Berlin ab 50…

… und jünger

Eine feste Burg ist unser Gott….

Luther auf der Wartburg – ein Ausstellungsbericht

Wenn Sie sich zu einem „Nationaldenkmal“ und zu einem „Nationalheiligen“ aufmachen wollen, dann besuchen Sie die Wartburg.  Die Sonderausstellung  „Luther und die Deutschen“ können Sie noch bis 5. November 2017 besuchen.

Er steht da oben, fast riesengroß, schwarz, den Hammer drohend schwingend gegen die Burg. Vorher schon, mit dem angeblichen Thesenanschlag in Wittenberg, seiner Standhaftigkeit in Worms, begann sein Mythos, hier aber auf der Wartburg und in Verbindung mit dieser Burg wuchs er zeitweise ins Unermessliche, mythisch verklärt oder aufgeblasen zum Popanz. Auch wenn es den Thesenanschlag wohl so nicht gegeben hat, auf gedruckten Flugblättern verbreiteten sich seine Thesen mit rasanter Geschwindigkeit im Reich.

Anfang August besuche ich die Wartburg, eigentlich die Ausstellung „Luther und die Deutschen“, die noch bis zum 5. November hier gezeigt wird. Ich gehöre zu den ersten Besuchern an diesem Tag. Ab 8:30 Uhr öffnet die Burg ihre Pforten. Eine junge Burgführerin leitet in die Ausstellung ein. Die Ausstellung selbst ist gespickt mit großartigen Zeugnissen der Zeit und des Lutherkultes. Die ständige Ausstellung –  mit Sängersaal, der Galerie der heiligen Elisabeth, dem Festsaal im Stile einer germanischen Königshalle, dem Landgrafenzimmer, dazu noch mit der Ritterhalle oder der Elisabeth-Kemenate mit ihrer überreichen historisierenden Gestaltung nach der byzantinischen Mosaikkunst –  ist harmonisch in das Gesamtkonzept einbezogen.

Breiten Raum nimmt in der Sonderausstellung natürlich die Übersetzungsarbeit Luthers ein. Hier auf der Burg schuf er für seine Übersetzung des Neuen Testamentes aus den ober- und niederdeutschen Dialekten unter Verwendung der sächsischen Kanzleisprache, die überall verstanden wurde, die deutsche Schriftsprache, das Lutherdeutsch, und leistete damit einen immensen Beitrag zur späteren Herausbildung eines deutschen Nationalbewusstseins. Ausgestellte Protokolle zeigen die fortgesetzte Er- und Überarbeitung von Luther und Melanchthon und später noch von anderen, bis 1545 „die Ausgabe aus letzter Hand“ gedruckt vorlag, die die Vorlage für alle künftigen Bibelausgaben darstellte. Die Ausstellung benennt auch die Sprach- und Wortschöpfungen, die nachweislich auf Luther zurückgehen: Denkzettel, Lästermaul, Nächstenliebe oder Mit Blindheit geschlagen sein oder Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, um nur einige zu nennen.

Es war der zentrale Anlass Luthers und der Reformatoren für die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, dass nicht nur Kleriker diese lesen können, sondern auch Laien. Dafür mussten vor allem Letztere auch lesen können. Durch die Reformatoren wurde eine wahre Bildungsoffensive gestartet, gültig auch für Frauen. Auch das Familienleben wurde neu geordnet. Die Ehe galt nun auch für die Pfarrer des neuen Glaubens, dass Zölibat wurde abgeschafft, die „mustergültige“ Institution des Pfarrhauses installiert. Die glaubens-, bildungs-, sozialen und gesellschaftlichen Umwälzungen waren gewaltig.

Aber die Ausstellung zeigt auch die andere Seite Luthers mit eindrucksvollen Dokumenten. Er beanspruchte das Deutungsmonopol über die Bibel und erhob dieses damit zu einem neuen Dogma. Nicht zuletzt ist es diese seine unversöhnliche und kompromisslose Haltung gegenüber anderen Auslegungen, anderen Interpretationen, die nicht nur zu den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken, sondern auch zu Mord und Totschlag zwischen den Protestanten führte.

Auch wenn er wohl später differenzierter dachte, ist seine Haltung zu den drangsalierten Bauern während des Bauernkrieges kein Ruhmesblatt für Luthers Wirken.

Vor dem Hintergrund der Invasion der Türken in Europa in dieser Zeit waren diese Agenten des Teufels, die im Bündnis mit dem Papst als Personifizierung des Antichristen die Endzeit heraufbeschworen.

Unversöhnlich aber wurde sein Hass gegen die Juden. Um 1900 kam es zu einer „Wiederentdeckung“ von Luthers Judenschriften. Was Worte bewirken und anrichten können, zeigt sich dann mit einer schonungslosen Deutlichkeit in den ausgestellten Beispielen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten beriefen sich auf Luther und die Deutschen Christen sahen Luthers Willen von Hitler vollstreckt.

Als ich vor der Bundestagswahl durch Mecklenburg fuhr, sah ich mit Erstaunen, wie die NPD mit Luther Wahlwerbung macht. Luther hat hier etwas gesät, was ihm ewig anhängen wird und das auf fatale Weise nachwirkt. Begrüßenswert ist, dass sich die evangelische Kirche im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum deutlicher als je zuvor von diesem Erbe Luthers distanziert und es aufarbeitet.

