Berlin ab 50…

… und jünger

Ist Sprache eine Waffe?

Veranstaltungstipp:  „Salon Sophie Charlotte 2018“ | 20.01.2018 18:00 Uhr – 24:00 Uhr

„Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.“ schreibt Kurt Tucholsky alias Peter Panter 1929 in einer seiner berühmten Glossen. Können Worte wirklich die Welt verändern – dieser Frage können Sie im  „Salon Sophie Charlotte 2018“  am 20.01.2018, 18:00 – 24 Uhr,  im Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, 10117 Berlin, nachgehen. Der Eintritt ist frei, auch eine  Anmeldung ist nicht erforderlich. Sie können sich also noch ganz spontan entschließen.

Sophie Charlotte war die zweite Ehefrau  Friedrichs I. und die erste Königin in Preußen, sie war die Großmutter Friedrichs des Großen und eine gebildete Frau.  Im Gegensatz zu ihrem Mann liebte sie den klugen Gedankenaustausch, Musik und Tanz. Mit dem Philosophen  Gottfried Wilhelm Leibniz pflegte sie seit 1697 eine freundschaftliche Beziehung, im Park von Schloss Charlottenburg (um 1700 noch Lützenburg oder Lietzenburg) unternahmen sie gemeinsam ausgedehnte „philosophische Spaziergänge“ und  ein paar Jahre später machte Sophie Charlotte ihn zum Präsidenten der Berliner Akademie der Wissenschaften. Genauso war sie aber auch den barocken Vergnügungen und schöngeistigen Dingen aufgeschlossen und vererbte ihr beachtliches musikalisches Talent vielen ihrer Nachfahren.  Der „Salon Sophie Charlotte“ sieht sich ganz in der Tradition der „Philosophin auf dem Fürstenthron“.

Der Abend ist dem Nachdenken über die Wirkung von Sprache, über unsere Sprache als Instrument gewidmet. Sprache verändert sich, Sprachen sterben aus, digitale Sprachassistenten revolutionieren unser Leben. Sprache lässt uns träumen, sie dient der Bewusstwerdung, der Verständigung, wir erschaffen mit ihr Utopien ebenso wie Poesie. Sie zeigt uns Möglichkeiten und Grenzen auf und manchmal ist sie auch eine Waffe.

Das Akademiegebäude am Gendarmenmarkt wird an diesem Abend von der 1. bis zur 5. Etage mit künstlerisch-wissenschaftlichen Beiträgen bespielt. In Lichtinstallationen der Beuth Hochschule für Technik Berlin wird „Die Schönheit der Sprache“ inszeniert, das „Digitale Wörterbuch“ fordert zum Spiel mit Sprache auf und die Schauspielerin Kathrin Angerer liest Tucholskys „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.“ – um nur einige zu nennen.

(c) Judith Affolter

Hier auf der website http://www.bbaw.de/ können Sie das gesamte Programm. Rund 100 Sprach-Experten, Wissenschaftler und Künstler gestalten diesen Abend: Von der  Nobelpreisträgerin Herta Müller bis hin zum Poetry-Slammer Bas Böttcher. Die Bandbreite ist enorm: Wie kommunizieren Tiere oder  „Muss Recht verständlich sein“, „Politische Pöbeleien von Luther bis Trump“ sind ebenso Thema wie die Sprache des Koran, Goethes erotische Sprache oder das radikale Zwiegespräch zwischen Dichter und Computer in der Code Poetry. Es geht um die Sprache der Gene und der Formeln genauso wie um die Sprache der Bilder und der Düfte. Die Veranstaltung wird teilweise simultan in Gebärdensprache übersetzt.

(c) Judith Affolter

Meiner Erfahrung nach ist der Andrang groß. Es lohnt sich also, sich rechtzeitig in der Akademie einzufinden und sich vorher schon ein paar Gedanken zu machen, welche Veranstaltungen  sie besuchen möchten. Selbstverständlich ist auch für das leibliche Wohl gesorgt.

Noch ein Hinweis des Veranstalters:  Während der Veranstaltung werden Foto- und Filmaufnahmen gemacht, die potentiell für Zwecke der allgemeinen Öffentlichkeitsarbeit in verschiedenen Medien publiziert werden.  Und: Bitte kommen Sie ohne große Taschen und Rucksäcke!

Sophie Charlotte wollte immer, wie Leibniz erwähnte,  „das Warum des Warum“ wissen – in diesem Sinne wünschen ich viel Vergnügen und bleiben Sie weiterhin neugierig.

go

 

 

 

 

Berliner Blau

In der Kategorie „Berlin als Namensgeber“  wird in Wikipedia auf  131 Seiten verwiesen. Ich war schon sehr erstaunt, wofür Berlin alles herhalten muss. „Berliner Blau“ fand ich aber  toll, das war mir auch schon als Name und aus dem Studium  bekannt. Aber gibt es  das noch heute?

