte vermitteln.

Die Internet-affinen Jugendlichen können dazu kreativ zur Informationsbeschaffung und zum Aufnehmen von Bild- und Klangdateien ihr Lieblingsspielzeug Smartphone  nutzen. Um erfolgreich am Projekt teilnehmen zu können, müssen sie aber zusätzlich sich auf ganz herkömmliche Weise im Gespräch und in Archiven Informationen zu den Glocken beschaffen. Anhand von Glocken lassen  sich ganz viele Facetten von Geschichte erfahrbar machen, die über die Glockengeschichte hinausgehen, z.B. das Einschmelzen von Glocken zur Waffenproduktion oder die Herstellung von Glocken aus erbeutetet Kanonen.

In bisherigen regionalen Datenbanken sind bereits über 1000 Geläute mit mehr als 3000 Glocken  eingetragen, allerdings sind diese Daten nicht vernetzt und man muss sie aufwendig suchen. So sind auf der  Homepage der Glockeninspektion des Erzbistums Freiburg Glockengeläute aus dem Erzbistum Freiburg zu hören und dazu  Fotos von Kirchen, Glockentürmen und Glocken anzuschauen. Das ECHY-Projekt weitet diese Idee nun auf ganz Deutschland aus. Wer mitmachen und die klingende Glockendatenbank füllen will, kann sich hier melden: http://gebetslaeuten.de/.

Eine schöne Idee, ist doch vielen Mitbürgern heute die über 1300-jährige Glockengeschichte, die Europa verbindet, nicht mehr bekannt. Glocken sind ein historisches kulturelles Erbe mit Alleinstellungsmerkmal für Europa, das weltweit exportiert wurde. Die Glocken riefen  Gläubige zum Gebet in die Kirchen, warnten bei Feuer und Kriegsgefahr und dienten der zeitlichen Orientierung in Zeiten, in denen  es keine Uhren gab. Heute wird Glockenklang leider manchmal als Umweltvergehen angesehen: zu  laut, nervig und überflüssig.  Doch würden die Glocken verstummen, ginge eine große Kulturleistung verloren.

Der Zusammenhang zwischen Glockenläuten,  Gebet und Tagesstruktur wird  noch heute im Kloster deutlich. Nichts ist zufällig hier, alles hat eine religiöse Botschaft und einen Hintergrund im Glauben.  Die lange, bis in die frühen Hochkulturen zurückreichende Tradition, den Tag in Dreistundenschritte zu unterteilen wurde durch die Mönche in Tagzeitengebete übersetzt, die bis heute praktiziert werden. Die Läutezeiten 9, 12, 15 und 6/18 Uhr ergeben auf  dem Zifferblatt ein Kreuz. Der Tag beginnt um  6 Uhr früh mit dem Laudes (Auferstehung) jeweils Geläut und Gebet, um 9 Uhr  Terz (Aussenden des heiligen Geistes),   12 Uhr Sext (Verurteilung Christi), 15 Uhr Non (Leiden Christi)  und endet um 18 Uhr mit dem Vesper –Läuten und Gebet (Geburt Christi). Das Mittagsläuten hatte seit der Bedrohung Europas durch die Osmanen im 15.Jahrhundert noch eine besondere Bedeutung: Papst Kalixt III. (1378–1458) ordnete per Bulle im Juni  1456 an, dass mittags die Kirchenglocken dazu aufrufen sollten, für einen Sieg der Ungarn über die Osmanen zu beten. Die Osmanen unterlagen tatsächlich am 22.07.1456 bei Belgrad und seitdem hieß das Mittagsläuten im Volksmund „Türkenläuten“. Das morgendliche, mittägliche und abendliche Angelusläuten der katholischen Kirchen in Europa erinnert an die Menschwerdung Christi und ruft die Gläubigen zum „Gebet des Engel des Herrn“.

Dieser Beitrag ist übrigens in Folge meines Besuch der Auftaktveranstaltung zu ECHY (Beitrag vom 02.März 2018 ) entstanden und ich bin froh, mich einmal mit Glocken beschäftigt zu haben. Bei mir um die Ecke in Schmargendorf hat die Kreuzkirche Ende 2017 auch ein neues Glockengeläut bekommen, da eine Glocke vor 9 Jahren abstürzte. Ihr Läuten lädt mich ein, innezuhalten und zu besinnen. Ich liebe ihren Klang und weiß nun dank der Vorbereitung dieses Beitrags auch über ihre Geschichte Bescheid: 1929 wurden die vier Glocken der im expressionistischen Stil erbauten Kreuzkirche geweiht. Den Zweiten Weltkrieg überstanden sie nur, da sie aus Gussstahl und nicht aus Bronze gefertigt waren. Bronzeglocken wurden eingezogen, geschmolzen und zu Waffen weiterverarbeitet.