Durch die Zeiten wuchs der Mythos Luther. Schon im 16. Jahrhundert wurde der Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg zum realen Ereignis stilisiert und weiter heroisiert. Ideen zur mythischen Überhöhung scheinen unerschöpflich. In der Kapelle im ersten Obergeschoss der Wartburg und von der Kanzel dort hat Luther nie gepredigt. Trotzdem wurden beide nach ihm benannt und auf einem ausgestellten Gemälde predigt er dort im vollen Pfarrersgewand, obwohl er auf der Wartburg wohl durchgängig als Junker Jörg gekleidet war.

Als die deutschen Burschenschaften ihr Wartburgfest begingen, huldigten sie Luther als Freiheitsheld. Dabei propagierte Luther ausschließlich die Glaubensfreiheit, was für seine Zeit schon ungeheuerlich war, ansonsten sollte der Mensch seiner „gottgewollten“ Obrigkeit untertan sein. Das deutsche Kaiserreich feierte ihn dann als Vorkämpfer der Nation und Urbild des Deutschtums. Selbst in der DDR erfuhr Luther zum 500. Geburtstag staatliche Ehre.

Die Ausstellung beschließt ein Blick in die Lutherstube. Im 19. Jahrhundert wurde sie mit Devotionalien angefüllt. Auf den Mythos von Luthers Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel verwies bei meinem Besuch heute ein digitales Lichtspiel als Andeutung dieses Wurfes, welches aufscheint und wieder verlöscht. Ein schönes Bild als Hinweis auf jegliche Mythenbildung.

Nicht gefunden habe ich – oder ich habe ihn übersehen –  den Hinweis auf eine andere Leistung Luthers, mit der er eigentlich der neuen Religion widersprach. Wohl niemand erkannte den Reiter, der sich am 6. März 1522 der Stadt Wittenberg näherte. Schockiert durch die neuen Nachrichten – am 6. Februar war es auch hier zu einem Bildersturm in den Kirchen und Klöstern der Stadt gekommen – hat sich Junker Jörg, um ihn handelt es sich, auf den gefahrvollen Weg von der Wartburg gemacht und schon vom 9. März an hielt er an sechs Tagen je eine Predigt in der Wittenberger Stadtkirche. Darin bezog er Stellung zu den durchgeführten Reformen und wetterte gegen die Entfernung der Bilder. Luther hatte sich schon frühzeitig gegen solche Tendenzen ausgesprochen. Im Gegensatz zu anderen Reformatoren hielt er nicht nur Bibelillustrationen für wichtig, sondern sah in Bildern eine Verkündigungshilfe für die geistliche Botschaft.

Luther leistete Heldenhaftes, aber er taugt nicht zum Helden, er hat von der Liebe, der Gnade und von einer neuen Freiheit gepredigt und all dies verkündigt, aber auch Hass gesät. Er war gnadenlos intolerant.

Gegen Mittag verlasse ich die Ausstellung, die Wartburg hat sich inzwischen gut gefüllt, und mache mich an den Abstieg. Zahlreiche weitere Besucher kommen mir schnaufend den Berg hinauf entgegen. Ich verlaufe mich kurz, finde dann doch meinen Parkplatz und mache mich an dem nahe gelegenen Lutherstammort Möhra vorbei auf den Weg zu meinem Domizil.

Sonst trifft man in diesen Gegenden Thüringens immer wieder auf Goethe. Fast an jedem Ort muss dieser einmal gewesen sein. Jetzt sehe ich, Luther muss auch viel herumgekommen sein. Es ist erstaunlich, wie viel Orte dort mit ihm werben. Nicht nur Goethe auch Luther war schon all hier, der Mythos scheint ungebrochen.

VB

Fotos (c) VB

Musik zum Sehen…

Wir geben den Ton an

 Musik ist etwas zum Hören, oder? Im Kupferstichkabinett Berlin ist es auch etwas zum Sehen. Noch bis 5.11.2017 können Sie dort eine feine, kleine Ausstellung finden: Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse.

– Black listens to Red, piano concerto 3, R. Julius, 1999 –

Amüsant und vielfältig wird das Thema Musik seit Jahrhunderten auf Papier gebannt – das früheste Exponat der Ausstellung datiert von 1210. Im Kabinett werden eine Auswahl der schönsten und kuriosesten Musikbilder aus der Sammlung des Museums von Mantegna bis Kandinsky, von Rembrandt bis Picasso, von Menzel bis Matisse und  bis zu den zeitgenössischen Künstlern wie Wolf Vostell, Arnulf Rainer, Rolf Julius  oder Jorinde Voigt und William Engelen gezeigt.

– Junggesellen-Baum, Unbekannter Künstler, 17.Jh. –

Musiziert wird auf Erden und im Himmel, in Kirchen, in Hauskonzerten, in Wirtshäusern und im Konzertsaal. Es musizieren Solisten, Chöre und Orchester, Könner und Dilettanten, sie spielen von der Kirchenmusik über Opern bis zur Kaffeehausmusik und Jazz alles. Gezeichnet werden große Musiker wie die Mozarts, Paganini oder Beethoven, Dirigenten wie Igor Markevitsch  und natürlich  Musikinstrumente – wie die sinnlich elegante geschwungene Konturen von Streichinstrumenten oder die Idee einer Tischorgel.

Linien, Punkte, Kürzel sind die Grundelemente um unsichtbare Töne als Noten  auf Papier zu bringen. Ton, Stimmung, Klang, Variation, Komposition und Rhythmus sind nicht nur Begriffe in der Musik, sondern auch in der Zeichenkunst und Druckgrafik. Skizzen Studien,  Bilderserien und Entwürfe beschäftigen sich nicht selten mit der Musik,  dem Musiker, dem Komponisten und den Musikinstrumenten.