Blaumachen ist ja eine Eigenschaft, die besonders am Montag auch den Berlinern gern nachgesagt wird*. Ist nun Berliner Blau eine besondere Art des Hangovers nach der Sonntags-Party? Nein, Berliner Blau ist eine Erfindung aus Berlin zu Beginn des  18. Jahrhunderts, die einige  Väter hat. Sowohl ein Färber namens Diesbach  als auch der bekannte Hof-Mediziner  Georg Ernst Stahl  werden 1706 als Entdecker genannt. Es war vermutlich ein Zufall, das bei  der Verarbeitung von geronnenem Tierblut mit Pottasche (Kaliumcarbonat) und anschließender starker Erhitzung gelbe Kristalle entstanden, die –  mit Eisenspänen versetzt und mit Salzsäure  behandelt –  einen stabilen blauen Farbstoff ergaben, der lichtecht, hitzestabil und  leicht zu verarbeiten  war: das Berliner Blau, auch als Preußisch-Blau bekannt. Künstler und Drucker benutzten und benutzen das Pigment  gern und die Uniformen der preußischen Armee wurden statt mit dem aus Färberwaid gewonnen Indigo nun mit Preußisch Blau gefärbt.

Das Berliner Blau war das erste künstlich hergestellte Farbpigment, das nicht in der Natur vorkommt. Für die Kunst hatte es den unbestreitbaren Vorteil, brillant, lichtecht und preisgünstig zu sein, denn blauen Pigmente sind in der Natur selten.  Lapislazuli gehört dazu, ein tiefblauer Stein aus Afghanistan, dessen Pulver als „Ultramarin“ in der mittelalterlichen Kunst nur für Könige und Heilige sparsam eingesetzt wurde, da es so teuer war. Aber der noch heute benutzte Farbstoff hat noch andere Talente – so zum Beispiel  als Antidot bei Cäsium- und Thallium-Vergiftungen. Er bindet radioaktives Cäsium im Körper, erleichtert die Ausscheidung und senkt so die radioaktive Belastung.

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl wurde das leichtflüchtige und langlebige radioaktive Cäsium bis nach Bayern und Baden-Württemberg durch den Wind (Fallout) verteilt. In Lappland sind ganze Rentierherden  kontaminiert, die seit Jahren mit Berliner Blau über Salzlecksteine entgiftet werden. Dabei sind eigentlich nicht die Tiere das Problem, sondern die verstrahlte Nahrung, die sie – besonders über Pilze- aufnehmen. Bei 600 Becquerel pro Kilo liegt der EU-Grenzwert für Wildfleisch. 26 Tage beträgt die biologische Halbwertszeit für Cäsium 137 beim Wildschwein, die durch das Antidot verkürzt werden kann. Da Berlin damals eine geringere Belastung mit Cäsium abbekam, sind die Brandenburgischen Wildschweine nicht belastet (sagt der rbb). Anders in Bayern. Dort haben Versuche gezeigt, dass durch Kraftfutter mit Berliner Blau die Halbwertszeit im Tier gesenkt werden kann.

Und nun kommen wir aus Bayern zurück nach Berlin – zur  Firma Heyl, die ihren Verwaltungssitz am Kurfürstendamm 179 im denkmalgeschützten, 1952 erbauten Bayer-Haus hat. Die Firma geht auf eine 1734 in Charlottenburg  gegründete Farbenfabrik zurück, aus der 1926 die Firma „Heyl Chemisch-pharmazeutische Fabrik“ entstandt. Seit 1976 ist die Firma führend in der Entwicklung von Antidota und damit auch für Berliner Blau (chemisch Eisen(III)-hexacyanoferrat (II)). Die „Radiogardase®„-Kapseln sind ein weltweit eingesetztes Mittel zur  Ausscheidung bzw. Verhinderung der Aufnahme von radioaktivem Cäsium. Und somit ist das Berliner Blau auch heute noch eine wirkliche Bereicherung für die Welt- als Pigment und als Antidot aus einer Berliner Firma.

Freut sich mw

 

* Apropos Blaumachen: Es wird vermutet, dass die Redewendung von der Waidfarbenproduktion stammt.  Der Färberwaid wurde in Kübeln mit (menschlichem) Urin vergoren. Um genügend Urin zu erhalten, wurde an dem Tag reichlich getrunken. Auch die später gefärbten Stoffe mussten beim Färbevorgang an der Luft trocknen, wobei die blaue Färbung  entstand. Auch da musste der Färber warten, woraus vermutlich der allgemeinsprachliche Ausdruck fürs „Nichtstun“ entstand. Sprachforscher sehen das allerdings nur als hübsche Geschichte an.

Berlin – Kulturgenuss gratis

Vielleicht haben Sie sich fürs neue Jahr vorgenommen, ein wenig mehr für sich selbst (und den Geist) zu tun, ein wenig mehr Zeit in Ausstellungen, Konzerten oder sonstigen Kulturveranstaltungen zu verbringen. Ja, schon, aber….  das geht ins Geld, es kostet oft zu viel. Eigentlich …..  denn Kulturgenuss in Berlin muss nicht teuer sein.  Viele Events und Ausstellungen sind kostenlos.

Eine Übersicht aktueller Veranstaltungen mit freiem Eintritt finden Sie zum Beispiel  auf der Website Berlin.de unter „Berlin gratis“  –  https://www.berlin.de/kultur-und-tickets/gratis.
So gibt es zum Beispiel im Willy-Brandt-Haus bis 21. Januar 2018  eine interessante  Ausstellung: Sony World Photography Awards 2017.  Aus über 227.000 Einsendungen wurden die besten Fotografien ausgesucht und sind in einer Ausstellung zu sehen. // Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr 28, 10963 Berlin; Öffnungszeiten:  Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr; Eintritt frei (Personalausweis, Reisepass oder Führerschein erforderlich).