Übrigens in diesem Zusammenhang ein wichtiger Hinweis: Ein europaweites Glockenläuten wird am  „Internationalen Tag des Friedens“ am 21. September erfolgen,  auch in Erinnerung an das Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

Glocken als Kulturträger verbinden Europa.

Meint mw

Isoldes DVD-Tipp: PORTO

P O R T O

Ein Film von Gabe Klinger. Deutsch & Originalfassung (Englisch, Portugiesisch, Französisch) 2016, Kinostart war der 14. 9. 2017, OmU. 75 Min.

 

Der erste Spielfilm des amerikanisch-brasilianisch Regisseurs Gabe Klinger, ausführender Produzent Jim Jarmusch. Der Schauspieler Anton Yelchin, der den Jake spielt, starb im Juni 2017 an den Folgen eines schweren Autounfalls. Lucie Lukas spielt als Mati ihre erste große Rolle in einem Spielfilm.

In der alten portugiesischen Hafenstadt  PORTO  begegnen sich Jake und Mati und haben eine Affäre, indem sie eine Nacht miteinander verbringen. Von außen betrachtet haben sie keine Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft. Beide sind Außenseiter und Mati will einen anderen Mann heiraten.  Was bleibt ist die Frage nach der Wertigkeit von Begegnungen zwischen Menschen bezogen auf ein ganzes Leben. Was passiert mit uns, wenn wir nicht wissen, was es ist? Und da schafft der Film vor der Kulisse eines mysteriösen Ortes ein atmosphärisch dichtes Bild von Liebe und Vergänglichkeit.

Zu empfehlen  für Menschen, die für außergewöhnliche Orte und Handlungen aufgeschlossen sind.

DVD im Handel erhältlich.

I.A.

 

 

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (4)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg: Die Ballett-Prinzipalin Tatjana Gsovsky“

In den 50er Jahren gab es in Berlin eine alljährlich durchgeführte Veranstaltung von großem künstlerischem Format: Die Berliner Festwochen. Drei Wochen, angefüllt mit nationalen und internationalen Angeboten aus Oper, Theater, Tanz, Konzerten und Vorträgen.

Für uns als Kunststudenten und Insulaner war das “der Blick über den Tellerrand“, kamen doch die besten Ensembles aus der Westlichen Welt zu uns nach Westberlin. Da kam zum Beispiel die Edinburgh Festival Company, die Companie Jaques Fabbri, das Ballet Espanol Ximenez-Vargas Madrid, Jean-Louis Barrault Paris, das New York City Ballet, das Schwarze Theater Prag, Theatre Royal de la Monnaie Bruxelles, Concert-Gebouworkest Amsterdam, Festival String Lucern, Kammerorchester Radiodiffusion-Television Francaise, Philharmonia Hungarica, Ravi Shakar, Burgtheater Wien, Düsseldorfer Schauspielhaus, José Limon + American Dance Company, Ballet-Theatre de Paris de Maurice Bejart, Royal Ballet London, I Virtuosi di Roma, Wiener Philharmoniker, Andrés Segovia  und viele mehr.

Ganz besonders ist mir im Gedächtnis geblieben, dass durch die Eigenproduktionen des Balletts der Deutschen Oper Berlin und die herausragenden internationalen Gastspiele Berlin zu einer Ballettmetropole werden ließen. Und das verdankte man der großen Persönlichkeit Tatjana Gsovsky.

(c) Susanne Enkelmann/ Berliner Festwochen, 1956

Am 18.März 1901 in Moskau geboren, studierte sie erst eimal Kunstgeschichte und Tanz im Studio ihrer Mutter, bei Isadora Duncan und später bei Olga Preobrajenska  sowie Rhythmik in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. In Krasnodar (Südrussland) wurde sie nach der Oktoberrevolution zur Ballettmeisterin ernannt. Dort heiratete sie ihren Kollegen Victor Gsovsky. Beide emigrierten 1924 nach Berlin und führten gemeinsam ab 1928 eine Ballettschule. Von 1945 bis 1951 war sie auch Ballettmeisterin an der Berliner Staatsoper, ging dann für ein Jahr an das Teatro Colón in Buenos Aires und wurde 1953 an die Deutsche Oper Berlin verpflichtet. Als Ballettdirektorin war sie bis 1966 tätig. Gleichzeitig war sie an der Oper Frankfurt.