– Modellstudie von C.P.E.Bach, A.Menzel, um 1852 –

Wie die „Etüde“ dem Musiker gibt die „Studie“ dem Zeichner die Möglichkeit, sich einem Motiv zu nähern, einzelne Teile herauszugreifen auszuprobieren, zu verwerfen und zu üben, bevor sie ins große Ganze eingefügt werden. Schön ist dies an den Skizzen von Adolph Menzel für sein „Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci“ auszumachen – ein Bild, das ich oft gesehen habe und doch erst jetzt bei dieser Ausstellung bewusst wahrgenommen habe, dass Carl Philipp Emanuel Bach am Cembalo sitzt, eben weil … es eine kleine Studie gibt.  Amüsant auch Menzels Zeichnung „Zuhörer im Konzert. Hier und ganz generell ist mir aufgefallen, dass die Erklärungen zu den Bildern knapp und die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die wichtigsten Details lenkt ohne zu didaktisch zu sein. Ein Lob an die Ausstellungsmacher!

Schwelgen Sie in den Bildern und Klängen, genießen Sie die eindrucksvolle Wechselwirkung von Bild- und Tonkunst – es ist ein Vergnügen.

Bleiben Sie neugierig

go

 

Öffnungszeiten des Kupferstichkabinetts im Kulturforum, Mattäikirchplatz , sind  Di – Fr 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr, Mo geschlossen

 

Fotos (c) go

Berlin im Wandel – eine Zeitreise

Machen Sie doch mal eine Zeitreise: Die Erinnerungen eines Zeitzeugen, der heute in Australien lebt,  zur Kreuzberger Postkarte aus den fünfziger Jahren (Beitrag „Eine Postkarte erzählt“, 07.10.2017 https://berlinab50.com/2017/10/07/eine-postkarte-erzaehlt/) und ein weiterer Kommentar  brachten mich auf die Idee, Sie auf eine im Internet verfügbare kostenlose virtuelle Reise in die Vergangenheit Berlins hinzuweisen.

Berlin hat sich durch Gründerboom, Germania-Planungen in der NS-Zeit, den 2. Weltkrieg, dem Nachkriegs-Traum einer autogerechten Stadt, Mauerbau und sozialistischer Vergangenheitsbewältigung durch Abriss  immer wieder verändert. Der Flaneur durch Berlin hat vielleicht historische Bilder im Kopf, kann sie aber vor Ort nicht unterbringen. Es gibt unzählige  Fotos im Internet aus den unterschiedlichen Zeiträumen, die allerdings oft schwer zuordenbar sind, da sich Straßenverläufe und Plätze verändert haben und Gebäude nicht mehr existieren. Da gibt es ab sofort Abhilfe!

Das wunderbare Projekt von Alexander Darda (http://zeitreisen-berlin.de/) zeigt ausgewählte topografische Orte in Berlin in den  Jahre 1846,1999, 1914, 1939, 1945, 1954 und  1968. Es gibt auch eine lesbare Version für das Smartphone, so dass man sich auf den Weg in die Stadt machen und sich an bestimmten Orten die unterschiedlichen Situationen zu den genannten Jahren vor Ort anschauen kann.

Piktogramme zeigen, was bei Öffnung des Links zu sehen ist. So steht ein Punkt für Frontalansichten oder Innenansichten einzelner Gebäude, ein Flugzeug für ein Luftbild und ein Dreieck  mit blauem Punkt einen Panoramablicke mit Standort. Die Abbildungen sind in der Darstellung metergenau verortet.

Das Projekt wird von dem Berliner Stadtführer und Webdesigner Alexander Darda  ehrenamtlich betrieben und  laufend ergänzt. Wie erwähnt, ist die Nutzung kostenfrei.

Öffentliche und private Archive  haben dankenswerter Weise Bildmaterial beigesteuert, so dass eine aufregende Zeitreise möglich ist. Die Quellen der Bilder erscheinen über den Fotos als eigene grafische benutzeroberflächen („pop-ups“), über die man auch mehr über die Bild-Motive erfahren kann. Einige Beispiele sind hier gezeigt. Ebenso sind direkte Vergleiche historischer Ansichten mit aktuellen Fotos des gleichen Ortes für (leider bisher nur wenige) Gebäude in Mitte  unter einem Extra-Button zu finden, so z.B. für die US-Botschaft 1930 am Pariser Platz und heute.

Insgesamt eine großartige Fundgrube für alle, die mehr wissen wollen über Berliner-Plätze, Baulücken und Stadtstruktur im Wandel der Zeiten.

Meint mw

 

 

 

Isoldes Filmtipp: DANIEL HOPE – Der Klang des Lebens

DANIEL HOPE – DER KLANG DES LEBEN

Dokumentarfilm von Nahuel Lopez. Deutschland/Schweiz 2017, 104 Min./ OmU.

Kinostart am 19. Oktober 2017

 

Daniel Hope wurde 1973 in Südafrika geboren. Seine Eltern verließen 1975 der Apartheid wegen das Land und wanderten über Frankreich nach England aus, wo sie in London in unmittelbarer Nähe von Yehudin Menuhins Wohnort ihr neues Domizil fanden. Die Mutter wurde dann die Sekretärin von Yehudin Menuhin und ein fast märchenhaft anmutender Aufstieg begann als der vierjährige Daniel durch vor allem Menuhins Inspiration und seiner Beschäftigung mit der Violine zum heute vielfältigsten und bedeutendsten Geiger seiner Generation aufstieg.