Oder Sie haben Lust auf  Konzerte und Ausstellungen in Kirchen. Auch hier gibt es gute Website  http://www.kultur-in-kirchen.info , wo Sie unzählige Möglichkeit finden – meist ist der Eintritt frei. Es gibt auch ein Printheft dazu, das Sie in Buchhandlungen, Kirchen etc. finden.
Jeden Samstag um 12 Uhr können Sie  in der Kirche Am Hohenzollerndamm bei freiem Eintritt 30 Minuten Musik hören:  „NoonSong“.
Auch heute, am 13. Januar könnten Sie sich das das Friedenauer Kammerensemble in der Emmaus Kirche in Kreuzberg um 17 Uhr  anhören (Eintritt frei) oder
am 24. Januar in der St.Hedwigs-Kathedrale um 15 Uhr 30 Minuten Orgelmusik genießen, in der  Dorfkirche Heiligensee gibt es am 26.Januar 2018, 17 Uhr,  ein Konzert für  Saxophone und Orgel. Eintritt frei.
Am 24. Januar  um 15 Uhr „Klein aber fein:Doroethee Frandsen (Zeichnungen) und Lilo Gericke-Zaki (Collagen) im Spandovia Sacra, Museum der Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai in Spandau  –
Sie sehen, es gibt wirklich unzählige Gelegenheit überall in der Stadt.

Vielleicht kennen Sie ja auch schon die  Lunchkonzerte im Hauptfoyer der Philharmonie, die immer dienstags 13 Uhr stattfinden – bei freiem Eintritt (allerdings auf 1.500 Besucher begrenzt). Sie sind mittlerweile eine Institution und  bieten für alle, die Lust und Zeit haben,  für ca. 45 Minuten aus der Hektik des Alltags auszusteigen. Vielleicht gehen Sie selten in ein Konzert, weil Sie die späte Heimfahrt scheuen. Dann wäre doch so ein Lunchkonzert geradezu ideal für Sie. Allerdings sollten Sie rechtzeitig, in diesem Fall heißt das, um 12 Uhr da sein, denn die Benutzung der Bestuhlung ist nur mit Schwerbehinderten-Ausweis möglich, alle anderen müssen sich auf den wenigen Stühlen, auf den Treppen, am Geländer oder auf dem Boden bequem machen – ein bisschen wie in Studententagen. Wenn Sie aber unter den ersten sind, gehen Sie gleich Richtung Café. Dort gibt es ein paar Stühle (und Tische) und ein günstiges Catering. Und wenn Sie einen Stuhl gefunden haben,  halten Sie ihn fest. Das ist tatsächlich eine Einschränkung, aber die Akustik ist wunderbar und zu hören sind nicht nur Mitglieder der Berliner Philharmoniker und Stipendiaten der Karajan-Akademie bestritten, sondern auch Instrumentalisten des Deutschen Symphonie-Orchesters und der Staatskapelle Berlin sowie Studierenden der Berliner Musikhochschulen. Es ist ein Genuß für die Ohren und entlässt den Zuhörer beschwingt in die zweite Hälfte des Tages.
Die nächsten Konzerte sind am 16. und 23. Januar 2018 – weitere Infos unter https://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/lunchkonzerte.

Vielleicht möchten Sie aber viel lieber in Museen gehen. Dann empfehle ich Ihnen mal unter https://www.berlin.de/museum/eintritt-frei/ nachzusehen. Die meisten Gedenkstätten, regionale und historische Museen sowie Sammlungen gewähren generell freien Eintritt. Einige Museen bieten aber auch kostenlosen Zugang an bestimmten Tagen.

Villa Oppenheim (c) Museumportal Berlin

Auf der genannten Seite können Sie alle Museen durchsehen, ob ihr favorisiertes Museum freien Eintritt hat –  so wie zum Beispiel das Architekturmuseum, das mw in seinem Beitrag vom 7.Januar 2018 erwähnte oder das hübsche Knoblauch-Haus im Nikolaiviertel. Vielleicht haben Sie es ja auch nicht weit zur schönen Villa Oppenheim, in der  das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf untergebracht ist (Schlossstr. 55, gleich beim Schloss Charlottenburg). Hier ist immer wieder etwas zu entdecken zur Regionalgeschichte wie z.B. „Sorgenfrei – Die Geschichte der Villa Oppenheim und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner“.

Und dann noch ein letzter Tipp: Der Verein KulturLeben Berlin – Schlüssel zur Kultur e.V. vermittelt seit 2010 Veranstaltungstickets kostenlos an Menschen mit geringem Einkommen. Denn Kultur ist ein hohes Gut und sollte für alle zugänglich sein.http://www.kulturleben-berlin.de.  Sie müssen sich lediglich  anmelden und einen Nachweis über Ihr geringes Einkommen zeigen und schon können Sie sich ins Berliner Kulturleben stürzen.

Und vielleicht wissen Sie auch, dass es immer wieder mal interessante Veranstaltungen gibt, die Karten verlosen – nicht nur im Kulturradio des rbb, auch zum Beispiel bei  „Ask Helmut“ oder „TwoTicket.de“, die Sie mit Glück gratis zu Ihrem gewünschten Event bringen.

Nun haben Sie die Qual der Wahl.

Was für ein enormes Angebot für kostenloses Kulturerleben, mehr als man so auf Anhieb denkt. Danke Berlin!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen kultur-genußreichen, zufriedenen Start in ein schwungvolles Jahr

und bleiben Sie weiterhin neugierig!
go

 

Bin ich noch attraktiv?