(c) Susanne Enkelmann/Berliner Festwochen, 1956

Sie war eine schöpferische Choreographin von Vehemenz und einzigartiger Phantasie.  Ihre choreographische Skala war weitgespannt: vom kühlen klassischen Ballett bis zur pantomimischen Groteske, vom kräftig grundierten Tanzdrama bis zur tiefenpsychologischen Studie. Ihr Eigenstes aber war stets die Synthese von Ballett und Ausdruckstanz. Das wurde unter „Berliner Ballett-Stil“ in der internationalen Tanzwelt zum Begriff.

Und was hatte die Gsovsky für Tänzer zur Verfügung: Die Deege, Suse Preisser, Irene Skorik, Janet Sassoon, Ulla Paulsson, die ersten Tänzer Gert Reinholm, Erwin Bredow, Pepe Urbani, Egon Wüst, Jürgen Feindt. Mit ihnen und einer bemerkenswert jungen Company bildete sie das „Berliner Ballett“, das bereits nach einjährigem Bestehen ein Magnet für Tanz-Größen aus aller Welt  wurde.

Am 29. September 1993 starb diese Ballett-Legende und wurde in einem Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt. Eine Tafel an ihrem Haus in der Fasanenstrasse 68 erinnert an sie. In meiner Erinnerung bleiben die großartigen Ballettabende in der Deutschen Oper Berlin.

Prof. Michael Goden

Lauter alte Leute

„Gehst Du zu dieser Geburtstagsfeier?“ fragte ich meine Mutter und hörte, was ich schon erwartet hatte: „Nein, da sind doch nur lauter alte Leute„. Bestimmte Einladungen und Veranstaltungen – Geburtstage, Lesungen, Kaffeeeinladungen  etc. – verweigerte meine damals 70jähre Mutter immer mit dem gleichen Argument. Ich fand dies mit meinen 40 Jahren etwas übertrieben, schließlich fand ich aus meinem Blickwinkel eine 70jährige  –  bei aller Fitness – doch auch der Gruppe „der Alten“ zugehörig.

Nun bin ich in einer Reha  – mit gefühlt „lauter uralten Leuten“. Mit meinen 64 bin ich im Kreise der vielen 70plus Patienten vermutlich eine der Jüngsten.  Und ich gebe zu, meine Mutter hatte Recht. Wenn man alt ist, muss man sich mit jungen oder zumindest jüngeren Menschen umgeben. Mein Blick während des Frühstück, Mittag- und Abendessen ist wie ein Blick in einer Zerrspiegel der Zukunft. Werde ich auch so aussehen, mich so verhalten, so eingeschränkt sein?

Es ist nicht motivierend, seine Altersgruppe hier an diesem Ort zu beobachten – beim Essen, beim Sport, bei Vorträgen und Fragen etc.. Vielleicht denken die anderen genauso von mir, egal, es macht mich nicht fröhlich. Ein Geschwader von Rollstühlen, mit und ohne Motor, Gehhilfen, Stöcke, Rollatoren mit „Knie“ und „Hüfte“, dazwischen ein paar „Kardios“, die ganz gut zu Fuß sind, kommt mir aus dem Restaurant früh, mittags, abends entgegen – ein erschreckendes Bild. Erst wenn ich den einen oder anderen lachen und reden höre, verändert sich das Zerrbild. Nicht so sehr „Kleider machen Leute“, sondern die Sprache, die Gestik und Mimik macht aus der amorphen Gruppe der Greise Individuen entstehen.

Sobald ich kann, gehe ich „an die Luft“ – in einen kleinen Park. Gestern stand da eine Gruppe Jugendlicher – noch nie war ich so beglückt über diesen „Generationswechsel“ – genauso wie es mich fröhlich stimmt, wenn ich die jungen Männer, die hier ihr Freiwilliges soziales Jahr absolvieren, sehe oder das 6 Wochen alte Enkelkind einer Tischnachbarin  vorgestellt bekomme. Wie Recht meine Mutter hatte – „lauter alte Leute“ machen unfröhlich.