In England studierte er am Royal College of Music und wurde 2002 jüngstes Mitglied des legendären Beaux Arts Trios. Heute lebt Daniel Hope in Berlin, ist Music Director des Zürcher renommierten Kammerorchesters, und moderiert wöchentlich die Autorensendungen WDR3 ‚persönlich mit Daniel Hope‘ –  sein Konzert am 17.12. in der Alten Oper in Frankfurt,“Vivaldi Recomposed“, ist bereits ausverkauft.

Das Buch“Familienstücke“, das er zusammen mit der Berlinerin Susanne Schädlich schrieb, wurde zu einem autobiografischen Dokument, in dem er nach seinen jüdischen Wurzeln und sich selbst sucht – man kann es zugleich auch als Vorlage zu dem Film verstehen.

Der Regisseurs Nahuel Lopez, dessen Eltern auch ihr Geburtsland Chile wegen politischer Umstände verlassen mussten, traf sich mit Daniel Hope in Berlin.  Angelehnt an dessen gerade erschienenen Albums „Escape to Paradise“, auf  dem er sich mit dem Thema Exil und Musik beschäftigt und dem Phänomen nachgeht, was Exil mit den Menschen, mit der Gesellschaft und letztlich mit der Kunst macht, erzählt Lopez in seinem Film die Geschichte einer Heimatsuche und Identitätsfindung, von der Flucht bis hin zu einem großen Happy End. „Man versucht wegzukommen und  e s  holt einen wieder ein“, sagt Daniel Hope an einer Stelle im Film –  und somit ist ein fast universell zu nennender, spannender Film entstanden.

Unbedingt ansehen!

I.A.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das schlechte Gewissen….

Seit einigen Monaten bin ich nun „im Ruhestand“. Ich war gut vorbereitet, dachte ich. Ich wusste, was ich alles tun will, freute mich sehr auf den neuen Lebensabschnitt. Auf viel Zeit, nur für mich. Schließlich brachte meine freiberufliche Tätigkeit ein  „Immer bereit sein“ mit sich. Diese ununterbrochene Anspannung war natürlich nervenaufreibend, auch wenn mein Beruf mir (meistens)  großer Freude bereitet hat.

Dann war er da, der Rentenbeginn … ungläubig fast feierte ich den „ersten Tag“.

Aller beruflichen Bürden ledig schmiss ich mich also auf neue Aktivitäten. Als erstes habe ich meine Wohnung halbwegs auf den Kopf gestellt – was wohl viele frische Rentner tun, wie ich inzwischen erfahren habe. Meine Tage waren ausfüllt:  Fußboden und Küche neu,  Wohnzimmer gemalert – Gespräche mit Handwerkern. Dann das Arbeitszimmer:  PC überholt, Bücher und Arbeitsmaterial weggeworfen, Umgestaltung überlegt.  Eine kleine Pause. Und da kam es schon um die Ecke, mein schlechtes Gewissen….

Es begann mit dem Wegwerfen der beruflichen Papiere. Zweifel, Fragen, Erinnerungen kamen hoch, nicht immer angenehme. Trotz allem, ich habe wie geplant radikal weggeworfen. Tonnenweise landete Altpapier und alte VHS-Kassetten im Wertstoffhof.  Einigermaßen zufrieden  habe ich mir gesagt, so, nun darfst du aber auch eine Pause einlegen. Nach einer halben Stunde  Zeitunglesen, kam es, mein altes, gut bekanntes schlechtes Gewissen, das mich immer angetrieben hat, etwas zu tun.

Ich musste mir bewusst vorsagen, du darfst ab jetzt, ohne schlechtes  Gewissen.  Aber so einfach lässt sich, wie Sie sicher auch wissen, ein schlechtes Gewissen nicht vertreiben. Es begleitete mich offen und verdeckt, es ist ein zäher Geselle, ihn zu bekämpfen bedeutet Arbeit (Gottseidank, schon wieder „Arbeit“).  Ich empfand es schwierig, nach 45 Arbeitsjahren, die ich immer viel und gerne gearbeitet habe – Abendabitur, Studium plus Arbeit, einen aufreibenden, zeitintensiven Job, Selbständigkeit -,  mich plötzlich „in den Ruhestand“ zu begeben. „Ruhe“ gab’s bis dato ein paar Tage im Jahr, als „wohlverdienten“ Urlaub. Aber nun darf ich „Ruhe“ geben – ohne sie mir „wohlzuverdienen“. Theoretisch einfach, praktisch nicht ganz so.

Und es geht gar nicht darum, die Stunden meines Tages zu füllen.  Es ist nicht das Problem, mit der Zeit etwas anzufangen  – im Gegenteil.  Meine Interessen sind vielfältig und ich habe bereits  viele Pläne gemacht. Nein, es geht um die innere Haltung. Die Überlegungen, eine Aufgabe zu haben, eine Bestätigung zu finden, nicht in eine Schwarzes Loch fallen usw. –  sie alle waren ins Kalkül gezogen. Aber meine „Falle“  war eine ganz andere:

Lesen, Lesen, Lesen – war eines meiner erklärten Ziele.  Es liegen inzwischen Bücher hochgetürmt in meinem Arbeitszimmer und warten aufs Lesen.  ABER, Lesen gehörte für mich bis dato zur „Arbeit“.  Nun habe ich aber diesen Arbeitsabschnitt ad acta gelegt, also ist Lesen nun zum „reinen Vergnügen“ geworden. In meinem bisherigen Leben gab es dies aber bisher selten. Bücher gehörten Zeit meines Lebens zur Arbeit:  Nicht nur in der  Schule und im Studium, sondern auch im Beruf. Und ich zumindest lese ganz anders, wenn ich zielgerichtet lesen muss oder „einfach so“.  Ich brauche also eine neue  Herangehensweise, die trainiert werden muss. Jahrzehntelang war ich auf Arbeit geeicht, tagein tagaus,  tagtäglich –  und kannte das Nichtstun, die Langsamkeit, die Geruhsamkeit kaum, und schon gar nicht mit einem Buch in der Hand.