Natürlich stelle ich mir diese Frage nicht mehr, zumindest nicht in dieser konkreten Form.

Und doch ist sie nicht ganz aus meinem Kopf verschwunden: Denn die gesellschaftliche Realität zeigt ziemlich deutlich, dass Jugendlichkeit offenbar einen Wert an sich hat. Und weil das so ist, wird der uralte Traum der ewigen Jugend immer wieder neu geträumt; seine Blüten werden mit den „technischen“ Möglichkeiten  immer bunter.

Dieser Jugendlichkeitswahn – er mag verständlich sein, denn alt werden und sein heißt auch, die Vergänglichkeit zu akzeptieren und die Nähe zum Sterben nicht zu leugnen. Jugend suggeriert Unsterblichkeit. Und wer wünschte sie sich nicht?

Früher, als ich noch ziemlich diesseits der 60 war, habe ich kaum daran gedacht, dass das Leben endlich ist. Und die glatte Haut, das faltenfreie Gesicht, die Beweglichkeit – dass auch das einmal zu Ende gehen würde, der Gedanke ist mir selten gekommen.

Inzwischen aber komme ich gar nicht umhin, zu akzeptieren, dass ich nicht nur an Jahren älter werde, sondern auch mein Körper sich  verändert. Und seitdem ich die 60 deutlich überschritten habe, geschieht das keineswegs “auf unsichtbare Weise“. Ich kann es eigentlich kaum übersehen!

Eigentlich! Denn andererseits „übersehe“ ich es doch, denn  mein Blick in den Spiegel hat sich verändert: Ich schaue „blind“ und vermeide es, allzu genau  hinzusehen, wie das Alter mein Gesicht verändert. Bei alltäglichen Verrichtungen wie Cremen, Kämmen, auch beim Make-up funktioniert das ziemlich gut.

Umso  mehr erschrecke ich, wenn ich mir unvermittelt in einem großen Spiegel begegne. Auf den Rolltreppen in einem Kaufhaus zum Beispiel. Bin das wirklich ich?

 Aber ich sehe auch etwas anderes: Dass es viele  alt gewordene Gesichter gibt, die mir spontan sympathisch sind, die „schön“ sind.  Vielleicht weil das Gesicht  das Leben spiegelt,  die Erfahrung und auch wohl so etwas wie Unabhängigkeit. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?

Mich selbst hingegen sehe ich nur  durch die Brille der anderen und diese Brille kann – so empfinde ich es –nur kühl feststellt: Sie wird alt!

Und ebenso unbarmherzig sehe ich das Altern meines Körpers: Mit dem ich früher durchwegs zufrieden war, ich mochte ihn und ich fühlte mich wohl in ihm.

Das ist vorbei.

Ich vermeide es, mir meinen Verfall allzu genau anzuschauen. Der Hintern schlägt Falten, die Taille verschwimmt, die Haut bekommt Runzeln und Dellen, der Hals ist schon längst kein Schwanenhals mehr und das Dekolleté  keine Verführung. Denken Sie, das klingt zu hart? Ich glaube, dass es eine ziemlich ehrliche Bestandsaufnahme ist.

Deshalb irritiert es mich, dass seit geraumer Zeit suggeriert wird, dass auch ein alter Körper „schön“ sein kann. Er hat, so heißt es, eine besondere Art der Schönheit. Fotoausstellungen land auf, land ab sollen davon zeugen. Und es gibt in der Art und Weise, den Körper des alten Menschen darzustellen, kaum noch Tabus.

Mich schreckt das ab; ich halte es  für eine Verletzung der Intimsphäre der alten Menschen oder genauer: Ich halte es für eine Zumutung. So wie ich meinen alten Körper auch als Zumutung empfinde.

Ich höre jetzt schon das Argument, diese Aussagen seien diskriminierend. Dagegen wehre ich mich: Mir ist das Alter, mein Alter wichtig. Und ich möchte keine von außen  auferlegten Einschränkungen erleben müssen, nur weil ich alt bin. Aber ich möchte nicht, dass mein Körper, dessen Verfall nicht aufzuhalten ist und den ich auch gar nicht künstlich aufhalten will, mit einem – von mir  – als falsch empfundenen Schönheitsbegriff stilisiert wird.

Er ist es nicht. Und ich möchte das sagen können, ohne geschmäht zu werden.

Mehr nicht. 

Jean Améry hat einmal gesagt:

„Unser ganzes Leben vergeht in dem absurden Bemühen, dem Unausweichlichen auszuweichen“.

Dem ist nichts hinzufügen. Vielleicht noch dieser Satz  von Sommerset Maugham:

Die Zeit ist ein guter Arzt, aber ein schlechter Kosmetiker“.

Paula

 

Bild 1)   Akt von Frank Kupka (Flächen durch Farben, großer Frauenakt, 1909/10 , entnommen aus dem Buch “Guggenheim”, herausgegeben von den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, 1989, als Buchausgabe erschienen bei der Edition Cantz.
Bild 2)  Titelbild aus eben diesem Katalog/Buch. Das Bild “Akt” ist von A. Modigliani, 1917
Bild 3)  “Akt” (Fernande) von Picasso, 1906, entnommen aus: Picasso, Pastelle, Zeichnungen, Aquarelle, erschienen als Buch bei Hatje, herausgegeben von Werner Spies, 1986.