Ich gebe zu, dass ich durchaus den Gedanken hegte, eine Alters-WG aufzubauen. Die Überlegung war, dass man vielleicht in einem ähnlichen Alter ein ähnliches Tempo hat – natürlich mit temperamentsbedingten Schwankungen – , dass man zu ähnlich gelassenen Einstellungen im Laufe seines Lebens gekommen ist oder ähnliche Erfahrungen hat und wenn man sich die Altersgenossen sucht, die ähnliche Interesse haben, wäre das vielleicht ein Modell, dachte ich  – bis jetzt.

Blicke ich vom meinem Frühstücksteller im Speisesaal meiner Reha auf, weiß ich, dass ich mehr noch als früher theoretisch ein Befürworter des Mehrgenerationenhauses werde. Und denke, wie gut und sinnvoll doch die „Großfamilie“ war – mit Uroma, Oma, Mutter, Kind -, die uns inzwischen so gänzlich abhanden gekommen ist. Es geht ja nicht nur darum, dass man auch mit Problemen der nachfolgenden Generationen konfrontiert wird und ihre Bedürfnisse damit besser versteht, dass man seinen Kopf fit hält, es geht auch darum, dass man den ganzen Bogen „Leben“ empfindet und nicht nur auf dem Papier von der kommenden Generation spricht. Und wenn ich denke, dass unsere Gesellschaft in 20 -30 Jahren zur Hälfte über 50 Jahre alt sein werden, wird mir ganz anders. Und gar nicht so sehr wegen des „Generationenvertrags“, sondern weil die Alten vorrangig mit Alten konfrontiert werden.

Es gibt Bezirke in Berlin – Friedrichshain, Prenzlauer Berg zum Beispiel – , da wachsen Kinder ohne die ältere Generation auf , sie kennen so gut wie keine alten Menschen , denn Oma und Opa leben weit weg und sind selten zu Besuch. Wie soll ein Kind einen Bezug zum Alter entwickeln, emotional lernen, dass Alter nicht nur schrecklich ist oder Lebenserfahrung wertschätzen,  kurz: was Alter in allen Facetten bedeutet, positiv wie negativ?  Der alltägliche Umgang mit Alter muss gelernt werden, daher gefällt mir die Haltung meiner Mutter immer mehr, die ihr Leben lang versucht, sich mit Menschen jeden Alters zu umgeben.

In diesem Sinne: Bleiben Sie neugierig und bleiben Sie im Gespräch mit allen Altersgruppen!

go

 

 

 

Anno Domini – die Bilderstürmer sind wieder da

Kennen Sie das Spiel Anno Domini? Bei Anno Domini müssen Ereignisse in die richtige zeitliche Abfolge gebracht werden. Die Themengebiete der kleinen Kärtchen sind z.B. Gesundheit, Kirche und Staat, Kunst, Lifestyle, Sex& Crime, Natur oder Erfindungen – alles ist im Angebot. Am besten ist es jedoch, wenn man die Gebiete mischt, dann wird’s  nicht langweilig. Nicht immer kommt es dabei auf exaktes Wissen an, wer gut bluffen kann, hat beste Chancen, seine Karten als Erster loszuwerden und zu gewinnen. Das Ereignis steht auf der Vorderseite, die Lösung auf der Rückseite. Und wer die gelegte zeitliche Reihung  nicht glaubt, darf zweifeln und dann wird die Lösung auf der Rückseite offengelegt.