Auf dies  hat mich aber erst mein schlechtes Gewissen gebracht. Ich muss mich also in einen anderen Modus bringen. Durchbrechen konnte ich dies tatsächlich erst durch eine Reise –  Abstand von zuhause, durch das Gewinnen neuer Eindrücke, durch ausgefüllte Tage mit Wandern, Lesen und Genießen – und dem Lesen von Lion Feuchtwangers Roman „Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch“.  Vor Ort, im Land der Margarete von Tirol (die vermutlich gar nicht so hässlich war) konnte ich lesen – ohne an Arbeit zu denken. Was für ein wunderbares Gefühl! Ich werde versuche, es mir zu bewahren…

Fazit: Auch „Ruhestand“ muss gelernt werden – und ein schlechtes Gewissen hat immer auch sein Gutes.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen oder ganz andere, mich würde es interessieren.

Vor allem aber, bleiben Sie neugierig
go

Gratulation – und die Kinder von Tschernobyl

Ich gehöre zu einer Gruppe, der Christen und Nichtchristen, vom Schüler bis zum Rentner, Menschen aus den verschiedensten Berufen angehören, die seit 1990 jedes Jahr Kinder aus der nach dem Supergau von Tschernobyl verstrahlten Region um die weißrussische Stadt Gomel zu einem mehrwöchigen Erholungsaufenthalt nach Deutschland holen. Realisiert und finanziert wird alles über ehrenamtliche Arbeit und Spenden.

Wie in jedem Jahr hatten wir auch in diesem Jahr an einem Samstag Mitte August unsere Spender zu einem „Tag der offenen Tür“ in unser Camp in Hirschluch/Land Brandenburg eingeladen. Die Kinder führten ein in den Tagen vorher einstudiertes Programm auf. Eigentlich sollen es gesunde Kinder aus Familien mit behinderten Kindern sein, die zu uns kommen, damit sich ihr Immunsystem in den wenigen Wochen in unverstrahlter Umgebung bei unverstrahltem Essen erholen und stabilisieren kann. Trotzdem haben auch viele dieser „eigentlich gesunden“ Kinder gesundheitliche Probleme, sind in der Entwicklung zurückgeblieben, spastische Erkrankungen nehmen zu. Und gerade deshalb ist es immer wieder berührend zu sehen, welche Talente in den Kindern schlummern. Sie bekamen tosenden Applaus.

Nach dem Programm hatten wir eine Ärztin zu einem Vortrag über die Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl eingeladen. Frau Dr. Dörte Siedentopf berichtete über die Spätfolgen der verschiedenen freigesetzten Isotope, was Plutonium, Jod, Strontium oder Cäsium auch nach ihren Halbwertzeiten noch bewirken, wie Letzteres in der Placenta der Frauen eingelagert wird und was das für die dann geborenen Kinder bedeutet. Vieles davon können wir an unseren Gastkindern sehen.

Leidenschaftlich berichtet diese Ärztin dann noch über ihr Engagement gegen einen anderen Einsatz von Atom. Sie gehört nicht nur zu einer ähnlichen Gruppe wie die unsere, sie arbeitet auch bei „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW)“ mit. Zum Schluss fragte sie in die Runde:  Wussten Sie es?

Und sie gab die Antwort gleich selbst:  Am 7. Juli haben 122 Staaten einem Vertrag über ein Verbot von Atomwaffen zugestimmt.  Unter der Führung der österreichischen Regierung entstand die diplomatische Initiative „Humanitäre Selbstverpflichtung“ für eine Verbotsinitiative der UNO. Damit akzeptiert die internationale Gemeinschaft nicht länger den Sonderstatus der Atommächte. Das zukünftig völkerrechtlich verbindende Abkommen verbietet neben der Herstellung, dem Einsatz, dem Besitz von Atomwaffen auch die Androhung ihres Einsatzes und die Stationierung in anderen Staaten. Die Niederlande enthielt sich und Singapur stimmte dagegen. Die Atommächte hatten an den Verhandlungen nicht teilgenommen. „Wir haben nicht vor, den Vertrag zu unterschreiben, zu ratifizieren oder Teil davon zu werden“, erklärten die Atommächte Frankreich, Großbritannien und USA.

(c) VB

Wussten Sie es?  
Deutschland hat als NATO-Mitglied in der UN gegen ein Atomwaffenverbot gestimmt und nahm noch nicht einmal an den Verhandlungen teil, da die nukleare Abschreckung zur Strategie des Bündnisses gehört.

Wussten Sie es?
85 % der BundesbürgerInnen sind für den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland, 93 % befürworten ein Verbot.

Wussten Sie es?
1.800 Atomwaffen sind noch immer in Alarmbereitschaft und die Atomwaffen in Deutschland werden aktuell aufgerüstet.

Ich hatte nichts in meiner Tageszeitung gelesen, nichts in anderen Medien gelesen, gesehen oder gehört.
Das ist jetzt anders. Die Organisation, die diese Vertragsbewegung wesentlich initiiert hat – ICAN – hat jetzt den diesjährigen Friedensnobelpreis bekommen. ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) ist ein Bündnis aus etwa 450 Organisationen und Friedensgruppen. Dr. Ron McCoy, ein malaysischer Arzt und Vorsitzender des IPPNW, zu der auch unsere Referentin gehört, hatte zuerst die Idee für eine internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen.