 

 

Das Erbe von El-Andalus

Carl von Diebitsch und die Entdeckung des Erbe von El-Andalus

Dem Lebenswerk des Absolventen der Berliner Bauakademie Carl von Diebitsch (1819-1869) ist eine kleine, aber sehenswerte Ausstellung im Architekturmuseum der TU Berlin im Untergeschoss des Scharoun-Flügels (Flachbau) am Ernst-Reuter-Platz (links an der Straße des 17.Juni) gewidmet. Aus dem Nachlass des Architekten hat sich eine große Zahl Architekturstudien und Bauentwürfe erhalten, die zeigen, wie Diebitsch die maurische Architektur des islamischen Andalusiens als Quelle für einen Revival-Stil im Historizismus entwickelte und so die nasridisch-orientalische Baukunst und ihren reichen ornamentalen Schmucks ins 19. Jahrhundert transformierte. Diese Faszination des Fremden bediente schon Ludwig Persius, der 1841 das Dampfmaschinenhaus für Sanssouci in Form einer Moschee baute.
Die in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich konzipierte Ausstellung A fashionable Style. Carl von Diebitsch und das Maurische Revival  ist noch nächste Woche am Montag und Dienstag von 12-16 Uhr zu besichtigen (bis 10.1.2018).

http://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/index.php?p=644

1841 beendete Diebitsch seine Ausbildung an der berühmten Berliner Bauakademie. 1846 reiste er nach Andalusien und kam mit der maurischen Baukunst in Granada in Berührung. Er entwickelte ein Kopierverfahren für den ornamentalen Schmuck und konnte so seriell Gipsabgüsse herstellen, die er fortan für die Gestaltung seiner neo-maurischen Innenräume benutzte. Die maurische Faszination bestimmte von nun an sein gesamtes architektonisches Schaffen. Den ersten Auftrag erhielt er 1854 für Schloss Albrechtsberg. Er entwarf ein türkisches Bad nach dem Vorbild eines Bades in der Alhambra, das sich bis heute erhalten hat. Das Schloss am rechten Elbufer im Dresdner Stadtteil Loschwitz wurde zwischen 1850 und 54 für Prinz Albrecht von Preußen (1809–1872), den jüngsten Bruder des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gebaut, der wegen einer nicht standesgemäßen Ehefrau am preußischen Hof nicht mehr erwünscht war. Auch im Schloss Schwerin gab es ein türkisches Bad nach Entwürfen Diebitsch‘.

Zeitgleich entwarf er für das unter Friedrich Wilhelm IV. errichtete Belvedere auf dem Pfingstberg in Potsdam ein Maurisches Kabinett mit bunt- glasierten und vergoldeten Fliesen, das ebenfalls erhalten und heute ein beliebter Trauungsort ist.

Tempelgarten (c) mw

1857 baute er ein großes „maurisches“ Mietshaus am Landwehrkanal, das er auch selbst bewohnte. Das Haus wurde im Krieg zerstört. Entwurfsskizzen und Abbildungen – sogar für Möbel und Interieur im maurischen Stil – lassen die Pracht ahnen.

Tempelgarten (c) mw

Einen weiteren Auftrag für ein Gebäude im maurischen Stil vermittelte ihm der Berliner Orient-Maler Wilhelm Gentz (1822 -1890), den er in Grenada kennenlernte. Wilhelm war der älteste Sohn des Neuruppiner Unternehmers Ludwig Alexander Gentz. Dieser hatte Gut Gentzrode bei Neuruppin als landwirtschaftlichen Musterbetrieb gegründet. 1861 wurde hier nach Entwürfen von Carl von Diebitsch der maurische Kornspeicher gebaut. 1853 erwarb die Familie des Unternehmers Gentz das Grundstück des Tempelgartens in der Fontane-Stadt Neuruppin, um einen Ort zum Andenken an den Aufenthalt Friedrichs II. zu schaffen, der hier seit 1732 als Kronprinz und Regimentskommandeur seinen Sitz hatte. Carl von Diebitsch entwarf 1858 Villa und Gärtnerhaus mit stilisierten Minarett, die Eingangstore und Umfassungsmauern samt einer angedeuteten Bastion in orientalisierender Form. Alles ist heute noch erhalten und wunderbar restauriert. Ein Besuch im Sommer lohnt! Leider wird dieses Schmuckstück in der Ausstellung nicht erwähnt, schade.

Der nächste Coup Diebitsch´ war dann ein maurischer Kiosk mit goldener Mittelkuppel und kleinem Minarett, den er für die Pariser Weltausstellung 1867 entwarf, und der als offizieller Beitrag Preußens gezeigt wurde. Nach der Weltausstellung kaufte der Berliner „Eisenbahnkönig“ Henry Strousberg den Kiosk. Nach dessen Pleite im Jahr 1875 wurde der Kiosk von König Ludwig II. für die Parkanlagen des Schlosses Linderhof im Ettal erworben. Neue Glasfenster (von Georg Dollmann) ließen das Gesamtkunstwerk im Innern wie Edelstein flimmern. Der Raum wurde um eine Apsis erweitert.

(c) SchlossLinderhof.de

Ein Marmorbrunnen und ein luxuriöser Pfauenthron, der in einer Thronnische aufgestellt wurde, ergänzten seither das Inventar. 1862 wurde Diebitsch vom ägyptischen Vizekönig nach Kairo eingeladen, wo er einige Aufträge für Palastbauten erhielt, von denen Details heute noch erhalten sind.