Am Wochenende spielten wir wieder einmal und dabei gab es eine längere Diskussion über folgende Karte mit der Aufgabe: „Der Papst schlägt eigenhändig mit Hammer und Meißel das steinerne Geschlechtsteil einer jeden Statue im Vatikan ab. Er beschädigt dadurch Hunderte von Meisterwerken  von Michelangelo, Bramante und Bernini„.  Nun muss der Spieler ungefähr wissen, ob dieses  Ereignis z.B. nach oder vor der Karte „Entdeckung Amerikas“ zu legen ist. Gesagt getan, irgendwann wurde die gesamte Reihung angezweifelt und die Karten umgedreht. Die Überraschung war groß: Es stand dort „Papst Pius IX. Pontifikat 1846-1878, Zerstörung der Statuen 1857 “. Der  Papst also, der  1854 das  „Dogma der unbefleckten Empfängnis“ und im Ersten vatikanischen Konzil  1870 die „Lehre der Unfehlbarkeit des Papstes“ verkündet hatte, hatte nichts Wichtigeres zu tun? Bei aller Prüderie des „Biedermeier“ – wir konnten es trotzdem kaum glauben. Also wird „gegoogelt“ und schon rasch stellt sich heraus, dass die Frage auf einer  „Fake news“ beruht, der Autor der Karte des Spiels hatte  sich bei  Dan Browns Roman „„Illuminati“ bedient, der 2009 verfilmt wurde, ohne  die Fakten zu prüfen. In Wahrheit gab es keine Beschädigungen der Skulpturen durch brachiale „Kastration“, sondern die Nacktheit wurde mit Feigenblättern aus Blech überdeckt. Dabei wurden allerdings auch die Beschädigungen der Skulpturen in Kauf genommen, da zum Teil dafür Dübel gesetzt wurden oder die Befestigungsdrähte den wertvollen Stein schädigten. Der hier beschrieben Sachverhalt ist unter „Feigenblattzensur“ bekannt.

Vor 18 Jahren zeigte die Münchner Glyptothek die Ausstellung  „Das Feige(n)blatt“, in der über die Verfahren und Missgeschicke des Verhüllens auf  Grund der Prüderie des 19. Jahrhunderts informiert wurde. Zu Zeit Pius IX. begann man überall in Europa, die Scham der antiken Skulpturen mit Feigenblättern zu bedecken. Mark Twain berichtete  1867 über die  in Florentiner Sammlungen omnipräsenten Feigenblätter „Diese Werke, die jahrhundertelang in unschuldiger Nacktheit dastanden, sind nun alle mit Feigenblättern versehen“. Doch die Versuche, die Aufwertung des nackten und idealen Körpers durch die Renaissance zurückzunehmen, sind älter.  Als 1541 Michelangelo die  Nackten des Jüngsten Gerichts in der Sixtinische Kapelle malte, dauerte es nur 20 Jahre bis sein Schüler Volterra vom Papst beauftragt wurde, die Nacktheit zu übermalen. Johann Joachim Winckelmann berichtete 1759  aus Rom, dass Papst Clemens XIII angeordnet habe, „dem Apollo, dem Laocoon und den übrigen Statuen im Belvedere ein Blech vor den Schwanz“ zu hängen.

Die Berliner Museen sollten die Ausstellungsidee  aus der Münchner Glyptothek rasch aufgreifen,  damit eine öffentliche Diskussion zur Beurteilung von Kunstwerken im historischen Kontext, aber auch im persönlichen  Kontext des Künstlers eröffnet wird. Dabei wäre der Zeitrahmen  von reformatorischen Bilderstürmerei über die Sinnlichkeitsverbote nach der Renaissance über die  diffamierte modernen Kunst im NS-Staat, Maos Kulturrevolution, den  Buddha-Zerstörungen durch die Taliban 2001 bis hin zum heutigen „Biederen Barbarentum“ (siehe unten) zu fassen. Denn die Bilderstürmer und  Sittlichkeitseiferer von heute sind nicht mehr Pol Pot, Mao oder Taliban – nein, die Kunstverächter lehren heute an Hochschulen und Universitäten, beherrschen Studentenvertretungen, leiten das Feuilleton der Zeitschriften oder führen Galerien  und können sich mit Pius IX in Hinsicht auf ihren  „Anspruch der Unfehlbarkeit“ und am bigotten Feigenblatt-Erlass vergleichen lassen. Unter dem selbstgegebenen Auftrag, Sexismus und Rassismus zu bekämpfen, werden Gedichte  übermalt, Bilder abgehangen, Kampagnen gegen vermeintlich oder tatsächlich schuldig gewordene Künstler gefahren, die ohne juristische Prüfung zur Vernichtung ihrer materiellen Existenzen und der Zerstörung von Kunstwerken dieser Künstler führen (Einfach mal so rausschneiden aus dem Film, Stalins Schergen  konnten es nicht besser).  Eine wunderbare Kolumne des Wiener Philosophie und Ethikprofessors Konrad Paul Liessmann  vom 8.2.2018 in der Neuen Züricher Zeitung dazu findet sich hier: https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/biedere-barbaren-ld.1354234

Findet mw