Wenn auch Sie und viele andere, wie auch ich, bisher nichts von dieser UN-Initiative wussten, dann dürfte das jetzt anders sein. Außer ICAN für den Erhalt des Friedensnobelpreises muss man auch dem Nobelpreiskomitee für diese Wahl gratulieren.
Mit diesem Preis wächst der Druck auf die bisherigen Vertragsverweigerer und damit auch auf die zukünftige neue Bundesregierung.

Zurück zu unserem „Tag der offenen Tür: Unsere Kinder spielen an diesem Tag ihr Spiel zu Ende, tanzen und singen mit Hingabe. Zum Schluss schallt uns ihr lautes Спасибо (Danke) entgegen.

„Zuerst fühlen die Menschen das Notwendige, dann achten sie auf das Nützliche, darauf bemerken sie das Bequeme, weiterhin erfreuen sie sich an dem Gefälligen, später verdirbt sie der Luxus, schließlich werden sie toll und zerstören die Erde.“

– sagte 1725 Giambattista Vico (gefunden in: Roger Willemsen, Wer wir waren, Fischer Verlag Frankfurt/Main, 2016).

Liebe Leser, weitere Informationen finden Sie unter www.ippnw.de  und www.aktionskreis-kinder-von-tschernobyl.de.

Informieren Sie sich –  wünscht sich VB

Fotos (c) Aktionskreis „Kinder von Tschernobyl“

Empfehlung fürs nächste Jahr

Schön war‘ s   – der 10. Kultour-Rundgang in Friedenau!

Falls Sie nicht dabei waren und die Südwestpassage noch gar nicht kennen, ich kann  Ihnen nur empfehlen, einen Besuch im nächsten Jahr einzuplanen. Es ist ein besonderes Flair, dem man sich nur unschwer entziehen kann.

70 Ateliers, 70 mal Vielfalt, 70 mal Friedenau. Mit Hilfe der informativ gestalteten Broschüre kann man sich einen Rundgang selbst zusammenstellen –  nach Lage, nach Künstlern,  nach Material etc. – und sich so einen kleinen Eindruck der Kreativen Szene in Friedenau verschaffen. Da ich nicht viel Zeit hatte, habe ich nur ungefähr 10 Ateliers am Samstag Nachmittag besucht  – und finde es neben den künstlerischen Aussagen und Ansprüchen  immer wieder spannend, zu sehen,  wo die Ateliers liegen – in großen oder kleinen Wohnungen, in Kellern, Treppenhäusern oder in Souterrains.

Bei aller Vielfalt und Unvergleichbarkeit  fiel mir,  zumindest bei den von mir besuchten, ein gemeinsamer Nenner auf:  Die therapeutische Kraft, die dem kreativen Prozeß zugeschrieben wird, scheint schier unerschöpflich. Neben den Objekten der Künstler selbst begegneten mir unzählige Angebote für Malkurse, Skulpturseminare, Farb-Aufstellungen, Holz- und Ton-Workshops  – mit und ohne therapeutischen Ansatz, mit und ohne Esoterik. Es gibt sie für Kinder, Jugendliche, Flüchtlinge, SeniorenInnen, für Montagsmaler, Familien, Frauen, Traumatisierte und und und….

Überrascht war ich über die vielen  Besucher, die  trotz Regenwetters mit fröhlichen Gesichtern durch die Friedenauer Strassen zogen, von einem Atelier  zum nächsten Künstler.

Bis zum nächsten Jahr!  Ihre go

Eine Postkarte erzählt

Durch Zufall fiel mir diese Postkarte  aus der Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts  in die Hände und ein älterer  Herr und Zeitzeuge machte mich auf die Dinge aufmerksam, die man nur sieht, wenn man sie weiß. Ich war beeindruckt  und erzähle es Ihnen gern weiter:

Die Postkarte zeigt den Blick vom Mehringdamm in die Yorckstraße  in Kreuzberg 1955. Seit 1864 gab es hier die Belle-Alliance-Straße (Schlacht bei Waterloo 1815, Belle Alliance war der Name eines Gasthofs und das Hauptquartier der Preußen und wurde synonym für Waterloo benutzt), die 1946 zum Mehringdamm (nach dem Schriftsteller und SPD-, später KPD- Mitglied Franz Mehring) umbenannt wurde. Kreuzberg lag im  amerikanischen Sektor. Das Rathaus rechts in der Yorckstraße ist einer der ersten Neubauten West-Berlins. Das zehngeschossige Gebäude aus den Jahren 1950/1951 von Willy Kreuer ist ein typischer Nachkriegsbau mit schlichter Fassadengestaltung. Die 2017 leider geschlossene Kantine im 10.Stock war legendär. Kreuer war ein Architekt der Nachkriegsmoderne, dem Berlin außerdem die Amerika-Gedenkbibliothek (gemeinsam mit Fritz Bornemann), die Bibliothek im Hauptgebäude der TU  und das ADAC –Haus in der Bundesallee verdankt.

Der Bus Nr. 19 im Vordergrund stammt aus der ersten Doppelstockserie nach dem Krieg mit „Unterflurmotor“ statt Motorhaube und ist von  Büssing (Braunschweig), Modell D2U.  Leider konnte ich seine Route nicht recherchieren, vielleicht fuhr er wie der heutigen M19? Das Modell D2U wurde  ein  regelrechtes »Markenzeichen« der Inselstadt West-Berlin und ist auf vielen Postkarten aus dieser Zeit zu sehen. Er hatte drei Türen sowie einen Schaffnerplatz im Heck. In Ost-Berlin  fuhren damals  die Do 56 Doppeldeckerbusse mit „Schnauze“ aus dem sächsischen Werdau.