1869 starb Diebitsch in Kairo. Sein Grab befindet sich dort auf dem englischen Friedhof. Der von ihm maßgeblich beeinflusste maurische Revival Stil des Historizismus findet sich in

(c) SchlossLinderhof.de

Berlin auch am Gebäude der neuen Synagoge, die 1866 geweiht wurde und deren Architekt Eduard Knobloch ist. Doch auch in anderen europäischen Ländern hatte der „maurische Stil“ als Teil des Historismus bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Nachahmer gefunden. Auch darüber berichtet die Ausstellung.

Und neulich ist mir ein Gründerzeit-Wohnhaus Pallasstraße/Ecke Gleditschstraße aufgefallen, dass auch „maurische“ Stilelemente aufweist. Gehen Sie mit offenen Augen durch Berlin, es gibt immer was zu entdecken!

Meint mw

Wegwerfen – ein guter Vorsatz fürs neue Jahr

Wegwerfen oder nicht? Das ist hier die Frage

Ich sitze hier nun – mit guten Vorsätzen fürs neue Jahr –  vor meinem Schreibtisch und möchte Ordnung schaffen. Der Papierberg vor mir rechts ist so groß, dass ich kaum darüber weg blicken kann. Was hat sich da nur alles angesammelt!

Ein schlauer Mensch hat wohl einmal festgestellt: was man in den letzten drei Jahren nicht mehr benutzt hat, kann weggeschmissen werden. Tja, selbst das Netz bietet seitenlang lediglich nur Antworten auf das große Wegschmeißen von Lebensmittel.  Oder seitenlang Alternativen „wegschmeißen oder verkaufen“.  Auch da würde es ja wieder los gehen:  Fotos machen, anmelden, Passwort, verhandeln per Mail oder ggf. per Telefon. Ich will einfach nur wegschmeißen!!

Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit daran, dass ich als Selbstständiger vor Jahren meinen Laden aufgelöst (welch elegante Umschreibung) habe. Unterm Strich habe ich damals  99% weggeschmissen. Trauriger weise stellte ich auch nach Jahren noch fest: es wäre alles noch zu gebrauchen gewesen. Nun gut – weg ist weg und erledigt. Und den Richtigen zu finden,  der damit, ob geschenkt oder gekauft, noch etwas anfangen kann, ist das Suchen nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Trotzdem bekam ich regelmäßig zittrige Hände wenn  ein Gegenstand über der Mülltonne zum Einwurf schwebte, ich hörte ihn jedes Mal vor Aufbegehren schreien. Es machte plumps, klirr und er war WEG. Ganz einfach WEG.

Wo fange ich an? Soll ich erst mal nach Jahren (s. Poststempel) oder nach Themen wie Urlaub, Gebrauchsanweisungen, Krankenkasse, Bankbericht u.v.a.m. sortieren, um dann den Mülleimer zu erfreuen? So – jetzt aber los.  Ich gucke mir beim Sortieren die Unterlagen noch einmal an und denke, die kannst Du doch noch gebrauchen, hier wolltest Du doch nochmal nachfassen, oder hier sollte ich noch einmal anrufen…. Der Stapel von rechts wurde immer kleiner und landete auf der linken Seite. Jetzt aber nach Datum und Themen geordnet. Leider wurde er nicht kleiner. Und NUN?

Tatsächlich kam mir jetzt der Gedanke Ja oder Nein, kann weg oder kann nicht weg. Der Stapel links guckte mich traurig, fast flehentlich an, aber ich war stärker und bereit zum Handeln. Der Gedanke  kann weg siegte und immer häufiger kam mir dieser entschlossene Gedanke weg in den Sinn.

Nur manchmal merkte ich tatsächlich das Ringen in meinem Kopf: Brauchst du das nicht doch noch? Wolltest du nicht noch? Kannst du nicht eventuell nochmal? Leg das doch einfach nochmal zur Seite….Nein: ich blieb stark!

Liebe Blogleser,  ich denke,  Sie können es nachvollziehen wie es mir erging. Wenn Sie andere Erfahrungen gemacht haben, dann schreiben Sie doch einfach mal einen Kommentar. Das wäre doch mal eine gute Tat und wird bestimmt nicht weggeworfen. Ich freue mich auf Ihre Kommentare

Ihr brd

Steht er bei Ihnen noch?

Vor zwei Jahren, am 27. Dezember 2015,  erschien hier im Blog ein Beitrag von Lothar Beckmann, der mir seitdem immer zur Weihnachtszeit mit seiner damals gestellten Frage  „Wann fliegt er denn bei Ihnen raus?“ durch den Kopf geht. Und beim Anblick der ersten am Wegesrand entsorgten Weihnachtsbäume bereits kurz nach den Feiertagen fiel er mir wieder ein und aus diesem Grund möchte ich ihn heute noch einmal aus dem „Archiv“ holen:

Schmücken – bewundern – rauswerfen

Wann fliegt er denn bei Ihnen raus? Gleich nach Weihnachten, am Drittfeiertag, wie mein Großvater immer zu sagen pflegte, oder erst nach Silvester und Neujahr. Oder etwa noch später – nach dem 6. Januar, nach Epiphanias, wie evangelische Christen den Tag nennen, oder nach Heilige Drei Könige, wie er meist in katholischen Gegenden heißt?

Der Besuch des Weihnachtsbaums endet bei uns stets mit einem tragischen Fenstersturz und dann draußen neben dem Rinnstein bei seinen ebenfalls abgetakelten Artgenossen. Immer ist der Abschied dieses standhaften Besuchers schmucklos und endgültig. Erst stattlich grün in die Wohnung gehievt und von allen Familienmitgliedern freudig begrüßt, sind wir dann froh über seinen Rausschmiss, denn er sieht am Schluss hässlich und ziemlich grau aus. Aus dem Schmuckstück im Wohnzimmer – „So einen schönen Baumweihnachten 2011 015 hatten wir aber noch nie!“ – ist in vierzehn Tagen ein Schmutzfänger geworden.
Sein tragisches Ende ist stets das gleiche. Aber wann?

Unter Kollegen auf der Arbeit hatten wir uns fast Weihnachten2013 (33)gestritten. Die  Christbaum-Fraktion, die Mitglieder sind fast alle südlich des Mains geboren, hielt es mit dem friedlichen Gast am längsten aus. „Vor Heilige Drei Könige geht da nix, die Könige aus dem Morgenland gehören doch zum Christfest dazu“, erklärte ihre Wortführerin fast ein wenig pampig. Als ob die drei Weisen aus dem Morgenland überall kontrollieren, wie lange dem abgesägten Baum noch kostenlose Logis gewährt wird.

Die Weihnachtsbaum-Partei, ihre Genossen stammten meist aus Nord- und Ostdeutschland, sah das aber ganz anders: „Silvester stört der nadelnde Strunk doch nur. Ich putze doch nicht dauernd um den herum.“ Höchstens eine Woche nach der feierlich-traditionellen Begrüßung mit „O, Tannenbaum“ macht er die Fliege wie ein unerwünschter Versicherungsvertreter. Nun gut, dem weist man viel eher die Tür und lässt ihn auch nicht auf den Balkon warten, bis die Zeit heran ist.
Die Gastfreundschaft für den Besucher, der nicht nur zur Sommerzeit grünt und schristbaumeine Mindesthaltbarkeit in der Stube durch starke Vergrauung anzeigt, scheint also vom Namen abzuhängen. Dem Christbaum wird ein längeres Aufenthaltsrecht gewährt als dem Weihnachtsbaum.

Aber kritische Beobachter aus unserer Nachbarschaft berichten, dass im vergangenen Jahr der Ostwind bereits drei (!) Tage nach Heiligabend einige der ehemals hoch dekorierten Fest-Exemplare über den Bürgersteig blies. Die Gastgeber der so früh ausgesetzten und vom Winde verwehten, einst tadellosen und nunmehr fast nadellosen Dekorationsstücke, wie nennen die wohl ihr Bäumchen? Vielleicht ganz schlicht und einfach – Tannenbaum. Der hätte dann die kürzeste Überlebenszeit in der Weihnachtsstube.

Vom an deren Extrem erzählte mir vor vielen Jahren einmal ein bayerischer Christbaumständer-Hersteller. Er lobte über den grünen Klee seine tollen, mit Wasser zu füllenden Baumständer. Regelmäßig nachgegossen und im metallenen Stammhalter der Extra-Klasse verankert trotze der Nadelbaum dem warmen Raumklima am besten. Garantiert! Bei ihm, in seiner Bauernstube stehe der Weihnachtsbaum jedes Jahr bis zu Mariä Lichtmess, dem letzten Fest in der Weihnachtszeit.  Das feiern Katholiken 40 Tage nach dem 1. Weihnachtstag, also am 2. Februar. Ich weiß bis heute nicht, ob ich ihm glauben soll…

Lothar Beckmann

… und ein gutes Neues Jahr!

Botanischer Garten Berlin

 

 Im neuen Jahr lesen wir uns wieder!

Bis dahin wünschen wir Ihnen

einen guten Rutsch in ein gesundes, glückliches  2018!

 

Fröhliche Weihnachten

 

Wir wünschen Ihnen allen

fröhliche und friedvolle Weihnachtstage

Ihr Team von Berlinab50

Ob blond, ob braun…

Die letzten Wochen lächelten sie uns wieder an –  Raphaels Engel, die zu Füßen der Sixtinischen Madonna versonnen in die Welt schauen. Sie lächeln von Adventskalender, von Weihnachtstüten und Geschenkpapier, sie lächeln aus Schaufenster, von Litfaßsäulen und von Verkaufsständern. Und  – sie sind nicht blond.

Ich erwähne es deshalb, weil ich neulich mit einem Freund einen interessanten Dialog führte – über Engel. Spontan gefragt waren für ihn Engel selbstverständlich blond gelockt und weiblich.

Nein, sagte ich – natürlich männlich. Es gibt die Erzengel Gabriel, Michael und Raphael. Gabriel überbringt Maria die Nachricht von ihrer bevorstehenden Schwangerschaft…

Ja, aber das Nürnberger Christkind, das den Weihnachtsmarkt eröffnet, ist doch eindeutig blond gelockt und weiblich…

Aber die Putti in barocken Kirchen sind eindeutig männlich, entgegne ich und gleichzeitig kommen mir Bilder von goldgelockten Engelchen in den Sinn.