Das Taxi ist  ein Mercedes Typ 170 V mit Dieselantrieb, der 1937 auf dem Markt kam und auch nach dem 2. Weltkrieg bis  1953 unverändert   weitergebaut wurde. Erst 1953  wurde dieses Modell durch den völlig neu konstruierten W 120 abgelöst.

Links vorn steht  ein Tempo 400 (Vidal & Co. Harburg, Zweizylinder-Zweitakt mit 400 Kubikzentimeter und  12 PS; kostete damals 3300 DM)  und dahinter ein Goliath G750, 13 – 14 PS von Borgward Bremen mit Hinterachs-Kardan. Beide waren die gängigsten, weil billigsten Fuhrwerke für den Kleingewerbetreibenden und fielen in der Rechtskurve gern um. Vor dem 2. Weltkrieg durften Kraftfahrzeuge mit weniger als vier Rädern und einem Hubraum von unter als 200 Kubikzentimetern ohne Führerschein gefahren werden und waren steuerfrei. Sie waren daher sehr beliebt. Hier ist der Hubraum höher, ob auch zu dieser Zeit ohne Führerschein gefahren werden durfte, war meinem Zeitzeugen nicht bekannt. Beide Firmen gibt es seit den 60iger Jahren nicht mehr.

Im Vordergrund der Wegweiser mit Orten, die zum Teil nicht mehr im Nachkriegsdeutschland lagen.  Ein weiterer (für Reichsstraße 1) mit Kilometerangaben nach Königsberg und Danzig ist nicht zu sehen, weil er in Fahrtrichtung dahinter steht. Er war für die „Machthaber in Pankow“ in der „SBZ“ stets Beweis für den westdeutschen Revanchismus in Westberlin. Heute steht  er der Revanchismus? im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Alle Herren- und es sind nur Herren zu sehen- tragen einen Hut. Im Vordergrund die Herren in klassischer Ausstattung mit Popeline-Regenmantel und flacher Aktentasche (für Stullen und Zeitung), die auf dem Weg ins Büro sind. Oder warten sie auf die Straßenbahn Nr. 3., die,  die von der Osloer Straße über die Yorckstraße Richtung Neukölln/ Hermannplatz  fuhr?

Auf der linken Seite ist vorn in der Häuserzeile ein Stück der  1907 im neugotischen Stil erbauten katholische St. Bonifatius Pfarrkirche (Vorderhausfassade) zu sehen. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört, brannte aber vollständig aus und wurde schon 1946 wieder genutzt. Katholische Kirchen durften in der Kaiserzeit in Berlin nie freistehend gebaut werden, dieses Privileg war der evangelischen Staatskirche vorbehalten. Übrigens eine Folge des „Kulturkampfs“ unter Bismarck.  Dahinter die Türmchen gehören zu einem Wohnhaus neben Riemer´s Hofgarten.

Wie hier aufgezeigt, ist der  Goethe zugeschriebe Satz: „Man sieht nur, was man weiß“, keine leere Floskel. Dinge fallen uns auf, sobald wir Hintergrundwissen darüber haben und es anwenden können.

Das zweite Bild ist der Zustand im Juli 2017. Schauen Sie auch hier genauer  hin.

Meint mw

Fotos (c) mw

Südwestpassage – ein Kultour-Tipp

Liebe Kunstfreunde,

am kommenden Wochenende, dem 7. und 8. Oktober 2017, findet zum zehnten Mal die Südwestpassage Kultour statt.

In 70 Ateliers bietet sich die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen der Friedenauer Kunstszene zu werfen und mit den Künstlern in Kontakt zu kommen.
In der Zentrale der PSD-Bank am Renée-Sintenis-Platz werden Sie mit einem Glas Sekt begrüßt und finden dort einen Katalog samt Übersichtsplan, nach dem Sie Ihren Rundgang individuell gestalten können.

Natürlich würde ich mich freuen, wenn Sie dabei auch in meinem Atelier in der Wilhelmshöher Straße 2 (Katalognr. 63) vorbeischauen würden. Hier erfahren Sie etwas über Charakterköpfe und das Holz, aus dem sie geschnitzt sind. Skulpturen aus Olivenholz, Eiche, Kirsche oder Ahorn, jedes Holz ist anders und ent wickelt in der Bearbeitung seine eigene Schönheit und Individualität. Eine Holzskulptur ist nie reproduzierbar, denn jedes Stück ist ein Kompromiss, den der Künstler mit dem Holz eingehen muss. Ich lade Sie herzlich ein zum gedankenvollen Betrachten und haptischen Erleben, denn das Berühren der Werke ist ausdrücklich erlaubt.

Außerdem empfehle ich eine geführte Tour durch ausgewählte  Ateliers mit einer der Kunsthistorikerinnen und empfehle dafür aus eigener Erfahrung Andrea Schraepler, die das mit besonderem Engagement, Humor und Kunstgespür bewerkstelligt.

Die Öffnungszeiten:  Samstag, 7.10., von 15 – 21 Uhr und  Sonntag, 8.10., von 13 – 19 Uhr.  Alles Weitere finden Sie im Online-Katalog unter www.suedwestpassage.com

Wir sehen uns!
Peter Birkholz

Fotos (c) mw

 

Ein fürstliches Erlebnis

Da ich mich ja – wie Sie sich vielleicht erinnern – in meiner neuen freien Zeit mit interessanten Biografien beschäftigen will, habe ich mir die Empfehlung von mw  in „Konkurrenz unter Gartenkünstlern“ vom 21.Juli 2017  https://berlinab50.com/2017/07/21/knickern-aber-darf-man-gar-nicht  zu Herzen genommen und nicht nur den „Grünen Fürsten“* gelesen, sondern habe mich auch auf den Weg nach Schloss Branitz gemacht.