Die Frage beschäftigt mich:
In der Antike war das dem Gold entsprechende Blond  den Göttern und Herrschern vorbehalten. In der europäischen Malerei steht „blond“ für Unschuld und Sanftmut, auch für Reinheit, Tugendhaftigkeit und Gemütstiefe. In unseren Märchen sind die Prinzessinnen blond. Denken Sie nur an Goldmarie und Pechmarie in „Frau Holle“ oder an „Dornröschen“ oder an die „Die Schöne und das Biest“  – mir fällt nur „Schneewittchen“ als Ausnahme ein.  Im 20. Jahrhundert  gilt dies auch für die Protagonistinnen in Film und Fernsehen –  von Mary Pickford, Marilyn Monroe oder Doris Day bis hin zu Nicole Kidman. Achten Sie mal drauf. Barbie ist auch blond – und eben auch Engel.

Das erklärt ein wenig das „blond“, aber „blonde“ Engel sind ja nicht automatisch weiblich…

Wir kennen den Erzengel Michael, der Adam und Eva den Zutritt ins Paradies verwehrt,  wir kennen den bereits erwähnten Erzengel Gabriel, der Maria über ihre bevorstehende Schwanger-
schaft unterrichtet.  In der künstlerischen Darstellung machte vor allem Gabriel einige Wandlung mit. Während er  im 11. und 12. Jahrhundert ein männliches Aussehen hat, wird er im 13. und 14. Jahrhundert geschlechtsneutral und in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch weiblich dargestellt. Michael dagegen bleibt der (männliche) Bezwinger des Drachens.

Nun werden in der Bibel verschiedene Arten von Engeln erwähnt, es gibt über 300 Textstellen. In der bildlichen und plastischen Darstellung entwickelt sich daher im Laufe der Zeit eine unermessliche Vielfalt an Engelsbildern. Nach der Engellehre des Pseudo-Dionysius Areopagita aus dem frühen 6.Jhdt lassen sich ab dem Mittelalter verschiedene Arten von Engeln unterscheiden, die in insgesamt neun Chöre untergliedert sind und in Dreiergruppen zusammengefasst werden. Damit beginnt es bei der Engeln sehr menschlich zu werden: Es ist der Beginn der Hierarchie.

Cherubine und Seraphine (wie z.B. auch in dem Kirchenlied „Großer Gott , wir loben Dich“ angeführt ) gehören zum Beispiel in die oberste Hierarchiestufe und sind „himmlische Berater“, danach kommen die „himmlischen Verwalter“ und zu unterst die „himmlischen Boten“ – wie eben der Erzengel Gabriel oder ist er doch der „Vorsteher der Cherubim und Seraphim“?

Ich lese, dass durch Wechselwirkung zwischen bildenden Künsten, Volksüberlieferungen und geheimnisvollen Texten verschiedenster Gelehrter  keine einzelne, christliche Engelstradition sich je hat durchsetzen und halten können. Das erklärt vielleicht, warum die geflügelten Boten Gottes als geschlechtslose Wesen auftauchen, in der Gotik dann als junge Männer in langen weißen Gewändern mit Heiligenschein, bevor sie in der Frührenaissance zu lieblichen Mädchen wurden. Im Barock, Rokoko sind die kleinen Putti dann eindeutig wieder männlich  und in der Romantik sind es vor allem nun androgyne Wesen. Die Engel des Christentums blieben also immer in Bewegung. Verwirrende Engelswelt.

Eröffnung Christkindlesmarkt 2011                   Foto: Christine Dierenbach / Ausschnitt

Übrigens reicht bis ins 17.Jahrhundert die Tradition des „Nürnberger Christkindlesmarkt“ zurück, der seit 1948 von einem weiblichen (!) „Christkind“  eröffnet wird. Alle zwei Jahre wird eine junge Frau im Alter zwischen 16 und 19 Jahre für eine zweijährige Amtszeit gewählt und dieser „Weihnachtsengel“ eröffnet nicht nur den Nürnberger Weihnachtsmarkt, sondern auch den Christkindlesmarkt in Chicago.

Ab dem späten Mittelalter wurden die Himmelsboten dann immer mehr zu persönlichen Schutzengeln der Menschen, die ihm in schweren Stunden beistehen und vor Unglück bewahren.   Der Dichter Jean Paul schreibt dann auch „Die Schutzengel unseres Lebens fliegen manchmal so hoch, dass wir sie nicht mehr sehen können, doch sie verlieren uns niemals aus den Augen.“ Eine durchaus tröstliche Vorstellung.

Die Vielfalt von Engelsdarstellungen hat mich mehr verwirrt  als  meine Vorstellung eindeutig untermauert. Ich weiß immer nicht, ob’s nicht auch weibliche Engel in der Himmlischen Hierarchie gibt oder männliche nur einfach gerne auch mal eine zeitlange weibliche Kleidung tragen, ich weiß auch nicht, ob Raphaels Engel männlich oder weiblich sind, denn sie stecken in einer dicken weißen Wolke…. aber vielleicht kommt es ja  unseren gender-gerechten Bestrebungen geradezu  entgegen, dass diese Frage nicht endgültig zu klären ist.

„Wieviele Engel gibt es? Einer, der unser Leben verändert, genügt völlig“ sagt ein Sprichwort.

Ob für Sie Weihnachtsengel blond oder dunkel, männlich oder weiblich sind,  es ist egal. Hauptsache Sie haben fröhliche und harmonische, einfach himmlische Weihnachtstage.

Das wünscht Ihnen

go

Fotos (c) mw/go