Der Stamm- und Alterssitz des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau ist bezaubernd.  Branitz, nur ein Sechstel so groß wie Schloss Muskau, ist es ein geradezu gemütliches Schloss – mit Bibliothek, Orientalischem Raum, Römischen Bad und natürlich ein paar Zimmer für königliche Besucher.

Lange wartete der Fürst auf einen Besuch von Königin Augusta, dann kam sie an einem Julitag im Jahre 1864, wenn auch nur für einen Tag. Die Frau von König Wilhelm I. war von Branitz begeistert und  der greise Pückler war sehr zufrieden: „Die Königin selbst sah ich nie froher und zufriedener, voll all ihrer eigenthümlichen  Grazie, und wie um zehn Jahre verjüngt“. Eine kleine Ausstellung „Augusta – die  Königin zu Gast in Branitz“ ist noch bis 31.Oktober 2017 in den oben Räumen des Schlosses zu sehen.

Die Terrasse rund um das Schloss ist auf Initiative von Lucie von Pückler-Muskau, der geschiedenen Frau des Fürsten, angelegt worden und wertet das Gebäude enorm auf. Sie ist sozusagen das Vorzimmer des Pleasure Grounds, das Garten-Zimmer.

Der Fürst verkaufte nach vielen emotionalen Wehen 1845 das überschuldete Schloss Muskau, um endlich mal ohne Geldnöte zu sein. Er nahm seinen Sitz auf  Schloss Branitz, das sich in einem ziemlich desolaten Zustand befand. Die Umbauarbeiten leitete nach anfänglichem Zögern Gottfried Semper und er machte im Laufe der Jahre in Schmuckstück im Tudorstil daraus. Mindestens so dringlich war für den grünen Fürsten die Parkanlage. Aus einer flachen, nur von alten Obstbäumen bestandenen Gegend wird der 60jährige Pückler –  noch einmal ganz vor vorne anfangend –  eine der schönsten Gartenanlagen im englischen Stil auf dem Kontinent zaubern. Seine Park-Vorstellungen umzusetzen verschlang allerdings wiederum eine enorme Summe seines Geldes, so dass ihn bis zum Ende seines Lebens Geldsorgen nicht losließen. Das gärtnerische Meisterwerk begreift der heutige Besucher erst, wenn man er es mit der  Niederlausitzer Landschaft vergleicht, die platt und eben ist, und bedenkt, dass damals der Blick vom Schloss auf die qualmenden Fabrikschlote des Industriestädtchens Cottbus fiel.  Für Pückler unerträglich. So lässt er Seen ausheben – wie den Schlangensee, Pyramidensee,  Schlosssee und den Schwarzen See, „Berge“ aufschütten – unter anderem die Mondberge, die Schilfberge mit Heiligem Berg und den Hermannsberg, der mit 15 Metern die höchste Erhebung des Parks ist, etwa 300 000 Bäume, zum Teil 50 Jahre alte Bäume setzen  und als Krönung 1862 eine Land- und eine Seepyramide errichten. Die Landvariante hat er Lucie zugedacht, die allerdings nach ihrem Tod 1854 auf dem Branitzer Dorffriedhof beigesetzt wurde. Für sich selbst hat er  – wie um die Voraussage einer Wahrsagerin zu erfüllen – ein Grabmal von Wasser umgeben anlegen lassen, eine ägyptische Pyramide im See. 1871 wird er dort beigesetzt, Graf Heinrich von Pückler, sein Erbe,  ließ Lucie einige Jahre später ebenfalls dort beisetzen.

Da der äußere Teil ein Volkspark, also für jedermann zugänglich war, wurde quasi als Sichtschutz eine „italienische Mauer“ zum öffentlichen Park hin gebaut. Dekorieren ließ er sie  mit Terrakotta-Reliefs des damals berühmtesten Bildhauers Bertel Thorvaldsen, den er 1808 in Rom kennengelernt hat. Zum Flanieren wurde eine wunderschöne Pergola angelegt und mit Skulpturen aus der griechischen Mythologie bestückt. Für Pücklers Gäste, die hier lustwandelten, waren all die Geschichte der Tonbilder und Figuren  mit den Themen von Liebe, Melancholie und Vergänglichkeit allgegenwärtig und so entstand ein „erotisch-vanitatisches“ Kabinett.

Neben einer Art Gedenkraum im ersten Stock für seine abessinische junge Geliebte Machbuba, die in Muskau begraben liegt,  findet man in Sichtweite des Schlosses auch das Grab seiner arabischen Lieblingsstute  “ Hier ruht Adschameh – meine vortreffliche arabische Stute, brav, schön und klug“.

Der Park ist eine herrliche grüne Lunge, ein schön angelegter Garten und auf seine Art ein Märchenbuch – denn auf Schritt und Tritt begegnen dem Besucher eigenwillige, bizarre oder rührende Geschichten aus dem Leben Pücklers – genauso wie der exaltierte „grüne Fürst“ vermutlich war.

Eine Reise  – ca. 130 km von Berlin entfernt – ist er allemal wert.

Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich!
go

Fotos (c) go

* Heinz Ohff, DER GRÜNE FÜRST  – Das abenteuerliche Leben des Hermann Fürst-Pückler, Piper Verlag,  2000, 9.Auflage